Jürgen Becker liebt sein Köln, doch bei einem Thema platzt ihm der Kragen. Der Kabarettist spricht über eine riesige, vertane Chance für die Stadt – und was Henry Ford damit zu tun hat.
Kölns verpasste ChanceKabarett-Star rechnet ab: „Hätte Weltkulturerbe werden können“

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Fühlt sich seiner Heimatstadt sehr verbunden: Der Kölner Jürgen Becker
Für den Künstler Jürgen Becker (66) ist Köln in erster Linie eines: offenherzig. Der Kabarettist genießt es, in seinem Viertel, der Südstadt, ohne Plan in eine Gaststätte zu gehen und stets Gesellschaft für einen gelungenen Abend zu finden. Diese Mentalität hat für ihn aber mehr Dimensionen als nur Fastelovend und das lokale Bier. Sie bringt Kreatives hervor, wie die Musikgruppe Grenzkontrolle, die auch über die Drogenszene am Neumarkt textet, anstatt nur die üblichen Köln-Klischees zu bedienen.
Jedoch existiert eine Facette Kölns, die den meisten fremd ist, Becker aber sehr beschäftigt: die Pionierarbeit in der Technik. Die Domstadt wird als Geburtsort der globalen Motorisierung betrachtet, weil hier der Ottomotor erfunden wurde. Dieser historische Wendepunkt jährte sich im Mai zum 150. Mal. Erlebbar wird diese Entwicklung im „Technikum“ in Porz, wo die Lebensgeschichte von Nicolaus August Otto dargestellt wird. Der Geschäftsmann und technische Laie grübelte, bis er 1876 den ersten lauffähigen Viertaktmotor vorstellte.
Becker: „Die Stadt hat da nichts draus gemacht“
Der Haken an der Sache: „Bedauerlicherweise ist das Museum fast unbekannt“, sagt Becker. Es befindet sich abgelegen im Industriegebiet von Porz und öffnet nur nach Vereinbarung. Dabei schlummert hier ein gewaltiges Potenzial.
Die unglaubliche Geschichte dazu: Als Henry Ford 1930 zur Einweihung seiner Kölner Fabriken anreiste, beabsichtigte er, die historischen Motoren und Exponate zu erwerben, um in Detroit ein riesiges Museum aufzubauen. Arnold Langen, der Sohn des Mitgründers der Deutz AG, sagte Nein – das Vermächtnis sollte in Köln verbleiben. Beckers ernüchternde Bilanz: „Aber die Stadt, die dieses Geschenk erhielt, hat nichts daraus gemacht.“
Für Becker steht fest: „Das gehört viel stärker in den Fokus.“ Aus dem Otto-Langen-Quartier in Mülheim hätte ein Welterbe nach dem Vorbild der Zeche Zollverein entstehen können, ein Anziehungspunkt für Besucher. Seine Hoffnung setzt er nun auf privates Engagement, denn: „Die Stadtverwaltung hat andere Sorgen.“
Kultur in der Veedelskneipe: „Die Leute saugen das auf“
Aber die Kölner Kulturszene floriert – hauptsächlich dank der Einwohner. Becker ist begeistert von der Konzentration an Bühnen und Ausstellungen im Rheinland, die seiner Ansicht nach sogar Berlin übertrifft. Egal ob das „Senftöpfchen“ in Köln, das „Kommödchen“ in Düsseldorf oder das Haus der Geschichte in Bonn – alles ist in kurzer Zeit zu erreichen.
Was die Szene wirklich prägt, sind bürgerschaftliche Projekte wie die lit.Cologne oder die phil.Cologne. „So etwas muss von innen heraus wachsen. Das belebt eine Stadt“, ist Becker überzeugt. Er selbst engagiert sich als Schirmherr für die Reihe „Escht Kabarett“, die Kunst an außergewöhnliche Plätze verlegt – beispielsweise auf die Schäl Sick.
Im Lokal „Vingster Pohl“ in Vingst ist bei den Kleinkunst-Abenden die Hütte immer proppenvoll. „Ich habe bemerkt, wie die Leute das annehmen“, berichtet Becker. Der Zuspruch hat den Wirt Drazan Knezevic sogar dazu motiviert, eigenständig Konzerte zu organisieren. Für Becker ist das grandios: Kultur in der Nachbarschaftskneipe, die eine Gemeinschaft schafft. Nach seinen Shows gibt er oft ein Kölsch aus und lauscht den Geschichten der Gäste.
Der in Köln geborene Künstler (Jahrgang 1959) gehörte zu den Gründern der Stunksitzung und war 28 Jahre lang das Aushängeschild der „Mitternachtsspitzen“. Am 14. Juni tritt er um 20.00 Uhr im Rahmen der phil.Cologne im Comedia-Theater auf. Seine persönlichen Empfehlungen sind außerdem das Theaterstück „Der Unbeugsame“ in der Volksbühne (8. und 9. Juni, 19.30 Uhr) sowie eine Besichtigung des Technikums oder des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. (red)
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