„Bild geht um die Welt” Für 2023? Kölns Zugleiter hat historische Szene schon im Kopf

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Holger Kirsch lud EXPRESS zum Interview-Termin ins Stadion von Viktoria Köln ein.

Köln – Er hat drei Fulltime-Jobs, aber nur einer wird bezahlt: Holger Kirsch (46) ist Leiter des Rosenmontagszuges, Vize-Präsident von Fußball-Drittligist Viktoria Köln und Architekt. 2015 war er der Prinz mit der Mundharmonika, heute gibt Kirsch auf andere Weise den Ton an. Wie er Ehrenamt, Beruf und Familie unter einen Hut kriegt, darüber hat EXPRESS mit ihm auf der Schäl Sick ein Köln-Gespräch geführt.

  • Holger Kirsch über den Kölner Karneval in der Corona-Krise
  • Die Session hat an ihm genagt, wie er erzählt
  • Könnte er Nachfolger von Christoph Kuckelkorn als FK-Präsident werden?

EXPRESS: Herr Kirsch, wir sitzen hier im Stadion von Viktoria Köln im Sportpark Höhenberg. Woher kommt die Liebe zu dem Verein?
Holger Kirsch: Ich bin bekennender „Schäl-Sicker“. Meine Großeltern hatten auf der Merheimer Heide einen Schrebergarten. Und wenn Viktoria ein Heimspiel hatte, fuhr ich mit dem Fahrrad hier her. Jahre später habe ich bei Viktoria aktiv Fußball gespielt – Libero und Stürmer. Für die große Karriere hat mein Talent leider nicht gereicht. Heute bin ich ganz froh, wenn ich mitbekomme, was Profis teilweise für Beschimpfungen in der Öffentlichkeit über sich ergehen lassen müssen.

Aus dem Spieler wurde der heutige Vize-Präsident von Viktoria. Wie kam es dazu?
Als der Verein sich neu aufstellte, wurde ich von Viktoria-Präsident Günter Pütz gefragt, ob ich mitmache. Da habe ich keine Sekunde gezögert. In einer Millionenstadt wie Köln muss Platz sein für eine Nummer eins, den FC, eine Nummer zwei, Viktoria, und eine Nummer drei, Fortuna. Deshalb wünsche ich mir mehr Aufmerksamkeit für unseren Club.

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Holger Kirsch (l.) beim Interview mit EXPRESS-Reporter Christof Ernst.

Können Sie ein Spiel genießen?
Ich kann bei nichts besser abschalten. Ich vergesse für 90 Minuten die Sorgen und Nöte des Alltags. Auf den Tribünen verschwinden vermeintliche Unterschiede: Wenn wir Fans unsere Trikots anhaben, ist es egal, ob ein Rechtsanwalt oder ein Fließbandarbeiter nebeneinander sitzen. Insofern hat Fußball einige Gemeinsamkeiten mit dem Karneval: Auch da verschwinden durch die Kostüme die Grenzen.

Gutes Stichwort! Sie sind ja auch Zugleiter des Rosenmontagszuges und erfolgreicher Architekt – was sagt Ihre Familie dazu?
Meine drei Töchter wissen: In dem Moment, wo Papa durch die Haustür kommt, ist er zu 100 Prozent zu Hause. Nicht von ungefähr war mein wichtigstes Bauvorhaben im letzten Jahr das selbst geplante und gebaute Baumhaus für meine Mädchen. Ich müsste allerdings lügen, wenn ich behaupten würde, dass gerade die letzte Session nicht auch belastend für mich war.

Meinen Sie den Rosenmontags-Puppenzug?
Genau. Wir haben seit März alle Möglichkeiten gecheckt, Kostenplanungen erstellt und vieles mehr. Aber nichts schien machbar. Man muss wissen: Der Rosenmontagszug ist für jeden ehrenamtlichen Karnevalisten die größte Belohnung. Deshalb hat es an mir genagt, dass ich diese Belohnung nicht liefern konnte. Als ich dann die Idee hatte, im kleinen Maßstab zu denken und wir die Idee kreierten, mit dem Hänneschen zu kooperieren, war das für mich wie ein Geschenk mit Schleifchen drum.

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Prunkstück: Mit dem Mini-Zoch im Hänneschen-Theater legten Holger Kirsch und sein Team eine Meisterleistung hin.

