Lutz Schade ist der neue Präsident des Festkomitees Kölner Karneval. In den nächsten Jahren möchte er das Brauchtumsfest weiterentwickeln. Über seine Ideen sprach er im großen EXPRESS.de-Interview.
Präsident nennt Ziele nach seiner WahlSchade: „Volkskarneval darf kein Luxuskarneval werden“
Die Weichen für die kommenden Jahre sind beim Festkomitee Kölner Karneval gestellt. Lutz Schade (50) ist neuer Präsident des Jecken-Dachverbands.
Bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung wurde der Jurist am Montagabend (23. März 2026) bei nur einer Gegenstimme gewählt. Einer der ersten Gratulanten war Vorgänger Christoph Kuckelkorn (61).
Christoph Kuckelkorn schwärmt von seinem Nachfolger Lutz Schade
„Am Ende ist der Plan, den Christine Flock und ich hatten, aufgegangen. Vor vier Jahren haben wir bei einem Fischessen der Blauen Funken gesehen, dass da jemand ist, der mit Leidenschaft und viel Intelligenz, guten Worten und guten Taten den Karneval in ein neues Zeitalter führen kann. Dein Wahlprogramm ist großartig, da ist viel frischer Wind drin“, sagte Kuckelkorn.
Schade holt einige erfahrene Karnevalisten in sein Vorstandsteam, damit diese auch für neue Impulse sorgen. Nach der erfolgten Wahl stand der neue Präsident EXPRESS.de Rede und Antwort.
Sie waren der einzige Kandidat, der zur Wahl stand. Dennoch herrschte im Vorfeld eine gewisse Anspannung. Wie geht es Ihnen nun?
Lutz Schade: Sehr gut. Ich bin ganz überrascht über das klare Votum und nehme das als riesigen Vertrauensvorschuss. Jetzt freue ich mich total, habe aber auch Demut und Respekt. Ich merke, das wird mich noch lange begleiten, das ist aber auch gut so.
Welche Schuhgröße haben Sie?
Lutz Schade: 45. Wieso?
Die Frage ist, ob sie groß genug sind, um in die Fußstapfen von Christoph Kuckelkorn zu treten.
Lutz Schade: Die sind in der Tat riesengroß, da will ich auch gar nicht hereintreten. Ich möchte eigene Fußstapfen erzeugen. Ich kenne Christoph sehr gut, aber wir sind total unterschiedliche Menschen, die sich bisher im Präsidium gut ergänzt haben. Jetzt kommt ein anderer Charakter mit anderen Schwerpunkten. Das wird ganz anders, aber vielleicht auch gut.

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Christoph Kuckelkorn (M.) wurde zum Abschied von den Mitgliedsgesellschaften zum Ehrenpräsidenten des Festkomitees ernannt. Vizepräsidentin Christine Flock und der neue Präsident Lutz Schade gratulierten ihm.
Wie unterscheiden sich die Charaktere?
Lutz Schade: Christoph ist unglaublich kreativ, spritzig und geht aus sich heraus. Ich bin eher ein überlegter Mensch, der in Strukturen lebt, viel Organisationstalent und ein wirtschaftliches Händchen hat. Ich möchte den Karneval nicht bloß verwalten, sondern verantwortlich weiterentwickeln.
Werden Sie wie Ihr Vorgänger auch die Proklamation des Kölner Dreigestirns leiten?
Lutz Schade: Wir haben das noch nicht entschieden, aber ich wüsste nicht, was dagegen spricht.
Haben Sie sich einen Zeitplan für die Präsidentschaft gesetzt?
Lutz Schade: Wenn die Mitglieder das wollen, möchte ich mindestens zwei Legislaturperioden das Amt besetzen, besser sogar drei. Dreimal vier Jahre, dann wäre ich 62. Wenn ich das bis dahin durchhalte, könnte ich mir das vorstellen. Ich habe meine anderen Posten bei den Blauen Funken und der CDU abgegeben, um mich voll auf die Aufgabe zu konzentrieren. Der Karneval muss politisch sein, aber auch überparteilich.

