Fauve Lex aus Solingen ist Tattoo-Gutachterin. Sie beurteilt für Gerichtsverhandlungen Bilder, die unter die Haut gehen
Verflixt, verstochen!Wenn Tattoos vor Gericht landen – Gutachterin packt aus

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Fauve Lex aus dem Rheinland wird vom Gericht hinzugezogen, wenn ein Kunde wegen seines Tattoos klagt.
Wenn eine Tattoonadel die Haut berührt, geht es immer um große Gefühle: Schmerz, Stolz, Tapferkeit und Vorfreude aufs Ergebnis. Doch was passiert, wenn aus dem Traummotiv ein Albtraum wird, die Fronten zwischen Kunde und Tätowierer verhärtet sind und plötzlich ein Gericht über ein Tattoo entscheiden muss? Dann kommt Fauve Lex (39) ins Spiel, sie ist Tattoo-Gutachterin und erzählt EXPRESS von Geschichten, die unter die Haut – und daneben gegangen sind.
Fauve Lex wird von Gerichten hinzugezogen, wenn diese Frage im Raum steht: Ist ein Tattoo wirklich fehlerhaft? Oder ist es vor allem die Enttäuschung des Kunden und kein wirklich juristisches Problem? Dabei geht es nicht selten um viel Geld. Kunden fordern die Kosten für eine Überarbeitung, eine Entfernung per Laser oder Schadensersatz. Was für Betroffene hochemotional ist, muss die 39-jährige Gutachterin nüchtern betrachten.
Fauve Lex aus Solingen arbeitet vor allem in gerichtlichem Auftrag
Dass sie irgendwann als Sachverständige vor Gericht landen würde, war allerdings alles andere als geplant. Zehn Jahre lang arbeitete sie als Hair- und Make-up-Artistin, hatte ihre eigene Make-up-Schule. Eine schwierige Phase brachte sie dazu, beruflich alles auf den Kopf zu stellen: „Ich war schon immer Künstlerin. Bekannte haben mir immer gesagt, dass ich kreativ und sehr talentiert bin.“ Ihr bisheriger Beruf füllte sie nicht mehr aus. Also zog sie die Reißleine: „Ich habe mein Studio aufgegeben, einen Cut gesetzt und mich mit 30 komplett noch mal umorientiert. Ich dachte mir: Was soll schon passieren? Unglücklicher als jetzt wirst du nicht.“
Heute leitet sie ein rund 350 Quadratmeter großes Tattoo-Studio in Solingen mit sechs Tätowierern. Dreimal pro Woche steht sie selbst an der Tätowiermaschine, die übrigen Tage gehören Büroarbeit, Organisation – und ihrer Tätigkeit als Sachverständige. Ihre Gutachtertätigkeit baute sie sich über ein Fernstudium auf, in dem sie alles über Gutachtenformen und gerichtliche Abläufe lernte.

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Mögliche rechtliche Lösungen bei Tattoounzufriedenheit sind: Rückzahlung, Schadensersatz oder Kostenübernahme für eine Laserbehandlung (Foto). Beim Weglasern zerstören ultrakurze Lichtimpulse die Farbpigmente in der Haut zu winzigen Partikeln. Das Immunsystem transportiert diese über das Lymphsystem ab.
