Ihr Besuch in Köln ist für drei US-Amerikanerinnen zu einem unvergesslichen Ereignis geworden. Auf den Spuren der Familiengeschichte kam es zu denkwürdigen Begegnungen. Grundlage ist ein einzigartiges Zeitdokument.
Geschichte in BickendorfWunder von Köln: US-Familie bricht bei Spurensuche in Tränen aus

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Das Firmengelände an der Wilheim-Mauser-Straße - hier kam es zu einer denkwürdigen Begegnung.

Zu den deutschen Juden, die das Grauen der NS-Rassenpolitik und der Verfolgung überlebt hatten, gehörte Otto Schürmann (1890 –1957). Sechs Jahre hatte der gebürtige Hildesheimer bis zum Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft in Köln und der Region verbracht und war auf wundersame Weise durchgekommen – auch mit der Hilfe eines redlichen Kölner Unternehmers.
Schürmann emigrierte 1948 mit seiner Tochter Eveliese in die USA. Seine handschriftlichen Notizen und Erinnerungen fasste Schürmann dort auf 26 Schreibmaschinenseiten zusammen. Jetzt begaben sich eine Enkelin und zwei Ur-Enkelinnen aus den USA in Köln anhand dieses Zeitzeugnisses auf Spurensuche.
Kölner Zeitgeschichte hautnah
„Es war sehr emotional. Es sind auch Tränen geflossen,“ erzählt Gästeführerin Anja Broich, Mitglied von „Rhenania Judaica“, einem Netzwerk freiberuflicher Stadt- und Gästeführer(innen) und Historiker(innen), dessen Projekt geführte Stadtrundgänge zur jüdischen Geschichte in Köln und im Rheinland ist.
Broich hatte anhand der von Schürmann genannten Schauplätze eine Route durch Köln geplant und Begegnungen im Kontext von Schürmanns Erlebnissen organisiert.
Nun stiegen Pam Barnes und ihre Töchter Kathryn und Lisa, die aus der Kleinstadt Moretown im US-Bundesstaat Vermont 5500 Kilometer nach Deutschland angereist waren, auf bereitgestellte Fahrräder und eine Rikscha mit Fahrer. Auch symbolisch ein Wink an die Vergangenheit, denn Otto Schürmann besaß ein Fahrrad, das ihm in den Kölner Jahren ein nahezu unverzichtbares Transportmittel war.

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Die Gäste aus den USA erkundeten mit dem Fahrrad die Schauplätze aus dem Tagebuch von Otto Schürmann.
So wurde es für die Gäste und ihre Begleiter eine Zeitreise, wie sie Köln in dieser Form wohl nur selten erlebt hat. Was dem Großvater und Urgroßvater in jenen schicksalsschweren Jahren widerfahren war, erschien jetzt so nah wie nie zuvor.
Otto Schürmann stammte aus Hildesheim (Niedersachsen), wo er ein Herrenbekleidungsgeschäft betrieb. Da seine Ehefrau Else eine Christin war, lebte Schürmann in einer sogenannten „privilegierten“ Ehe. Unter diesem Begriff verstand das NS-Regime Ehen zwischen Juden und Nichtjuden. So blieb Schürmann zunächst von Zwangsmaßnahmen wie dem Tragen des „Judensterns“ oder der Einweisung in „Judenhäuser“ ausgenommen.
Dennoch war dieser Sonderstatus brüchig und keine Überlebensgarantie. Auch Schürmann ereilten nach einer Schonfrist Deportationsbefehle.
Else Schürmann war bereits 1939 gestorben. Die Mutter und Ehefrau hatte noch Kontakte nach England geknüpft, um Tochter Eveliese in Sicherheit zu bringen. Ein Transport brachte das neunjährige Mädchen mit 70 anderen Kindern ins britische Ipswich. Otto Schürmann beschloss indes, nach Köln zu ziehen, wo er Verwandtschaft hatte.

