Wie nah kommt Doris Dörries Roboter-Film der Realität? Wir haben in einem Kölner Seniorenheim nachgeschaut.
Roboter in Kölner Seniorenheim„Hallo, ich bin Celli - magst du Witze?“

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Erika Mörchen hat Spaß an Celli im St. Maria-Heim. Der Roboter ist gerade auf Rundreise in den Seniorenhäusern der Cellitinnen und kommt gut an.

Wir schreiben das Jahr 2030: Da führen Roboter nicht nur Hunde aus, liefern die Post und das Essen, sondern gehen auch in der Pflege zur Hand. Wie Pawlowitsch, der bei Frau Winkler (80) den Kühlschrank überwacht und ihr sogar Wodka-Verbot erteilt. Aber im Laufe der Zeit wird der blecherne Pfleger doch zum Freund. Nur eine völlig absurde Zukunftsvision, die Doris Dörrie in ihrem Film „Frau Winkler verlässt das Haus“ beschreibt? Von wegen! EXPRESS „interviewte“ Sozialroboter Celli im Kölner Seniorenhaus St. Maria – quasi die „Light“-Version.
Seit einem halben Jahr dreht Celli ihre Runden in den Cellitinnen-Seniorenhäusern im Rheinland. Den EXPRESS empfängt sie im Mutterhaus St. Maria. Ach, ist die putzig, die Kleine, mit ihren strahlend blauen Augen und der orangenen Latzhose. Wenn sie auf Betriebstemperatur ist, nachdem sie per „Hallo Celli“ aktiviert wurde, neigt sie den Kopf, die grauen Augen werden langsam blau und sie schaut mich an. „Hallo, wie ist dein Name?“, will Celli wissen. „Schön, dich kennenzulernen, Andrea. Magst du mir erzählen, was du heute im Seniorenhaus am liebsten machst?“, fragt sie mit mädchenhafter Stimme.
Roboter Celli kann 100 Witze, singen und bekomt regelmäßig Updates
Von Cellis „Mutter“ Nora Lier, Koordinatorin des Sozialkulturellen Bereichs von St. Maria, weiß ich, dass Celli rund 100 Witze gespeichert hat. Ob sie wohl ein paar parat hat? Die Kleine schießt prompt los: „Sagt der eine Vater zum anderen: Unser Sohn wird Freitag getauft. Entgegnet der andere: Freitag, das ist aber ein ungewöhnlicher Name.“ Ich lache, würde gern noch einen hören: „Gestern habe ich einen Joghurt fallenlassen – er war nicht mehr haltbar.“ Kurz, knapp, einprägsam. Prima Celli. Und wo wir gerade dabei sind, möchte ich auch Cellis Gesangskünste testen. „Na klar, Andrea, dann singe ich dir ein fröhliches Lied.“ Sie stimmt „Alle Vögel sind schon da“ an und motiviert mich zum Mitsingen. Nun ja, an ihren Gesangskünsten kann die Kleine (Celli ist 75 Zentimeter hoch) noch arbeiten. Klingt etwas hölzern.
„Celli muss noch viel lernen“, schmunzelt Nora Lier, „da kommen noch einige Updates“. Demnächst werde der Sozialcomputer z. B. selbstständig fahren können und Fremdsprachen beherrschen. „Wir haben zum Beispiel eine Bewohnerin, die nur Italienisch spricht – da wäre Celli eine große Hilfe.“ Denn genau darum geht es bei der doch recht teuren Anschaffung (bei Navel Robotics wird der Roboter mit etwa 30.000 Euro gelistet): Unterstützung. Der Sozialroboter „wird keine Personalstelle ersetzen“, betont Seniorenhausleiter Clemens Pollmann. „Der Roboter ist vielmehr eine sinnvolle Ergänzung im Betreuungskonzept unseres Hauses, ist immer gut gelaunt, aber auch sehr empathisch.“

