Die Eltern des toten Schulbegleiters richteten im Gerichtssaal einen Gänsehaut-Appell direkt an den Raser von Hürth.
„Nutzen Sie die Chance“Eltern von totem Luis mit Gänsehaut-Appell an Raser von Hürth

Copyright: Marcus Jochim und seine Frau Lilian, die Eltern des getöteten Schulbegleiters Luis Paulo, verfolgten den Prozess als Nebenkläger.
Marcus Jochim (l) und Lilian Maia Jochim, Eltern des getöteten Schulbegleiters, verfolgten den Prozess als Nebenkläger.
Aktualisiert:
Ihre Worte gehen unter die Haut. Die Eltern des in Hürth totgefahrenen Schulbegleiters Luis Paulo (†25) richteten sich im Gericht direkt an den Angeklagten – und kritisierten die Justiz.
Ein furchtbarer Unfall in Hürth im Juni 2025 riss Luis Paulo (†25) und die kleine Avin Vala (†10) aus dem Leben. Ein 21-jähriger BMW-Fahrer hatte an der Frechener Straße eine rote Ampel überfahren, die laut Gutachten schon vier Sekunden Rot zeigte.
Mutter mit bewegenden Worten an den Todesfahrer
Am Freitag (10. Juli) fiel das Urteil am Landgericht Köln: viereinhalb Jahre Haft für den Fahrer.
Doch vor dem Urteil ergriffen die Eltern von Luis Paulo, Lilian und Marcus Jochim aus Königswinter, das Wort. Als Nebenkläger richteten sie am sechsten Verhandlungstag ihre Botschaft direkt an den Mann, der ihren Sohn auf dem Gewissen hat.
Der Moment war so belastend, dass die Eltern nicht selbst die Kraft fanden, öffentlich zu sprechen. Eine Vertraute der Familie, Doris Müller, verlas ihre Stellungnahme. Dieser Teil des Prozesses fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, da es um private Details des Heranwachsenden ging.
Die Worte der Mutter, Lilian Jochim, zeigten trotz des unermesslichen Schmerzes unfassbare Größe. Sie sagte zum Angeklagten: „Ich habe hier im Gerichtssaal schon einmal gesagt, dass das Schlimmste für eine Mutter ist, ein Kind zu verlieren, aber ich kann mir vorstellen, dass es auch sehr schmerzlich ist für eine Mutter, ein Kind als Angeklagten bei einem solchen Strafrechtsfall zu haben. Sie haben die Möglichkeit, es in der Zukunft besser zu machen. Nutzen Sie bitte diese Chance.“
Vater kritisiert Justiz: Angeklagter war schon auf Bewährung
Auch der Vater, Marcus Jochim, fand eindringliche Worte und übte dabei scharfe Kritik am deutschen Rechtssystem. Für ihn sei es „völlig unverständlich“, wie der Angeklagte nach etlichen Straftaten und einer Bewährungsstrafe im Jahr 2023 erneut auf Bewährung verurteilt werden konnte.
Er erinnerte an die Fakten: „Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, standen Sie bereits seit 2023 unter Bewährung, wurden am 2. April 2025 erneut verurteilt, auch wieder zur Bewährung. Nur zwei Monate später fahren Sie Avin und meinen Sohn tot. Das ist für mich nicht nachvollziehbar.“ Der Angeklagte hätte spätestens seit einer früheren Verurteilung wegen Raubes und unterlassener Hilfeleistung wissen müssen, was passieren kann.
Für den Vater gehe das Verhalten des Fahrers über bewusste Fahrlässigkeit hinaus. Er sprach von einer „billigenden Inkaufnahme der Folgen“. Er betonte auch, dass sein Sohn durch seine Reaktion vermutlich noch Schlimmeres verhindert und Leben gerettet habe.
„Nutzen Sie die Chance, die Ihnen Luis und Arvin hinterlassen haben“
Trotz allem hegt die Familie keinen Groll. Sie hoffen auf eine „spürbare Strafe“, aber nicht aus Rache. Vielmehr solle sie „einen Umdenkprozess bei Ihnen hin zum Guten“ erzeugen. Der Vater wünschte sich für den Angeklagten, dass er seinen Lebensweg grundlegend ändere.
Er hoffe, dass eine Verurteilung mehr bedeute, als nur weggesperrt zu werden und später „mit einem kriminellen Netzwerk wieder entlassen“ zu werden. Es brauche „Unterstützung, Begleitung, Coaching, ein Bootcamp oder vergleichbare Maßnahmen“, damit der junge Mann dauerhaft auf den richtigen Weg zurückfinde.
Sein letzter, unfassbar starker Appell lautete: „Nutzen Sie die Chance, die Ihnen Luis und Arvin auf tragische Weise hinterlassen haben, um Ihr Leben neu und positiv auszurichten. Ich hoffe, dass Sie künftig einen positiven Beitrag für diese Welt leisten – auch stellvertretend für das Gute, das Luis selbst nicht mehr auf dieser Erde bewirken kann.“ (red)
