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Blut-Rätsel der AntarktisDas steckt hinter dem schaurigen Geheimnis im ewigen Eis

Blutfall des Taylor-Gletschers in der Antarktis, hier auf einem Archivfoto aus dem Jahr 2013.

Copyright: IMAGO / Aurora Photos

Blutfall des Taylor-Gletschers in der Antarktis, hier auf einem Archivfoto aus dem Jahr 2013. 

Aus einem Gletscher im ewigen Eis quillt plötzlich eine blutrote Flüssigkeit. Ein gruseliges Mysterium. Was steckt dahinter?

Ein Bild, das Gänsehaut verursacht: Inmitten der weißen, endlosen Eislandschaft der Antarktis fließt auf einmal tiefrotes Wasser über einen Gletscher.

Seit der Geologe Griffith Taylor die „Blood Falls“ (Blutfälle) im Jahr 1911 fand, grübelten Wissenschaftler über dieses seltsame Naturschauspiel. Inzwischen gibt es die lang ersehnten Antworten auf das „Blut-Rätsel“.

So gelangt das „Blut“ nach oben

Wurde zunächst noch vermutet, dass Algen für die unheimliche Rotfärbung zuständig seien, ist die tatsächliche Erklärung der „Blood Falls“ weitaus verblüffender: Es ist eine eisenhaltige Salzlake, die seit unglaublichen 1,5 Millionen Jahren unter dem Taylor-Gletscher eingeschlossen ist.

Diese uralte Flüssigkeit hat ihren Ursprung in einem Meeresbecken, welches durch den wachsenden Gletscher von der Umgebung isoliert wurde.

Sobald diese Salzlake nach Äonen die Oberfläche erreicht und erstmals mit Sauerstoff reagiert, geschieht etwas Faszinierendes. Das enthaltene Eisen oxidiert – es rostet sozusagen – und verleiht dem Wasser seine blutrote Farbe.

Aber wie kommt die Flüssigkeit aus hunderten Metern Tiefe überhaupt an die Erdoberfläche? Schon 2018 wies ein Wissenschaftlerteam mittels Radarmessungen ein etwa 300 Meter langes Kanalsystem im Gletscherinneren nach.

Einzigartige Lebenswelt unter dem Eis

Eine aktuelle Veröffentlichung im Fachmagazin „Antarctic Science“ gewährt nun, bedingt durch eine „glückliche Kombination von Beobachtungen“ im September 2018, erstmalig genaue Einblicke, wie „t-online“ berichtet. Den Wissenschaftlern gelang es, einen vollständigen Ausfluss zu protokollieren, und sie begreifen nun den präzisen Prozess.

Über einen langen Zeitraum entsteht unter dem Gletscher ein gewaltiger Druck in der Salzlake. Ist dieser zu stark, wird die Flüssigkeit stoßweise herausgedrückt. Infolgedessen sinkt der Gletscher darüber erkennbar ab und seine Fortbewegung verlangsamt sich für kurze Zeit, ehe der Zyklus wieder von vorne startet.

Der Grund, warum das Wasser trotz extremer Kälte flüssig verbleibt, ist der enorm hohe Salzgehalt. Dieser reduziert den Gefrierpunkt erheblich. Die Eisforscherin Erin Pettit erläuterte dies so: „Auch wenn es zunächst widersprüchlich klingt: Wasser setzt beim Gefrieren Wärme frei, und diese Wärme erwärmt das umgebende, kältere Eis“.

Auf diese Weise frieren die Kanäle nicht zu und der Taylor-Gletscher gilt als der „kälteste bekannte Gletscher mit dauerhaft fließendem Wasser“.

Die vermutlich größte Überraschung steckt aber im Wasser selbst. In der Salzlake, die seit 1,5 Millionen Jahren vollständig von Licht und Luft isoliert ist, lebt eine Gemeinschaft von Mikroben. Der Mikrobiologin Jill Mikucki glückte die Entnahme einer Probe, woraufhin sie eine unerwartet vielfältige und lebendige Lebenswelt fand.

Diese mikroskopisch kleinen Organismen kommen zum Überleben ohne Licht und Sauerstoff aus. Ihre Lebensenergie beziehen sie aus chemischen Prozessen mit Sulfatverbindungen in der Salzlake. Dies macht die „Blood Falls“ zu einem der bemerkenswertesten natürlichen Laboratorien auf dem Planeten. Forscher verwenden sie als Vorlage, um zu untersuchen, wie Leben unter widrigsten Umständen existieren kann – möglicherweise sogar in den versteckten Ozeanen des Jupitermondes Europa oder des Saturnmondes Enceladus. (red)

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