Explosionen, Geislnahmen, Misshandlungen: Vor dem Landgericht schließt sich der Kreis im Komplex „Kölner Drogenkrieg“.
Bald startet der ProzessLösten sieben Männer den Kölner Drogenkrieg aus?

Copyright: Arton Krasniqi
Auch die Explosion in der Ehrenstraße im September 2024 rechnen die Ermittler dem Komplex Kölner Drogenkrieg zu.
Aktualisiert:
Es geht um 350 Kilogramm Marihuana – und einen Raub, der zum Ausgangspunkt einer der schwersten Gewaltwellen wurde, die Köln in den vergangenen Jahren erlebt hat. Am Montag müssen sich vor dem Landgericht Köln sieben Männer verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, im Juni 2024 mit Maschinenpistolen eine Lagerhalle in Hürth gestürmt, einen Bewacher überwältigt und einen Teil einer zuvor angelieferten Drogenlieferung geraubt zu haben. Was danach folgte, beschäftigt die Kölner Justiz bis heute: Geiselnahmen, Misshandlungen und Sprengstoffanschläge.
Kölner Anklage um Drogenraub in Hürther Lagerhalle
Der Prozess ist auf zunächst 17 Verhandlungstage bis Anfang Januar angesetzt. Auf der Anklagebank in Saal 210 des Kölner Justizgebäudes werden sieben Angeklagte im Alter zwischen 36 und 48 Jahren sitzen. Die Männer befinden sich teilweise bereits seit Ende vergangenen Jahres in Untersuchungshaft. Für sechs von ihnen geht es um den Vorwurf des besonders schweren Raubes, der gefährlichen Körperverletzung, der Freiheitsberaubung und des bewaffneten Handelns mit Cannabis. Im Zentrum stehen 703 Kilogramm Marihuana, die in der Hürther Halle gelagert wurden.

Copyright: Polizei Köln
Aus dieser Lagerhalle in Hürth verschwanden laut Anklage rund 350 Kilogramm Marihuana.
Die Drogen sollen einer Kölner Gruppierung um den gesondert verfolgten Sermet A. gehört haben. Der 24-Jährige steht derzeit in seinem eigenen Verfahren vor dem Landgericht. Die Ermittler halten ihn für die zentrale Figur des Kölner Drogenkrieges. Die im neuen Prozess vor Gericht stehenden Männer sollen noch am Tag der Lieferung den Entschluss gefasst haben, einen Teil der Drogen zu stehlen. Rund 350 Kilogramm Marihuana wollten sie nach Darstellung der Anklage erbeuten und anschließend selbst gewinnbringend verkaufen. Der Plan soll sorgfältig vorbereitet worden sein.
Köln: Bewacher laut Anklage mit Maschinenpistole bedroht
Laut Anklageschrift gingen die Männer arbeitsteilig vor. Ein 36-Jähriger soll sich bereit erklärt haben, den für den Abtransport benötigten Lieferwagen zu fahren. Ein 44-Jähriger soll sich am Abend zunächst maskiert mit einem weiteren Mann zur Lagerhalle begeben haben, um die Örtlichkeit auszukundschaften. Am nächsten Abend sollen die Männer zurückgekehrt sein. Während einer im Fahrzeug geblieben sein soll, sollen vier weitere Angeklagte unter Mitführung von Maschinenpistolen in die Hürther Halle eingedrungen sein. Dort trafen sie laut Anklageschrift auf einen Bewacher.
Die mutmaßlichen Räuber sollen den Mann überwältigt, getreten und geschlagen und anschließend gefesselt haben. Einer der Täter soll dem Mann den Lauf einer Maschinenpistole in den Mund gehalten und ihm mit dem Tod gedroht haben, sollte er versuchen, sie aufzuhalten. Dann begann laut Anklage der Abtransport. Auf ein entsprechendes Zeichen soll der Lieferwagen in die Halle gefahren worden sein. Rund 350 Kilogramm Marihuana sollen die Männer verladen haben. Anschließend seien sie mit der Beute verschwunden. Die Drogen sollen in eine Halle nach Godorf gebracht worden sein.
Köln: Drogenraub soll Gewaltspirale in Gang gesetzt haben
Für die Ermittler war der Raub jedoch nicht das Ende der Geschichte – sondern offenbar erst der Anfang. Denn Sermet A. und seine Leute sollen nach dem Verschwinden der Drogen davon ausgegangen sein, dass jemand aus dem eigenen Umfeld hinter dem Raub stecken könnte. Die geraubte Menge hatte einen erheblichen Wert. Von einem Gegenwert von rund 1,5 Millionen Euro war die Rede. Die Suche nach den Verantwortlichen soll schließlich in Gewalt gegen Unschuldige ausgeartet sein. Mehrere Männer wurden in einer Lagerhalle festgesetzt und misshandelt.

Copyright: Federico Gambarini/dpa
Der Angeklagte Sermet A. (r.) mit seinem Verteidiger Wolf Bonn beim Prozessauftakt im Kölner Landgericht
Drei niederländische Auftragstäter wurden dafür bereits vom Landgericht Köln zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie sollen im Auftrag von Hintermännern nach Köln gekommen sein, um diejenigen zum Reden zu bringen, die des Drogenraubs verdächtigt wurden. Noch dramatischer wurde es bei der Entführung eines Paares aus dem Ruhrgebiet. Die beiden wurden in eine Villa nach Rodenkirchen verschleppt und dort schwer misshandelt. Auch in diesem Verfahren fiel immer wieder der Name Sermet A. Mehrere Beteiligte wurden bereits vor einem Jahr zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.
Explosionen vor Wohn- und Geschäftshäusern in Köln
Auch auf offener Straße kam der Drogenkrieg an. Mehrere Sprengstoffanschläge erschütterten Köln und das Umland. Unter anderem explodierten Sprengsätze in der Keupstraße in Mülheim, in Buchheim und auf der Ehrenstraße. Beim Anschlag auf ein Modegeschäft auf der Ehrenstraße wurde ein Schaden von rund 600.000 Euro angerichtet. Ein 18-jähriger Niederländer, der die Tat nach seiner Festnahme gestand, erklärte vor dem Amtsgericht, er habe für den Auftrag 2000 Euro bekommen sollen. Die Ermittler sehen auch diesen Anschlag im Zusammenhang mit dem Umfeld von Sermet A.
Sermet A. selbst muss sich wegen einer Vielzahl schwerer Vorwürfe verantworten. Ihm werden unter anderem Drogenhandel im großen Stil, Geiselnahmen und die Beteiligung an mehreren Sprengstoffanschlägen vorgeworfen. Er soll die Vorgänge teilweise aus dem Ausland gesteuert haben. In dem Verfahren geht es auch um die Frage einer möglichen Sicherungsverwahrung. Zuletzt wurde der Vater von Sermet A. zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Dem Gastronomen wurde vorgeworfen, illegale Geschäfte seines Sohnes nach dessen Verhaftung weiter gefördert zu haben.
