Flutkatastrophe 2021 „Es war, als hätte ich mein Gedächtnis verloren“ 

Das zerstörte Arbeitszimmer von Sonntag-EXPRESS-Mitarbeiter Maternus Hilger nach der Flutkatastrophe 2021

Das Ar­beits­zim­mer nach der Flut - nur noch stin­ken­der Müll.

Die Flutkatastrophe 2021 in NRW und dem Ahrtal. Auch ein Jahr danach ist nicht zu begreifen, wie schnell die Wassermassen Existenzen und Lebensentwürfe zunichte machten. 

Unser Autor, der in Erftstadt-Liblar lebt, ist einer von sehr vielen Betroffenen – er schildert seine persönlichen Empfindungen während und ein Jahr nach der Katastrophe. Es sind Worte, die ans Herz gehen.


Donnerstag, 15. Juli 2021 – ein Tag, den ich nie vergessen werde. Schon in der Nacht zuvor hatte es wie aus Kübeln geschüttet. Doch das war nichts im Vergleich zu dem Horror am nächsten Tag. Am Morgen flutete plötzlich ohne Vorwarnung eine braune, stinkende Brühe unsere Straße in Erftstadt-Liblar und drang mit Wucht durch die Kellerschächte in das Untergeschoss.

Statt auf meine Frau zu hören, die drängte, schnell das Weite zu suchen, beobachtete ich wie paralysiert, wie das Wasser Stufe für Stufe die Kellertreppe heraufstieg, während draußen pausenlos die Sirenen heulten.

Flutkatastrophe 2021 in NRW: Erinnerungen einfach fortgespült

Was wir da noch nicht wussten: Nur wenige hundert Meter weiter, im Marienhospital und in Blessem, waren bereits Hunderte Anwohner und Patienten von der Flut eingeschlossen und Häuser in die Kiesgrube gestürzt – Bilder, die um die Welt gingen.

Dass die Menschen dort überlebten, verdanken sie vor allem den mutigen Einsatzkräften und Helfern, die sich selbst in Lebensgefahr begaben. Mit ein paar Habseligkeiten fuhren wir dann doch zu unserem Sohn und unserer Schwiegertochter, die uns dankenswerterweise für die nächsten Wochen aufnahmen.

Erst zwei Tage nach der Katastrophe konnten wir zurück nach Liblar. Ein Bild des Grauens. Tausende Bücher im Arbeitszimmer – nur noch eine klumpige, mit Dreckwasser vollgesogene Masse. Für immer zerstört auch unzählige Erinnerungsstücke, Zeugnisse, Urkunden und alte Fotos, deren Farben sich im Wasser bereits aufgelöst hatten.

Anders als Waschmaschine, Trockner oder Computer lassen sich diese Dinge nicht ersetzen. Und auch mein geliebter, gelber Teddybär „starb “in den Fluten – mein Knuddelbär aus meiner Kindheit, den mir meine Eltern zum ersten Geburtstag geschenkt hatten – heute bin ich 72. Er hatte all die Jahrzehnte einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal. Sein abgeliebtes Fell steckte voller schöner Erinnerungen.

Alles nur noch Müll, den wir mit vielen lieben Helferinnen und Helfern nach dem Abpumpen auf die Straße schleppten und in Container warfen. Das schmerzt. Ich fühlte mich, als hätte ich mein Gedächtnis verloren.

Und doch haben wir im Gegensatz zu den noch viel schlimmer Betroffenen, die ihr Leben und all ihr Hab verloren haben, Riesenglück gehabt. Zuweilen plagen mich bis heute immer noch Alpträume – mit Bildern von Wassermassen überall, die mich schweißgebadet aufwachen lassen. (hil)

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