Das haben anfangs nicht alle so gesehen. Es gab, wie man hört, erhebliche Widerstände.
Der Weg zur Realisierung war in der Tat hier und da etwas steinig, und vielleicht ist es dem einen oder anderen schwerer gefallen, aus der Corona bedingten Depression herauszukommen. Dabei möchte ich es belassen, um dieses großartige Ereignis nicht unnötig mit negativen Dingen zu belasten.

Ihr Traum ist es, den Rosenmontagszug erstmals über die Brücke auf die Schäl Sick ziehen zu lassen. Wie ist der Stand der Dinge?
Köln besteht nun mal aus zwei Rheinseiten, und im Rechtsrheinischen leben 480.000 Menschen. Deshalb finde ich es nur richtig, die Schäl Sick einmal mit einzubeziehen. Man stelle sich nur vor, der Zug zieht über die Brücke und man sieht im Hintergrund das Altstadtpanorama. Wow! Da kriege ich Gänsehaut. Ich bin sicher: Diese Bilder würden um die Welt gehen. Warten wir mal 2023 und das 200-jährige Jubiläum des Kölner Karnevals ab. Vielleicht klappt es ja dann …

Was denken Sie als Architekt, wenn Sie durch Köln gehen?
Die Nachkriegs-Architektur spiegelt die kölsche Mentalität: „Et muss ja wigger jonn. Also schnell, schnell alles wieder aufbauen.“ Mit etwas mehr Umsicht hätte man mehr erreichen können. In den letzten Jahren ist jedoch auch viel Qualität entstanden. Ich selbst habe mit meinem Büro unter anderem einen Schwerpunkt auf den „sozialen Wohnungsbau“ gelegt. Mit guter Architektur kann man direkten Einfluss auf das Verhalten der Bewohner ausüben. Das muss gar nicht teuer, sondern lediglich liebevoll durchdacht sein. Leider wurden in der Bodenpolitik vonseiten der Stadt große Fehler gemacht.

Ein Beispiel?
Gerade in Zeiten, da die Grundstückspreise in die Höhe geschossen sind, hat man die Subventionen für Grundstücke die dem öffentlich geförderten Wohnungsbau dienen sollten, gestrichen. Wir brauchen aber bezahlbaren Wohnraum.
Sozialer Wohnungsbau hat nun mal nicht den besten Ruf.
Aber warum? Es mangelt lediglich an positiver Öffentlichkeitsarbeit. 46 Prozent aller Kölner haben Anrecht auf einen Wohnberechtigungsschein – das können nicht alles Problemfälle sein.

Zurück zum Karneval: Die Mottowagen des Puppen-Zuges waren scharf wie nie. Bleibt das auch 2022 so?
Ja, wir wollen diese Marschroute beibehalten. Wir haben aber auch noch andere Aufgaben. Der Kölner Rosenmontagszug ist die größte Freiluft-Veranstaltung Deutschlands. An den Hochtagen des Karnevals verlassen wir Jecken die Säle und gehen hinaus in unsere Umwelt. Also müssen wir auch verantwortungsvoll mit ihr umgehen. Deshalb arbeiten wir mit einem Umweltinstitut zusammen, das prüft, wie wir im Rahmen des Rosenmontagszuges unsere Umwelt liebevoller behandeln können.

Was heißt das konkret?
Es geht um Müllvermeidung im Allgemeinen, um ein Mehrwegbecherkonzept entlang der Zugwegstrecke oder um Abgasminimierung an den Traktoren. Was ist mit den Kamelle? Nimmt man welche, die Fairtrade gehandelt sind, aber auf der Straße liegenbleiben oder Markenprodukte, die aufgehoben werden?

Das neue Motto „Alles hät sing Zick“ ...
... finde ich klasse. Es öffnet die Tür, um herauszutreten aus dieser Corona-Depression und bietet ganz viele Möglichkeiten.

Ihr Vorgänger Christoph Kuckelkorn ist jetzt FK-Präsident. Folgen Sie ihm nach?
Christoph ist ein überragender Präsident. Ich selbst habe den Karneval nie gesehen, um persönliche Ambitionen geltend zu machen. Ich bin für jedes meiner Ämter gefragt worden. Das müssten also schon andere Leute entscheiden und gegebenenfalls an mich herantragen.

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