Der Viererbob, eine Königsdisziplin des Wintersports. Faszinierend, wie sich die (mit Besatzung) rund 600 Kilo schweren und fast vier Meter langen Schlitten mit Wucht durch den Eiskanal schieben. Am heutigen Sonntag ist Deutschland um Gold gefahren! Aus diesem Anlass erzählt EXPRESS.de eine kaum bekannte Bob-Geschichte.
Olympia-HistorieDeutscher Viererbob-Bruchpilot floh nach Köln

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Einer hat sich noch gar nicht aufgerappelt, die anderen drei der deutschen Bobbesatzung schauen nach dem Sturz dem führerlosen Schlitten hinterher. Wer der vier Männer Wolfgang Kummer ist, lässt sich nicht zuordnen.
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Wieder ein Sieg! Bei den Olympischen Spielen triumphieren die deutschen Bobfahrer, haben am letzten Tag (22. Februar) auch im Viererbob Gold geholt. Die Geschichte des Olympioniken Wolfgang Kummer, Teilnehmer der Winterspiele 1936 in Garmisch-Patenkirchen, ist eine andere. Sie führt nach Köln – und sie hat es in sich...
Denn das kuriose Bild vom Viererbob-Wettbewerb der am 6. Februar 1936 von Adolf Hitler eröffneten Spiele könnte sinnbildlich für Kummers ganzes Leben stehen. Mit seinen Kollegen Walter Trott, Fritz Vonhof und Rudolf Werlich flog der gebürtige Erfurter aus dem Bob, als der Schlitten in einer Haarnadelkurve der Naturbahn Riessersee umstürzte.
Vierbob stürzt – Sportler können nur noch hinterherschauen
Die Männer konnten dem Bob, der ohne Besatzung davonfuhr, nur noch hinterherschauen. Ein Desaster für Deutschland II! (Deutschland I wurde Siebter, Gold holte die Schweiz).
Auf und Ab. Aus der Bahn geraten. Bruchpilot. Das ganze Leben von Wolfgang Kummer gestaltete sich turbulent. Nach der Olympiapleite wurde er – wie zuvor schon 1935 – deutscher Meister im Viererbob. Zu diesen sportlichen Erfolgen kam ein scheinbar lebendiges Familienleben: Kummer hatte mit seiner Ehefrau sechs Kinder.
„Er war wohl ein vergnüglicher Mensch“, sagt Anja-Melanie Kummer, als EXPRESS.de die Enkelin des Bobfahrers in Hamburg erreicht. Ein fast noch vorteilhaft zu sehender Satz angesichts der Bitterkeit und familiären Enttäuschung, die sonst in ihren Erzählungen liegen. Sie habe ihren Großvater nie gesehen. Denn er habe ihre Großmutter damals sitzengelassen, mit den sechs Kindern – und habe sich für immer aus dem Staub gemacht.
Nahezu amtlich wird die Geschichte angesichts des Wikipedia-Eintrages zu Wolfgang Kummer, über den es heißt: „Nach dem Zweiten Weltkrieg verließ er seine Frau mit sechs Kindern und zog in die DDR, wo er kriminelle Geschäfte tätigte und Geld annahm, ohne Waren liefern zu können. Wegen eines damit verbundenen Haftbefehls floh er wieder in die Bundesrepublik Deutschland und ließ sich in Köln nieder.“

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Deutsche Viererbobmeister 1935: Wolfgang Kummer sitzt hinter Steuermann Wolfgang Trott.
Kummer ging am Rhein eine neue Partnerschaft ein, bekam einen Sohn, der als Kaufmann und Karnevalist durchs Leben ging. Zu den Kindern aus erster Ehe habe ihr Großvater jedoch weder selbst den Kontakt gesucht, noch habe er es zugelassen, dass sich eins jener Kinder nähert, erzählt Anja-Melanie Kummer. Einem seiner Söhne, der ihn in Köln aufgesucht habe, habe er quasi die Tür vor der Nase zugemacht. Ihre Großmutter Elisabeth sei vielleicht auch nicht einfach gewesen – aber so etwas habe keine Frau und Mutter verdient. Sie habe auch nicht ein zweites Mal geheiratet.
Wolfgang Kummer starb 1988 im Alter von 74 Jahren, ohne eines seiner acht Enkelkinder je gesehen zu haben. Er wurde auf dem Kölner Melatenfriedhof beerdigt. Auf der Internetseite „Find a Grave“ finden sich Fotos vom Grabstein im Flur 84, auf denen das Friedhofsamt einen Zettel aufgeklebt hat, um eventuell vorhandene Angehörige darüber zu informieren, dass das Nutzungsrecht für die Grabstätte abgelaufen ist und die Grabstelle abgeräumt wird. Nutzungsberechtigte mögen sich bitte bei der Friedhofsverwaltung melden. Doch gemeldet hat sich niemand mehr.


