Gestrandeter Wal: Experten warnen vor tödlichem Stress
Er will nur sterbenExperten zum Wal-Drama: Der Rummel ist für das Tier eine Qual

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Till Backhaus läuft zum Buckelwal
Ein Drama vor der Ostsee-Insel Poel: Seit Tagen ist ein Buckelwal gestrandet, umringt von Menschen. Dazu der Lärm von Booten und Technik. Selbst Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus ging auf Tuchfühlung: „Ich bin heute Morgen bei ihm gewesen, direkt an ihm dran“, sagte er am Freitag. Der Wal wirkt dabei ruhig – doch dieser Eindruck ist eine gefährliche Illusion.
Vom Deutschen Meeresmuseum kommt eine klare Warnung: „Wildtiere sind grundsätzlich nicht an Menschen gewöhnt, das heißt, jede Annäherung und insbesondere Lärm bedeuten enormen Stress und lösen meistens Fluchtverhalten aus“. Die Tragik der Situation: „Die Möglichkeit der Flucht hat der Buckelwal in seiner jetzigen Lage nicht, was die Situation für ihn noch dramatischer macht.“ Das Tier ist gefangen.
Tierschützer schlagen Alarm: „Enormer Stress“ für den Wal
Die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) bekräftigt ebenfalls, dass der Kontakt mit Menschen für Wildtiere immer eine Belastung ist. Wie die dpa meldet, haben bei Rettungsaktionen in Nordamerika alle Meeressäuger Angst gezeigt, sobald sich Helfer näherten. Bei großen Walen sind die Stressanzeichen aber oft nicht mit bloßem Auge zu erkennen. „Dazu können eine erhöhte Herzfrequenz, Atemfrequenz und andere physiologische Stresssymptome gehören, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sein können.“

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Influencer Robert Marc Lehmann kam dem Wal ganz nah.
Deshalb lautet der dringende Appell der Organisation, größtmöglichen Abstand zu wahren. „Wir würden nicht empfehlen, dass Menschen zur Gesellschaft oder zum Trost bleiben – auch wenn dies gut gemeint ist, kann es den Wal zusätzlich belasten“, stellt die WDC klar. Ein Eingriff direkt am Tier sei nur für den Notfall und mit minimalem Personalaufwand zu erwägen. Die augenscheinliche Gelassenheit des Wals kann also massiv täuschen. Während einige Wale unter Stress lauter werden, verstummen andere komplett oder verfallen in eine Schockstarre, bei der die Muskeln verkrampfen.
„Ans Würdelose grenzende Gezerre“
Der Meeresbiologe Boris Culik übt scharfe Kritik am Durcheinander vor Ort: „Aktuell haben wir eine Kakophonie aus wechselnden vermeintlichen Experten, deren Befähigung und Erfahrungen niemand hinterfragt. Influencer, Politiker, Behörden, Entscheidungswirrwarr und Bürokratie.“ Thilo Maack, ein Experte von Greenpeace, findet noch härtere Worte: „Keinem Wildtier an Land, wie zum Beispiel einem sterbenden Wolf, Hirsch oder Wildschwein, würde man ein solches ans Würdelose grenzende Gezerre zumuten.“
Immer wieder ist die Rede davon, man habe eine „Beziehung“ zu dem Wal aufgebaut. Auch Minister Backhaus äußerte sich stark vermenschlichend: „Wenn man bei ihm ist und er Vertrauen zu fassen scheint, hebt er den Kopf.“ Die WDC warnt eindringlich vor solchen Interpretationen, da sie gefährlich und unzutreffend seien.

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«Ich bin heute Morgen bei ihm gewesen, direkt an ihm dran», sagte Till Backhaus.
Sucht der Wal nur einen ruhigen Platz zum Sterben?
Tatsächlich könnte es dem Tier extrem schlecht gehen. Bereits fünfmal ist der Buckelwal ins flache Wasser geschwommen. Fachleute nehmen an, dass er seinen ersten Ruheort bei Timmendorfer Strand allein wegen des Trubels verlassen hat. „Es ist durchaus denkbar, dass sich der Wal zum Ausruhen oder sogar zum Sterben in das niedrige Gewässer begeben hat“, erklärt die WDC.
Auch Walforscher Fabian Ritter vermutet, dass der Wal die Position im seichten Wasser gezielt aufsucht, „weil er sich das Leben erleichtern will“. Dort muss er nicht aus eigener Kraft an die Oberfläche gelangen und kann trotz möglicher Schmerzen einfach atmen. Ein solches Verhalten ist für Wildtiere nicht untypisch: Sie suchen bei Verletzungen einen stillen Rückzugsort.

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Der Wal scheint das Treiben gelassen und ruhig hinzunehmen - doch stimmt dieser Eindruck?
Die Whale and Dolphin Conservation sieht aus diesem Grund nur noch eine einzige vertretbare Option: das Tier durch Euthanasie von seinem Leid zu befreien. „Die Durchführung erfordert jedoch spezielle fachliche Expertise sowie Erfahrung mit der Euthanasie großer Wale und ist mit Risiken für die beteiligten Einsatzkräfte verbunden.“

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Täglich über Stunden ist direkt am Buckelwal vor der Insel Poel Getöse und Gewusel.
Für die Tierschützer sind die wiederholten Strandungen ein klares Indiz für den „grundlegend schlechten Gesundheitszustand“ des Wals. Die Aussichten auf ein langfristiges Überleben werden als äußerst gering eingeschätzt, selbst bei einem Transport in den Atlantik. Der jetzige Rettungsversuch sei das genaue Gegenteil der Ruhe, die das Tier so dringend benötigt. Auch wenn dieser Fall tragisch ist – die bittere Realität lautet, dass jedes Jahr etwa 300.000 Wale und Delfine weltweit einen vergleichbaren Leidensweg durchleben, weil sie sich in Fischernetzen verfangen. (dpa/bearbeitet durch Gemini 2.5 Pro)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.
