Denk-Rebell Bazon Brock wird 90 – und ist kein bisschen leise.
„Alte Leute sind gefährlich“Beuys-Weggefährte Bazon Brock wird 90 und warnt vor dem Alter

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Bazon Brock hatte als bundesweit erster Professor einen Lehrstuhl für «Prophetie» inne.
Er ist «Denker im Dienst», «Künstler ohne Werk» und vor allem ein sprachgewaltiger Philosophie-Rebell: Bazon Brock wird 90! Für den früheren Professor aus Wuppertal und Weggefährten von Joseph Beuys (1921-1986) ist das Alter aber kein Grund, leise zu werden. Der runde Geburtstag ist am 2. Juni.
Brock nach seinem Befinden zu fragen, ist keine simple Angelegenheit. Seine Erwiderung ist eine komplette Weltanschauung: «Ich verfolge die apokalyptische optimistische Haltung, wie sie für Europa individuell wie auch kulturell und theologisch vermittelt ist», teilt er der dpa mit. «In meinem Ende liegt mein Anfang.»
Die Idee der Pensionierung empfindet Brock beinahe als Affront: «Jeder, der intelligent ist, hat noch nie an so etwas gedacht, wie sich zur Ruhe zu setzen.» Bereits anlässlich seines 85. Geburtstags äußerte der Denker mit dem weißen Haar eine provokante Warnung: «Alte Leute sind gefährlich, ihnen ist die Zukunft völlig egal.»
Einzigartiger Lehrstuhl für „Prophetie“
Als «Denk-Artist» ist Brock ebenfalls bekannt, ein umstrittener Performance-Künstler und Philosoph mit einer Vorliebe für ausufernde Monologe und eine komplexe Ideenwelt.
Brock rief etliche Institute ins Leben, zu denen das Institut für Rumorologie/Gerüchteverbreitung, das Labor für Universalpoesie und Prognostik, das Büro für Evidenzkritik sowie das Pathosinstitut Anderer Zustand zählen. In den Jahren 2014/2015 bekam Brock an der Hochschule der Bildenden Künste Saar eine Honorarprofessur für das Fachgebiet «Prophetie» – ein Novum in der deutschen Hochschulgeschichte.
In Berlin – seinem zweiten Zuhause neben dem Wuppertaler „Basislager“ – leitet Brock seit 2011 die „Denkerei“. Diese fungiert als «Institut für theoretische Kunst, Universalpoesie und Prognostik» und fokussiert sich auf die «Arbeit an unlösbaren Problemen». Der Salon für Intellektuelle ist im Hoftheater Kreuzberg beheimatet.
Brocks 90. Wiegenfest wird ebenfalls in der Hauptstadt zelebriert. Dafür möchten Darsteller wie Martin Wuttke, Angela Winkler und Fabian Hinrichs laut Mitteilung «einen erhebenden Radau» aufführen. Zum Thema Feiern hat Brock eine ganz eigene Ansicht: «Die Geburtstagsfeier gilt nicht dem Geburtstagskind, sondern denjenigen, die dem Geburtstagskind das Leben ermöglichen.»
Vom „Schwätzer“ zum Kunst-Experten
Der Name Bazon ist tatsächlich ein Künstlername für den 1936 in Stolp (Pommern) geborenen Jürgen Johannes Hermann Brock. Sein Lehrer für Latein gab ihm den griechischen Spitznamen «Schwätzer». Die Erlebnisse in der Kindheit während des Krieges, die Flucht vor der sowjetischen Armee, Mangel und Luftangriffe haben Brocks Weltanschauung geformt.
Er belegte die Fächer Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie, einer seiner Lehrer war Theodor W. Adorno in Frankfurt am Main. In den 1960er und 1970er Jahren zählte Brock zu den zentralen Figuren der Kunstvermittlung. Er schuf die Lehrmethode des „Action Teaching“, bei der jede Aussage zur Performance wird. In Kassel leitete er von 1968 bis 1992 die von ihm ins Leben gerufenen Documenta-Besucherschulen, um Kunst einem breiten Publikum zu erschließen.
Bürger zu Profis machen
In seinen jungen Jahren hielt Brock Vorlesungen im Kopfstand und warf seine Schuhe in den Vulkan Ätna. Bereits im Alter von 29 Jahren erhielt der ausgebildete Dramaturg und promovierte Philosoph eine Professur für Ästhetik in Hamburg.
Zusammen mit Peter Sloterdijk initiierte Brock in Karlsruhe «Profi-Bürgerbewegungen». Damit sollten Bürgerinnen und Bürger als Wähler, Patienten oder Verbraucher „professionalisiert“ werden. Von 1981 bis zu seiner Emeritierung 2001 besaß Brock den Lehrstuhl für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Wuppertaler Universität.
Nicht allein Joseph Beuys dehnte den Begriff der Kunst aus. Auch Brock wirkte in den 1960ern entscheidend an der Erweiterung des Verständnisses von Kunst und Ästhetik mit – zum Beispiel durch Abhandlungen über Wohnkultur, Soziodesign oder Kleidung. Beuys und Brock organisierten zudem gemeinsame Happenings und wurden so zu wichtigen Pionieren der Performance-Kunst.
Wie charakterisiert sich Brock? «Ein Mensch mit beispielhafter Geistesgegenwart», erklärt er. Und sein Ziel? «Keine ideologische Verblendung, weder links noch rechts, keine märchenhafte Übersteigerung, kein Mystizismus und der ganze Blödsinn. Sondern sagen: Wach sein, das ist alles.»
Brock ergreift nach wie vor in öffentlichen Diskussionen das Wort, beispielsweise zur Documenta 15. Diese wurde 2022 von einer indonesischen Gruppe kuratiert und aufgrund antisemitischer Abbildungen stark kritisiert. «Wir entsprechen mit dieser Documenta genau der Weltlage», kommentierte Brock.
Optimismus als Verpflichtung
Die Mission der Kultur ist für den provokanten Denker klar: «Die Leute zu befähigen, sich zu entfalten, als wären sie unsterblich. Aber nicht im Sinne der Allmachtswahnsinnigen, der Psychopathen, sondern als wären sie bis zur letzten Stunde ihres Todes im Vollbesitz ihrer Aktionskraft.»
Für Brock existiert eine Notwendigkeit zum Optimismus, selbst wenn dies angesichts der momentanen Weltlage nicht leicht ist. «Jeder weiß, dass er einen Tag sterben wird», stellt er fest. «Er kann aber nicht durch die Gewissheit des Todes überzeugt werden, überhaupt nicht mehr zu leben. Die Gewissheit des Todes ist die Aufforderung anzufangen.» (dpa/red)
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