Heute zum letzten Mal Nach 28 Jahren: Tränen-Ende einer Kölner-Fernseh-Ära

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Zu den Klängen des Rio-Reiser-Hits „Junimond“ sangen die Kabarettisten ihr Abschiedslied: „Bye, bye Wartesaal – es ist vorbei-ei-ei, bye-bye…“ 

Köln – Ach, was ist das noch mal für ein schöner, bunter Abend in dieser grauen Corona-Zeit! Wir können wirklich eine Stunde lang richtig lachen – allerdings wird’s zum Schluss etwas rührselig. Denn dann stehen drei in Ehren ergraute Herren auf der Bühne, winken uns zu und singen zu den Klängen des Rio-Reiser-Hits „Junimond“ ihr Abschiedslied: „Bye, bye Wartesaal – es ist vorbei-ei-ei, bye-bye…“ Und wenn man genau hinsieht, hat jeder der drei Herren mindestens eine Träne der Wehmut in den Augen.

Stars der Mitternachtsspitzen verabschieden sich

Damit ist nach vielen Jahren eine besondere Kabarett-Ära beendet. Denn die drei – das sind die Kölner Jürgen Becker (61), Wilfried Schmickler (66) und der Essener Uwe Lyko (66), die sich mit diesem Song von den „Mitternachtsspitzen“ verabschieden (Samstag, 19. Dezember, 21.45 Uhr, WDR).

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Die Drei von der Wurstbude: Am Kölner Hauptbahnhof trafen sich immer Jürgen Becker, Uwe Lyko und Wilfried Schmickler. So auch diesmal, als es zur letzten Aufzeichnung in den Alten Wartesaal ging.

Becker und Schmickler waren dann 28 Jahre dabei, Lyko 24 Jahre. „So viele Jahre – kein Wunder, dass dieser Abschied uns allen naheging“, sagt Wilfried Schmickler zum EXPRESS: „Das war emotional und bewegend. Unsere Gefühle haben uns überrumpelt.“

„Mitternachtsspitzen“ im WDR: Abschied durch Corona geprägt

Es ist ein Abschied, der durch Corona geprägt war. Die Aufzeichnung im Wartesaal am Hauptbahnhof, sonst immer proppevoll, war fast menschenleer, die traditionelle Currywurst vorher konnte nur unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen verzehrt werden, und die Abschiedsfeier wurde ganz gestrichen. Jürgen Becker: „Wir haben danach mit dem Team eine Flasche Bier getrunken – viel mehr war nicht. Normalerweise hätten wir die Nacht durchgemacht.“

Jürgen Becker: Ich kenne das von der „Stunksitzung“

Das Ende des kabarettistischen Dreigestirns war anders geplant. Schmickler und Lyko sollten im Frühjahr aufhören, Becker hätte noch zwei Jahre weiter machen können – bis zu seinem 30-Jährigen, wollte aber lieber mit den beiden anderen abtreten: „Das ist dann eine runde Sache.“ Probleme mit dem früheren Aufhören hat er nicht: „Ich kenne das von der Stunksitzung. Es ist immer am besten, man geht, wenn es am schönsten ist, und nicht erst, wenn man es runtergeritten hat.“

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Christoph Sieber wird die „Mitternachtsspitzen“ weiterführen. In der letzten Sendung von Jürgen Becker (l.) war er unter anderem auch zu Gast.

Wie kam er eigentlich zu den „Mitternachtsspitzen“ (gibt es seit 1988), wo er Nachfolger von Richard Rogler (71) war? „Ich wurde dafür auf der Bühne des »Spielplatz« vom Redakteur Rolf Bringmann und Produzenten Andreas Lichter entdeckt“, erinnert sich Becker.

„Die beiden fanden, dass ich der Richtige für die Sendung wäre. Allerdings hatte ich gedacht, es sei für ein oder zwei Sendungen. Hätte ich gewusst, dass es 28 Jahre werden, hätte ich es wahrscheinlich nicht gemacht.“

Auch an die allererste Sendung erinnert er sich noch gut: „Mir ging der Arsch auf Grundeis, so aufgeregt war ich.“
Becker brachte Wilfried Schmickler mit, der zum Schluss der Sendung immer als „Rausschmeißer“ fungierte und alles, was vorher war, in die Tonne trat. Legendärer Beginn seiner furiosen Finals: „Aufhören, Herr Becker! Aufhören!“

Jürgen Becker: Inspiration durch Heinz Schenk

Was kaum einer weiß: Die Idee hatte Becker vom hessischen Äppelwoi-Entertainer Heinz Schenk (1924 - 2014): „Als Kind hatte ich bei meiner Oma immer »Der blaue Bock« gesehen. Ich mochte vor allem den Komiker Reno Nonsens, der zum Schluss als schlecht gelaunter Meckerer auf die Bühne kam und alles scheiße fand, was Schenk vorher gemacht hatte. Das war Volkstheater, ich fand, dass das zu mir passte.“

Dritter im Team wurde vier Jahre später Uwe Lyko, mit dem handfeste Comedy ins Programm kam. Der Essener knatterte als agiler Rentner Herbert Knebel durchs Programm und nahm den Alltag auf die Schippe.

Uwe Lyko und Wilfried Schmickler schrieben TV-Geschichte

Wie kam es zum Comedy-Paar „Loki und Smoky“, das Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt und seiner Frau Loki nachempfunden war? Auch das war eine Becker-Idee: „Ich habe mal erlebt, wie Uwe hinter der Bühne Helmut Schmidt nachgemacht hat, das fand ich toll. Ich musste ihn ein bisschen überreden, aber dann hat er es gemacht.“

„Loki und Smoky“: Ein letztes Wiedersehen mit dem Kult-Paar

In der letzten Sendung erlebt das Kult-Paar, das bereits seit zehn Jahren im Show-Himmel zu finden ist, Auferstehung im TV. Denn der ewig lebende, alles wissende und immer qualmende Smoky will auf die Erde zurück, um den Geburtstag eines Sohnes zu feiern. Loki will das nicht, sie hat Angst vor einem gefährlichen Virus auf der Erde.

Für Smoky ist das aber kein Problem: „Loki, Virus kenne ich. Ich war mit Armin dem Cherusker bei der Virus-Schlacht im Teutoburger Wald. Damals habe ich Virus besiegt und an einem menschenfeindlichen Ort festgesetzt. Und so ist Bielefeld entstanden …“

Fernsehen aus Köln kann so schön sein ...

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