Während sie Privatgutachten nur mit großer Vorsicht übernimmt, da diese oft als emotionale Waffe im Streit missbraucht werden, arbeitet sie am liebsten im gerichtlichen Auftrag. Der Richter stellt gezielte Beweisfragen – etwa ob Linien zu dick sind, Farbe ausgelaufen ist oder das Motiv verfehlt wurde. „Ein Sachverständiger würde niemals schreiben: ‚Das Tattoo ist schlecht‘ oder das ‚Tattoo ist gut‘. Stattdessen werden einzelne Faktoren bewertet. Eine Linie kann beispielsweise handwerklich einwandfrei sein, während eine andere daneben misslungen ist. Am Ende entsteht daraus ein Gesamtbild.“
Doch genau diese fachliche Bewertung ist oft eine Gratwanderung, denn hinter den Akten stecken meist berührende Schicksale. „Man ist in erster Linie immer noch Mensch und kann Dinge empathisch nachvollziehen“, sagt Lex. Um im Gerichtssaal dennoch neutral zu bleiben, muss sie eine klare Grenze ziehen: „Ob du vielleicht sogar persönlich getriggert bist, darf keinerlei Einfluss haben. Du musst komplett rational auf die Sache gucken, meist sehr mechanisch und sehr trocken.“
Dass Fälle überhaupt so weit eskalieren, liegt laut der Sachverständigen oft an Grundproblemen der Branche. Da Tätowieren in Deutschland kein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf ist, eröffnen viele Studios ohne fundierte Erfahrung oder Mentoren: „Die sind blind dafür, welche Möglichkeiten es gibt, weil ihnen keiner gezeigt hat, wie man überhaupt unternehmerisch an Kunden rangeht.“ Erschwerend komme hinzu, dass großer Konkurrenzdruck Tätowierer verleite, ungeeignete Motive dennoch anzunehmen: „Bevor ich jetzt Nein sage oder dem Kunden seinen Wunsch abschlage, mache ich das lieber irgendwie.“ Was so entstehe, sei handwerklich oft gar nicht sauber umsetzbar.
Aber nicht nur die fehlende Erfahrung der Tätowierer sorgt für Streit – häufig scheitert es schlicht an der Aufklärung über den menschlichen Körper. Tattoos verändern sich über die Jahre im Gewebe, worüber Kunden oft nicht Bescheid wissen: „Das Tattoo verändert sich zwangsläufig mit der Haut und dem Körper. Das bedeutet, die Haut verändert sich im Laufe des Lebens durch verschiedene Faktoren. Tattoo-Pigmente befinden sich in diesem lebenden Gewebe. Deshalb kann man ein Tattoo nicht so betrachten, als würde Farbe unverändert auf einer Leinwand liegen.“
Diese falschen Erwartungen werden auch durch KI-generierte Vorlagen forciert. Digital erzeugte Motive berücksichtigen weder Muskelverläufe noch die Anatomie des Kunden. Was auf dem Bildschirm perfekt aussieht, lässt sich auf echter Haut schlichtweg nicht umsetzen. Für Lex hat KI bei der Motivsuche zwar ihre Daseinsberechtigung, stoppt aber bei der eigentlichen Kunst: „Die KI kann keine Emotionen in Bilder packen. Der Drang nach dem perfekten Bild führt online jedoch noch zu ganz anderen Bedenken.“
Gutachterin kämpft für offizielle Tätowierer-Ausbildung
Lex beobachtet den Kampf um Aufmerksamkeit auf Social Media besorgt. „Die Bereitschaft, einfach nur für Klicks möglichst verrückt zu tätowieren, stört mich.“ Während ein Trend schnell wieder verschwindet, bleibt die Farbe für immer auf der Haut. Dass Fauve Lex als erfahrene Tätowiererin zu Gerichtsfällen hinzugezogen wird, ist dabei nämlich meist ein reiner Glücksfall. Oft sieht die Realität anders aus, weil es eben eine entscheidende Lücke im System gibt. Da es den Beruf Tätowierer offiziell gar nicht gibt und es keine anerkannte Ausbildung gibt, fehlen den Gerichten Anlaufstellen, wenn es um Gutachter mit Sachverstand geht. Die Gerichte wenden sich oft an Industrie- und Handelskammern – und die verweisen mangels Alternativen oft auf Gutachter für Permanent-Make-up aus dem Kosmetikbereich. „Das ist eine Lücke im System“, bringt es Lex auf den Punkt.
Sie kämpft deshalb für eine offizielle Ausbildung und mehr Professionalisierung in der Tattoobranche. Ihr wichtigster Appell richtet sich an Kunden UND Tätowierer: „Jedem muss bewusst sein, es ist kein ausgebildeter Beruf. Nur weil sich jemand gut verkaufen kann, ist er oder sie nicht zwingend gut. Setzt man die Nadel einmal an, lässt es sich nicht mehr rückgängig machen.“ Über die Ergebnisse der Verhandlungen wird Fauve Lex übrigens nach ihrem Gutachten nicht informiert: „Ich könnte nachfragen, aber ich finde es ganz gut, da nicht belastet zu werden und damit Gefahr zu laufen, bei einem ähnlichen Fall beeinflusst zu sein.“
