Mehrmals am Tag bebt bei uns im Rheinland die Erde. Meist, ohne dass wir es merken. Zu Besuch bei dem Mann, der die Beben genau dokumentiert.
Gefahr im UntergrundBei uns im Rheinland bebt täglich die Erde

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Seit 2023 leitet Martin Zeckra die Erdbebenstation in Bensberg, die seit 1955 durchgängig Erdbeben in der Region aufzeichnet. EXPRESS hat ihn besucht.
Mal ehrlich, wenn wir an Erdbeben denken, dann denken wir meist direkt an Orte in der Ferne: Tokio, Kalifornien, Chile, vielleicht noch die Türkei. Dass die Erde auch bei uns im Rheinland erzittert, und das sogar öfter als viele ahnen, haben nur die wenigsten auf dem Schirm. Denn es gibt hier täglich mindestens ein Beben. Wir merken es nur fast nie.
„Im Jahr gibt es zwei bis drei Erdbeben bei uns, die spürbar sind“, erklärt uns Seismologe Martin Zeckra (35), Leiter der Erdbebenstation in Bensberg, im EXPRESS-Gespräch. Und selbst dann gilt: „Wenn man realisiert, dass gerade ein Erdbeben ist, ist es meistens schon vorbei.“ Das Euskirchener Erdbeben 1951 war Auslöser dafür, dass wir Erschütterungen in der Erde jetzt so genau messen können.
Darum steht die Erdbebenstation nicht in Köln
Damals stellte man nach einem Erdbeben der Stärke fünf entliche Schäden fest und war schockiert, dass es in der gesamten Region keine einzige Möglichkeit gab, die Erschütterungen im Rheinland systematisch zu beobachten. Die nächsten Messstationen lagen einfach zu weit entfernt in Göttingen oder in den Niederlanden. Um diese Naturgewalten künftig nicht mehr ahnungslos zu erleben, beauftragte der damalige Geologie-Professor Matthias Schwarzbach den Bau einer Messstation direkt im Rheinland. Seit April 1955 misst das Observatorium in Bensberg nun durchgängig die Erschütterungen in der Erde.
Doch warum steht die Station in Bensberg und nicht etwa direkt in Köln? Martin Zeckra erklärt: „Die Station wurde in Bensberg errichtet, weil sie hier direkt auf festem Gestein steht. Der geologische Untergrund ist in Köln nicht gut für eine Messung. Durch Industrie und Verkehr werden zu viele Störungen verursacht und Signale verfälscht.“

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Die zwei unterschiedlichen Seismometer in Bensberg, die Starkbeben und Kleinbeben messen.
In dem Observatorium ist längst ein hochmodernes, automatisiertes Netzwerk entstanden. Die Station betreut aktuell 43 Messstellen im nördlichen Rheinland. Bis Jahresende sollen es 50 werden. Und weil sich Erdbeben nicht an Landesgrenzen halten, fließen auch Daten aus Belgien und den Niederlanden ein.
„Wir haben hier in Köln ein so dichtes Messnetzwerk, dichter als in Kalifornien“, erzählt uns Martin Zeckra. Insgesamt werden über 100 Stationen ausgewertet, die sich in zwei Typen aufteilen: Stationen für Kleinbeben und solche für Starkbeben. Messstationen befinden sich ebenfalls im Kölner Dom oder in der Burg Eltz.
Warum bebt der Boden im Rheinland überhaupt?
Dafür muss man wissen, wie ein Erdbeben entsteht: Die Gesteinsplatten der Erde sind ständig in Bewegung. Treffen sie aufeinander oder gleiten sie nicht sanft aneinander vorbei, sondern verhaken sich aufgrund der enormen Reibung, dann steht das Gestein unter gigantischer Spannung. Es biegt sich durch, bis irgendwann die Belastungsgrenze überschritten ist – und das Gestein dann ruckartig bricht. Die aufgestaute Energie entlädt sich innerhalb von Millisekunden und rast als Schockwelle durch den Boden. „Das kann man sich vorstellen wie bei einem Haus, irgendwo gibt es immer eine Schwachstelle, so ist das eben auch bei unserer Erdkruste“, erklärt Martin Zeckra.
Die Beben in der Kölner Bucht entstehen dadurch, dass die afrikanische Platte südlich von Italien gegen die eurasische Platte drückt. Dieser Druck wird weitergeleitet. So entstehen in Mitteleuropa Druckspannungen, die sich in Schwächezonen, wie der Kölner Bucht, als Erdbeben entladen. Direkt nebenan in der Eifel bebt die Erde aus einem anderen Grund: Es sind vulkanische Prozesse im tiefen Untergrund, die für Unruhe in der Erdschicht sorgen. Aufsteigende magmatische Gase und Flüssigkeiten erzeugen Druck im Gestein und lösen dadurch Erdbeben aus. Aus diesem Grund wird die Region besonders intensiv überwacht.

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Eine analoge Messstation für Erdbeben. Sie zeichnet Bodenbewegungen kontinuierlich auf rotierenden Papierrollen auf. Heutzutage wird jedoch nur noch digital gemessen.
Für Martin Zeckra ist die Arbeit faszinierend. Er erinnert sich noch gut an sein erstes lokales Beben in Argentinien (Stärke 3,4), während er 2017 an seiner Doktorarbeit schrieb: „Ich saß gerade am Computer und hörte Musik. Plötzlich merkte ich, wie mein Stuhl leicht vibrierte. Erst dachte ich, es wäre ein Bus, aber die fuhren normalerweise nicht durch meine Straße. Nach zwei oder drei Sekunden war mir dann klar, was passiert war, und ich bekam sofort ein breites Grinsen. Für mich war dieses Erlebnis damals eher aufregend. Aber natürlich weiß ich auch, dass größere Erdbeben sehr beängstigend sein können.“
Und Erdbeben haben keine Saison – die Naturgefahr ist zwar dieselbe wie früher, aber das Risiko steigt: Weil wir immer dichter bauen und mehr Infrastruktur nutzen, richten Beben heute viel größeren Schaden an. Immerhin: „Wir haben eine gute Nachsorge, das Technische Hilfswerk und das Rote Kreuz üben auch in regelmäßigen Abständen, wie man sich verhält, wenn es zu so einer Extremsituation kommt.“
Verhalten bei einem Erdbeben
Eine exakte Vorhersage von Erdbeben ist bis heute nicht möglich. Zwar zeigen Frühwarnsysteme Warnzeiten von wenigen Sekunden bis hin zu etwa 30 Sekunden an. In Ländern wie Japan oder Mexiko werden durch diese „kurzfristigen Vorhersagen“ Züge gestoppt oder verlangsamt oder Gasleitungen abgestellt. Auch Android-Smartphones verfügen über entsprechende Warnsysteme. Doch wie verhalte ich mich richtig, wenn ein Erdbeben kommt? Ganz wichtig: Ruhe bewahren!
Bei der Art von Erdbeben, die hier im Rheinland aufkommen kann, ist das Hinauslaufen gefährlicher als das eigentliche Erdbeben, da herabfallende Gegenstände ein höheres Risiko darstellen. Am besten unter einem Tisch verstecken, Abstand zu Schränken und Fenstern halten und warten, bis das Beben vorbei ist. Nach einem Erdbeben kann es oft vorkommen, dass es danach noch weitere Nachbeben gibt. Deshalb das Gebäude auf Schäden überprüfen und beschädigte Häuser meiden. Die Nachrichten verfolgen und das Telefonnetz nicht unnötig belasten.