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Festkomitee-Präsident Lutz Schade mit seiner Ehefrau Lisa. Zusammen haben sie eine siebenjährige Tochter.
Welche Aufgaben stehen als erste an?
Lutz Schade: Wir gehen jetzt in die Entscheidungsphase um das neue Dreigestirn. Das ist jedoch eine wiederkehrende Aufgabe, die seit Jahren gelebt wird. Wir waren gerade in einem Klausurwochenende. Dort haben wir einen Tag über das Projekt „Alaaf 2040“ gesprochen. Die Ergebnisse dieses Strategieprozesses möchten wir im Sommer ausrollen und beim Präsidentenabend im September fertige Ergebnisse präsentieren, damit die Gesellschaften das für ihre Arbeit nutzen können.
Welche Herausforderungen sehen Sie?
Lutz Schade: Kostendruck, überbordende Auflagen, Kommerzialisierung, Beliebigkeit, ein Zerrbild des Karnevals als bloßer Exzess in den sozialen Medien, Nachwuchsmangel, Überalterung und eine schwächer werdende Verbindung zwischen dem organisierten Karneval und der Stadtgesellschaft. Unsere Aufgabe erschöpft sich nicht darin, Termine zu koordinieren und Veranstaltungen zu organisieren. Unsere Aufgabe ist es, den Kölner Karneval als kulturelle Kraft, als Gemeinschaftserlebnis und Ausdruck städtischer Identität in Köln stark zu halten. Diesen klaren Handlungsauftrag haben wir als Festkomitee.

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Der neue Festkomitee-Präsident Lutz Schade mit seinem geschäftsführenden und erweiterten Vorstand.
Und welche Marschroute verfolgen Sie?
Lutz Schade: Mir sind vier Dinge ganz besonders wichtig: Tradition, Unabhängigkeit, Gemeinschaft und Lebensfreude. Tradition heißt nicht Stillstand. Der Kölner Karneval darf sich weiterentwickeln, darf aber auch nicht beliebig werden. Er ist nicht irgendeine Party, ein Event und ein Freifahrtschein für Maßlosigkeit. Das ist auch kein Projekt, das sich nach der Logik des Marktes und einer Eventmechanik richtet. Kölner Karneval ist mehr als Unterhaltung. Er ist Brauchtum, Identität und gelebte Gemeinschaft, verbindet und ist die soziale Infrastruktur unserer Stadt.
Wie wollen Sie die jüngeren Menschen gewinnen?
Lutz Schade: Karneval wird in Köln nicht nur in organisierter Form gefeiert. Wir benötigen für die jungen Menschen, die auf der Zülpicher Straße feiern, andere Angebote als für arrivierte, organisierte Karnevalisten. Diese Angebote gibt es jedoch bis jetzt nicht in ausreichendem Maße. Deshalb haben wir mit der 35-jährigen Britta Nassenstein bewusst jemanden in den Vorstand berufen, die sich um die jungen Menschen kümmert. In diesem Themenbereich müssen wir unbedingt etwas machen. Ohne Nachwuchs im Publikum, im Ehrenamt und auf den Bühnen verliert der Karneval langfristig seine Substanz. Wir wollen abseits der digitalen Welt einen echten Anker bieten.

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Lutz Schade holte mit René Klöver, Britta Nassenstein und Gaby Gérard (v.l.) drei neue Vorstandsmitglieder in sein Team.
Sie haben weitere neue Gesichter in den Vorstand geholt. Mit welchen Gedanken?
Lutz Schade: Gaby Gérard, die Präsidentin der KG De Kölsche Madämcher, ist für die innere Organisation im Festkomitee zuständig. Zudem wird sie sich um das Sponsoring und Partner kümmern, was ich federführend auch betreuen werde. Ex-Prinz René Klöver ist ein echter Charakterkopf, hat Struktur in seinem Handeln. Er kann reden, stellt etwas dar. Er wird sich auch um ein neues Gästekonzept für unsere Veranstaltungen kümmern.
Wie wollen Sie die Finanzsituation meistern?
Lutz Schade: Wir benötigen ein unabhängiges finanzielles Fundament. Es ist richtig und wichtig, dass uns die Stadt Köln jährlich finanziell stützt. Es ist aber eine unsichere Zusage, denn wir wissen, wie es um die Finanzen der Stadt bestellt ist. Daher müssen wir uns gegen den Kostendruck einsetzen. Gerade weil der Karneval ein enormer Wirtschaftsfaktor ist, dürfen wir die Träger des Brauchtums nicht mit Kosten und Auflagen alleinlassen.
Das Festkomitee besteht aktuell aus 82 ordentlichen und 35 hospitierenden Mitgliedsgesellschaften. Wie wollen Sie allen gerecht werden?
Lutz Schade: Kleinere Gesellschaften wünschen sich mehr Unterstützung und Aufmerksamkeit. Wir sind stolz auf unsere großen und starken Gesellschaften. Aber Vielfalt benötigt Schutz und jedes Mitglied zählt. Wenn die Kraft und die Budgets ungleich verteilt sind, wird aus dem Volkskarneval eines Tages ein Luxuskarneval. Das Argument der kleinen Gesellschaft zählt genauso wie das der großen. Das will ich auch leben und mich nicht von den Großen an die Wand drücken lassen.