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Otto Schürmann stammte aus Hildesheim, verbrachte die Kriegsjahre aber in Köln. Er starb 1957 in Chicago.
Seine Aufzeichnungen nehmen den Leser mit auf eine Köln-Odyssee, die ihn mal hier-, mal dorthin führte. Eine Zeit voller Entbehrungen und Einsamkeit, aber nicht ohne Hoffnung und helle Momente. Ständig präsent aber ist die Furcht vor einem Zugriff der Geheimen Staatspolizei, der Gestapo.
Etlichen Freunden, Bekannten und Verwandten widerfährt dies, ohne dass Schürmann zu dem Zeitpunkt wirklich ahnen kann, dass im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten ein in der Geschichte beispielloser Massenmord im Gange ist, die Vernichtung der Juden, der Holocaust.
Als Schürmann 1939 nach Köln zieht, wird er nach Zuweisung durch das Arbeitsamt mit 200 weiteren Juden in den Glanzstoffwerken in Longerich eingesetzt, wo die Männer durch Armbinden als Juden gekennzeichnet werden.
In den folgenden Monaten bekommen Kölner Juden, darunter Verwandte von Schürmann, im Auftrag der Gestapo von der Jüdischen Gemeinde verschickte Deportationsschreiben, „aus denen hervorging, dass sie sich unter Zurücklassung ihres gesamten Vermögens zu einem genau bestimmten Zeitpunkt in dem Kölner Messegebäude einzufinden hätten.“, wie Schürmann in seinen Aufzeichnungen schreibt.
Grausame Abschiedsszenen am Bahnhof in Köln-Deutz
Es habe geheißen, dass die Menschen „zwecks Arbeitseinsatzes nach Polen transportiert werden sollten“. Er schreibt von grausamen Abschiedsszenen am Bahnhof Messe/Deutz.
Schürmann wechselt wiederholt seinen Aufenthaltsort. Er wohnt Aachener Straße 20, bezieht später ein Zimmer im Haus Sachsenring 99, später in der Hermann-Becker-Straße 9. Hier erhält er im Juli 1942 erstmals die Mitteilung seiner Deportation nach Theresienstadt (heute Terezin in der Tschechischen Republik). Schürmann ist „nicht gewillt, dem Folge zu leisten“.

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Im Kölner Beethovenpark: Die Enkeltochter Pam Barnes und die Urenkel Lisa Mason und Kathryn Barnes blicken in das Erinnerungsalbum des Großvaters Otto Schürmann.
Er verbringt jetzt Nächte am Decksteiner Weiher und im Beethovenpark. Er sieht in einem Stern, der über ihm steht, ein gutes Omen – würde er die Zeit überstehen und eines Tages seine Tochter wieder in den Arm nehmen können? Er verlässt Köln, sucht Bekannte in Bonn auf, taucht in der Eifel unter. Er erfährt, dass der geplante Transport abgeblasen wurde. Er kehrt nach Köln zurück. Sein Leben bewegt sich auf Messers Schneide.
Das Arbeitsamt weist ihn nun einem Kölner Vulkanisierbetrieb zu. Er wird zudem in die „jüdische Unterbringungsgemeinschaft“ am Horst-Wessel-Platz (heute Rathenauplatz) eingewiesen, dann von dort „mit etwa 100 Personen“ in das Fort 5, ein altes geschleiftes Festungsfort in Müngersdorf, überführt. „Inzwischen hatten die ersten schweren Luftbombardements auf Köln eingesetzt“, schreibt Schürmann.
Dann führt Otto Schürmanns Geschichte nach Köln-Bickendorf
Wieder wird Schürmann versetzt. Er hat jetzt eine Arbeitsstelle in der Betonplattenfabrik Dekora in Bickendorf, Wilhelm-Mauser-Straße 50. Benachbart ist die große Wäscherei Schober, in deren Schutzbunker Schürmann mit anderen während der zunehmenden Bombenangriffe Zuflucht sucht.
Hier treffen die Angehörigen aus den USA an einem heißen Sommertag auf die Schatten der Geschichte. Auf dem Gelände befindet sich heute unter anderem das Unternehmen „Polylog“, eine Agentur für kreatives Kommunikationsdesign. Der Schornstein der Firma Schober steht noch.
Die Gründer der Agentur, Christopher Ledwig und seine Frau Laura, bereiten den US-Amerikanerinnen einen herzlichen Empfang. „Ich hatte ihnen das Tagebuch zuvor zugesandt und jetzt sahen wir: Sie hatten sich wirklich damit beschäftigt.“, erzählt Anja Broich.
Bewegt schildert Laura Hoelscher-Ledwig die Begegnung. Die Gäste haben schmerzvolle Briefe aus dem Nachlass des Großvaters mitgebracht, Post von todgeweihten Angehörigen. Als sie gemeinsam auf die Zeilen blicken, stocken sie, blicken sich an, dann nehmen die Gefühle ihren freien Lauf. Weinen befreit. „Wir lagen uns hier alle in den Armen. Es war total traurig – aber es war auch wirklich total schön. Weil wir das Gefühl einer Verbundenheit hatten.“