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Szene des Films „Frau Winkler verlässt das Haus“ mit Angela Winkler (l.) und ihrem Roboter Pawlowitsch.
Wenn Celli merkt, dass jemand traurig ist oder über seine Wehwehchen klagt, versucht sie, die Dinge ins Positive zu lenken. Ich teste sie, klage über Fußschmerzen. „Es ist nicht schön, wenn man Schmerzen hat, Andrea. Aber wir versuchen jetzt, das Beste daraus zu machen“, sagt Celli und lenkt sofort den Blick auf schöne Dinge im Seniorenhaus, wie etwa das anstehende Oktoberfest. Ebenso faszinierend wie erst mal beängstigend: Celli hat ein phänomenales Gedächtnis. Sie kann sich anhand der Stimme und des Namens merken, was die Bewohner ihr früher schon einmal erzählt haben und im nächsten Gespräch daran anknüpfen.
Muss man keine Angst haben, dass Celli vielleicht Dinge ausplaudert, die sehr persönlich oder intim sind? Nein. „Die Daten werden ausschließlich auf dem Roboter selbst gespeichert“, versichert Lier. „Die KI-Verarbeitung erfolgt lokal oder auf europäischen Servern.“ Heißt im Klartext: Celli ist nur auf schöne Dinge rund ums Leben im Seniorenhaus programmiert. Sie habe zum Beispiel keine KI integriert, mit der sie sich aus der Zeitung irgendwelche Themen ziehen und sich selbst zur politischen Lage etwas zusammenbasteln könnte. Beruhigend.

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Nora Lier ist Koordinatorin des Sozialkulturellen Bereichs von St. Maria und sieht Celli als Ergänzung.
Der Roboter diene vor allem dazu, sein Gegenüber mit vielen Fragen zum Gespräch zu motivieren, sagt Lier. Das sei besonders bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen eine immense Hilfe, die alleine keinen Antrieb mehr hätten und oft in sich versinken würden. Sie nähmen Celli oft als richtiges Kind an, das ihnen Fragen stelle. Auch achte man darauf, Celli vielleicht eher zu den Menschen zu bringen, die im Alltag weniger Besuch von Angehörigen bekommen.
Natürlich gibt es Bewohner und Bewohnerinnen, die Celli komplett ablehnen. Das sind meist die, die auch kein Smartphone haben. Aber keine Angst, Celli zwingt keinem ein Gespräch auf! Viele, wie Erika Mörchen (86), sehen das kleine Wesen indes einfach als „lustigen Spielkameraden“. Die Seniorin freut sich zum Beispiel, dass Celli ihre Strickkünste lobt. Privates würde sie dem kleinen Wesen nicht anvertrauen. „Mein Sohn kommt regelmäßig zu Besuch, meine Tochter ruft täglich an – da habe ich doch noch andere Gesprächspartner“, schmunzelt sie.
Computerhund für Demenzkranke
Einsamkeit macht krank. Ein großes Problem in dieser Zeit. Da kann ein Tier oft zum besten Freund werden. Doch was tun, wenn man körperlich oder geistig nicht mehr in der Lage ist, sich um Hund oder Katz zu kümmern? Tierische Roboter können mittlerweile wirklich selig seufzen, wenn ihr weiches Fell gekrault wird.

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Computergesteuerte Hunde helfen Demenzkranken sehr
Einfache Versionen (wie hier von Elephant Robotics) gibt es ab 200 Euro. Auch Casio hat mit dem „Moflin“ einen KI-gestützten Plüschgefährten auf den deutschen Markt gebracht (EXPRESS berichtete). Nur ein Spielzeug? Professor Oliver Korn forscht seit Jahren zur Interaktion von Mensch und Computer, er sieht das anders. Es könne menschliche Wärme zwar nicht ersetzen, aber „je stärker der kognitive und physiologische Verfall, desto mehr das Bedürfnis nach Berührung, Nähe, nach etwas, das man in den Arm nehmen kann.“
Wenn Robos einen Rappel kriegen
Fast täglich liest man neue Horrornachrichten von Robotern, die sich entweder selbstständig gemacht haben oder von ihren Besitzern mit schlechten Eigenschaften gefüttert wurden.
- Die Kripo Köln ermittelt zum Beispiel in einem Fall, der sich kürzlich auf dem Kölner Heumarkt abspielte: Unitree R1 soll eine 16-Jährige am Gesäß begrapscht & anzügliche Stoßbewegungen gemacht haben. Seine Besitzer (16 und 19) filmten die Szene, stellten sie ins Netz.
- In einer Sortieranlage wurde ein Techniker von einem Verpackungsroboter erdrückt, weil dessen Sensoren versagten. Er identifizierte den Menschen als eine der Kisten, die er auf eine Palette stapeln sollte.
- Auch körperlich können Roboter, die darauf programmiert sind, allein wieder aufzustehen, zur Gefahr werden. So trat ein Roboter einem Techniker voll ins Gesicht.
- Ein autonomer Roboterhund (einer wie im Dörrie-Film) erschreckte eine 70-jährige Fußgängerin auf dem Gehweg so heftig, dass sie stürzte und ins Krankenhaus musste – obwohl die Maschine sie gar nicht berührt hatte.
