Prozess in Bonn Igor (40) tötete mit 106 Messerstichen – weil er Epileptiker ist?

Bluttat Bonn-Vilich

Igor G. (40) kurz vor Prozessbeginn am Donnerstag (24. September), der Pole steht wegen Totschlags in Bonn vor Gericht. 

Bonn – Der Vorwurf ist grausam: Igor M. (40) soll in Bonn-Vilich einen Bekannten (32) regelrecht niedergemetzelt, ihn wie im Wahn mit 106 Messerstichen umgebracht zu haben. Doch: Tötete der Pole nur deshalb, weil er Epileptiker ist?

Am Donnerstag (24. September) begann vor dem Bonner Landgericht der Prozess gegen Igor M. Der 40-Jährige muss sich wegen Totschlags verantworten. An die Tat kann er sich bis heute nicht erinnern...

Prozess in Bonn: 73 der 106 Stichverletzungen waren lebensbedrohend

Laut Anklage tötete er am Nachmittag des 24. März in seiner Wohnung (Schevastestraße) einen Landsmann, der seit wenigen Wochen bei ihm wohnte. 106 Stiche zählte später der Rechtsmediziner – in Kopf, Hals, Nacken, Brust, Rücken, Arme und Beine. 31 Stiche waren so tief, dass innere Organe verletzt wurden. 73 Stichverletzungen waren lebensbedrohend. Die Tatwaffe: ein silbernes Küchenmesser. 

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In dieser Straße fand im März 2020 die Bluttat statt. In Kürze muss sich ein 40-Jähriger wegen Totschlags vor Gericht verantworten. 

Beim Prozessauftakt erinnerte sich Igor M. nur noch daran, dass er am Tattag viel Vodka getrunken hat. „Dann bin ich irgendwo am Rhein wachgeworden. In einem Zelt, ich hatte kaum etwas an“, erzählte er mit Hilfe einer Dolmetscherin. 

Das Zelt gehörte offenbar einem Obdachlosen, der ihm eine Decke gab. Es war bitterkalt und Igor M. trug nur Boxershorts. Er habe nicht gewusst, wie er dort hin gekommen und wo seine Kleidung war, so der Angeklagte. Er ging schließlich auf die nahe Nordbrücke und bat dort beschäftige Bauarbeiter, ihm ein Taxi zu rufen. Die alarmierten jedoch die Polizei. Igor M. wirkte verwirrt.

Prozess in Bonn: Ein toter Mann in seiner Wohnung? Igor M. dachte, jemand macht Witze

Der Pole kam in Gewahrsam. „Man erzählte mir, dass in meiner Wohnung ein toter Mann liegt“, so Igor M. vor Gericht. „Ich habe das nicht geglaubt, ich dachte, jemand macht Witze mit mir.“ Er beteuerte, dass es zwischen ihm und seinem Mitbewohner zwar Spannungen, aber keinen Streit gegeben habe. An Richter Klaus Reinhoff gewandt, erklärte der bullige Angeklagte: „Ich versuche, mich die ganze Zeit zu erinnern. Es gibt mir keine Ruhe, dass ich das gewesen sein soll.“

Ein Experte erklärt EXPRESS, dass es bei Epileptikern zu sogenannten Situationsverkennungen kommen kann. Heißt: Sie greifen jemanden an, der ihnen bei oder nach einem Anfall eigentlich helfen will. Sie sehen in dem Helfer einen Feind. Das passiere zwar sehr selten, so der Experte, käme aber vor. Ebenso, dass sich delirante Patienten zum Beispiel entkleiden würden. 

Igor M. berichtete im Prozess, dass es in der Vergangenheit mehrere Situationen gegeben habe, wo er sich nicht erinnern konnte. Zuletzt einen Monat vor der Bluttat. Da sei er in einem Zugabteil aufgewacht – ohne Dokumente und ebenfalls nur leicht bekleidet. 

Prozess in Bonn: Angeklagter erzählt von Krampfanfällen und Lichtblitzen

Bereits vor Prozessstart hatte der psychiatrische Sachverständige Dr. Wolfgang Schwachula Kontakt zu Igor M. Ihm erzählte er von Lichtblitzen, Gleichgewichtsstörungen, Entzugs- und Krampfanfällen sowie Angstsymptomen, weswegen er schon in Polen ein bestimmtes Medikament verschrieben bekommen hatte. Das Medikament helfe bei akuten Fällen, erklärte Schwachula dem Gericht: „Bei dauernder Einnahme werden die Krampfanfälle jedoch erhöht.“

Bei Igor M. wurde die Krampfanfälle vermutlich durch seinen  Alkoholismus ausgelöst. Der gelernte Elektriker lebte nie wirklich abstinent, begann schon morgens mit dem Trinken und nahm sich dann noch Vodka und Bier mit zur Arbeit, abends ging es weiter. 

Prozess in Bonn: Am Tattag hörten Nachbarn furchtbare Schreie und Stöhnen

Am Tattag hatten Nachbarn in der Schevastestraße großes Gepolter, dann furchtbare Schreie und Stöhnen gehört. Als die Polizei eintraf, fand sie den 32-Jährigen, der offenbar Opfer eines Blutrausches geworden war. Mit 106 Messerstichen, über den gesamten Körper verteilt, war der gebürtige Pole niedergestreckt worden. Jede Rettung kam zu spät. Der Mann verblutete noch am Tatort. 

Warum es zu dem grauenhaften Verbrechen in der Vilicher Wohnung gekommen ist, ist den Ermittlern auch ein halbes Jahr später ein Rätsel. Igor M., der 2016 nach Deutschland kam, ist nicht vorbestraft. (iri, ucs)

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