„Wissen nicht, wie viele“Tausende Menschen bei Konzert in Lützerath – auch Aktivistin Luisa Neubauer

Teilnehmer einer Kundgebung am Rand des Tagebaus in der Nähe von Lützerath kreuzen als zeichen des Widerstandes ihre Arme. Lützerath soll zur Erweiterung des Braunkohletagebaus Garzweiler II abgebaggert werden. +++ dpa-Bildfunk +++

Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Kundgebung am Rand des Tagebaus in der Nähe von Lützerath kreuzen als Zeichen des Widerstandes am Sonntag (8. Januar 2023) ihre Arme.

Die geplante Räumung von Lützerath rückt immer näher. Bei einem Konzert der Kölner Band AnnenMayKantereit waren mehrere tausend Menschen vor Ort.

Wenige Tage vor der geplanten Räumung von Lützerath haben sich am Sonntag (8. Januar 2023) zahlreiche Aktivistinnen und Aktivisten versammelt. Das Aktionsbündnis „Lützerath unräumbar“ hat unter anderem zu einem Dorfspaziergang eingeladen. Dazu wurde auch die bekannte Aktivistin Luisa Neubauer erwartet. 

Wegen eines lebensgefährlichen Zwischenfalls musste jedoch ein Konzert der Kölner Band AnnenMayKantereit kurzfristig in einen anderen Bereich verlegt werden. Während des Auftritts der Band waren dann mehrere tausend Menschen vor Ort.

Kampf um Lützerath: Sperrschieber geöffnet – Wasser floss in Tagebau

Am Rande von Lützerath war es zu einer Unterspülung der Tagebaukante mit Wasser gekommen. Dadurch bestehe in dem darüberliegenden Areal akute Lebensgefahr, warnte die Polizei. Ein für den Nachmittag geplantes Konzert von AnnenMayKantereit sei deshalb in Absprache mit dem Veranstalter verlegt worden, sagte eine Polizeisprecherin. Ausgelöst worden sei die Unterflutung durch einen Wasseraustritt aus einem Rohr. 

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Inzwischen wurde bekannt: Grund dafür war ein Sperrschieber bei einem geschlossenen Rohr – dieser ist laut Polizei in der Nacht geöffnet worden! Dadurch seien tausende Liter Wasser in den Tagebau geflossen und hätten die Böschung unterspült. 

Beim Konzert der Kölner Band selbst waren dann mehrere tausend Menschen vor Ort. Beeindruckende Aufnahmen sind auf Twitter zuhauf zu sehen. Das Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ schreibt: „Wir wissen wirklich nicht, wie viele Leute gerade in Lützerath sind, wir sind zum Zählen einfach tausende im und ums Dorf! Eins ist klar: #LützerathUnräumbar!“

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Laut Veranstalter haben sich am Sonntag Tausende zur Kundgebung in Lützerath am Braunkohletagebau Garzweiler eingefunden. Zu dem Aktionsbündnis hatten sich verschiedene Gruppen wie Ende Gelände, Fridays for Future und Extinction Rebellion zusammengeschlossen. Sie wollen verhindern, dass die Polizei das besetzte Dorf räumt.

Luisa Neubauer in Lützerath: „Es geht um alles!“

Die Politik hat nach Meinung von Klimaaktivistin Luisa Neubauer nicht mit soviel Widerstand gegen den Abriss des Dorfes Lützerath am Rande des rheinischen Braunkohletagebaus gerechnet. „Man merkt, dass anscheinend unterschätzt wurde, welche Kraft in diesem Ort steckt“, sagte Neubauer am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur in Lützerath.

„Hier zeigt eine Gesellschaft, dass sie versteht: Es geht um alles. Das Dorf hier ist überlaufen von Menschen, die aus der ganzen Republik angereist sind. Und das ist keine ganz unkomplizierte Anreise. Da gibt es viele gesperrte Straßen und Polizeibarrikaden. Aber das nehmen die Menschen auf sich.“

Man sei entschlossen, den Widerstand gegen die Räumung lange durchzuhalten, sagte Neubauer. „Wir geben jetzt alles. Das hier ist erst der Anfang. Die große Demo ist am nächsten Samstag. Was ich so eindrücklich finde, ist: Hier vor Ort sind Menschen aus den unterschiedlichsten Generationen und Milieus: kleine Kinder in Regenhosen, aber auch ihre Großeltern. Hier sind die Aktivisten, die seit Monaten die Infrastruktur aufgebaut haben, aber eben auch Menschen, die einem ganz normalen Alltag nachgehen und verstehen: ‚Hey, jetzt kommt’s auf uns an.‘“

„Wir hoffen, dass wir Lützerath sechs Wochen lang halten können“, sagte Dina Hamid, Sprecherin der Initiative Lützerath, am Sonntag (8. Januar 2023). Geplant seien unter anderem Sitzblockaden sowie die Besetzung von Baumhäusern und Hütten. Die aus wenigen Häusern bestehende Ortschaft liegt unmittelbar an der Abbruchkante des Tagebaus. 

In dem ländlichen Ortsteil von Erkelenz haben sich Kohlegegnerinnen und -gegner niedergelassen. Sie leben in besetzten Gebäuden, Zelten und Baumhäusern. Die ursprünglichen Bewohnerinnen und Bewohner sind längst weggezogen. Die Umsiedlung von Lützerath und umliegender Orte begann im Jahr 2000.

Boden und Häuser des von Ackerbau geprägten Ortes gehören längst der Tagebaubetreiberin RWE. Mit dem Energieunternehmen haben die grün geführten Wirtschaftsministerien in Bund und NRW im Oktober 2022 einen auf 2030 vorgezogenen Kohleausstieg im Rheinland vereinbart.

Fünf zuvor vom Abriss bedrohte Dörfer im Umfeld des Tagebaus sollen erhalten blieben. Der Ort Lützerath mit nur noch wenigen Häusern soll aber weichen, um die darunter liegende Kohle abzubauen. (iri/dpa)