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Im Bickendorfer Gewerbegebiet an der Wilhelm-Mauser-Straße wurden die Gäste aus den USA herzlich empfangen.
Es gibt auch einen Kölner Helden in dieser Geschichte, von dem Otto Schürmann in seinen Erinnerungen berichtet. Es ist sein höchster Vorgesetzter, der Firmenchef Carl Degen.
Das Dekorawerk hat in Bickendorf verschiedene Standorte. Die Firmenzentrale befindet sich damals in der Vitalisstraße 112. Dies wird der erste Halt der Tour der Angehörigen aus den USA. Dort befindet sich auch heute noch ein Betonhandel, die Firma Berding Beton.
Der Firmenmitarbeiter Ralph Paul empfängt die von so weit her angereisten Gäste und wartet „mit ungemein vielen historischen Details auf, unter anderem mit alten Bauplänen“, erzählt Anja Broich. Wo waren die Bunker, wo die Baracken für die meist russischen Zwangsarbeiter? Die Pläne verraten es.
Sie sind auch deshalb interessant, weil Schürmann, der sich als patenter Mitarbeiter erweist, mit dem Aufbau des zweiten Dekorawerkes in der nahegelegenen Wilhelm-Mauser-Straße betraut ist. In den Firmenunterlagen findet sich auch der Name Degens.
Dessen Rolle wird für Schürmanns Leben mitentscheidend. Denn als die Situation in Köln zu gefährlich wird, die Gestapo im Betrieb auftaucht, versetzt Degen seinen jüdischen Arbeiter in ein Lizenzwerk in Lautersheim in der Pfalz, ein kleines Nest. Er verabschiedet ihn mit den Worten: Leben Sie wohl.
Der jüdische Arbeiter kann es kaum glauben: Er erfährt Hilfe
Schürmann sieht in diesem Akt einen Wendepunkt. „Ich stehe auf der Straße und fasse mich an den Kopf, wache oder träume ich? War es möglich, dass es noch Menschen gab, die das taten, was dieser Mann getan hatte?“ Schürmann, „von neuen Hoffnungen erfüllt“, durchlebt und übersteht die letzte Phase der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges in der Provinz.
Erst am 23. November 1947, nach acht Jahren der Trennung, sind Otto Schürmann und seine Tochter Eveliese wieder vereint. Der Vater versucht noch, im Nachkriegschaos ein Textilgeschäft in der Bonner Innenstadt aufzubauen. Er besucht mit Eveliese das zerstörte Hildesheim, die Stätten ihrer Kindheit, das Grab der Mutter.
1948, Otto Schürmann hat jetzt eine neue Lebensgefährtin, verlässt er Deutschland für immer. Auf der Überfahrt in die USA lernt Eveliese ihren späteren Mann und Vater ihrer Kinder kennen. Eines Tages, jetzt, wird ihre Geschichte wieder lebendig.
Zurück in den USA fragte EXPRESS.de die Angehörigen nach ihren stärksten Eindrücken aus Köln. Otto Schürmanns Enkelin Pam Barnes schrieb: „Ich war sehr berührt von der Aufrichtigkeit der Menschen, die wir getroffen haben; sie haben sich wirklich engagiert und waren sehr an Ottos schwieriger Lage und seinem Weg interessiert.“

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Pam Barnes und ihre Töchter Lisa und Kathryn - im Hintergrund der erhalten gebliebene Schornstein der Schoberwerke in Bickendorf.
Über Schürmanns Vorgesetzten Carl Degen, der in der Piusstraße in Köln -Ehrenfeld lebte, würden Schürmanns Enkel gerne mehr erfahren. „Er ist große Risiken eingegangen, um ihm zu helfen, der Deportation zu entgehen. Und ist dadurch bewusst geworden, was für großartige Dinge Menschen durch Fürsorge und Liebe bewirken können.“
