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Forschungen im KiezHexenkessel Berlin-Neukölln von Kölnern gegründet?

Grabungen in Berlin

Copyright: Claudia Maria Melisch

Bei den Ausgrabungen am Petriplatz in Berlin-Mitte wurden Tausende Gebeine geborgen (aus dem Buch „Die ersten Berliner – Leben an der Spree zwischen 1150 und 1300“, BeBra Verlag)

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Berühmt und berüchtigt: Berlin-Neukölln ist heute bedeutungsbeladen wie kaum ein anderer deutscher Stadtteil. Anhand von Skelettfunden gehen Forscher der Frage nach: Ist Neukölln eine Gründung Kölner Siedler?

Neukölln steht für viele Dinge gleichzeitig: für eine linke politische Avantgarde, für Migration mit Licht- und Schattenseiten, für quirliges Großstadtleben, für Dynamik. Ein Hexenkessel, der die einen fasziniert, und bei dem die anderen die Augen verdrehen.

EXPRESS.de geht dabei einer historischen Frage nach: Hat Neukölln eigentlich mit Köln zu tun? Wieso heißt Neukölln überhaupt so? Waren in Deutschlands heutiger Hauptstadt gar kölsche Berliner zugange?

Gebeine von 3882 Menschen wurden entdeckt

Ein Teil der Antwort liegt unter der Erde. Auf dem Berliner Petriplatz wurden zwischen 2007 und 2010 bei Grabungen Gebeine von insgesamt 3882 Personen aus 3126 Gräbern geborgen. Anhand dieser Funde sollten moderne Analysen auch diese Frage klären, die Historiker seit Jahrhunderten umtreibt: Steckt hinter dem Namen Neukölln tatsächlich eine Verbindung zur Stadt am Rhein?

Zunächst zum Namen selbst – und einem ersten überraschenden Fakt: „Neukölln ist ein Kunstwort, das 1912 ausgerechnet anlässlich Kaisers Geburtstag entstanden ist“, erklärt die Berlin-Historikerin Dr. Antje Bielfeld-Müller, die ihre Forschungen im Aufsatz „Etymologische Betrachtungen zum Ortsnamen Cölln im Spannungsfeld zwischen Vermutungen, Wahrscheinlichkeiten und Fakten“ zusammengefasst und publiziert hat.

Der Ursprungsort hieß Richardstorp, später Richardsdorf, dann Rixdorf. Und Rixdorf hatte ein Problem: einen schlechten Ruf. Ein Gassenhauer der Zeit brachte es vergleichsweise harmlos auf den Punkt: „In Rixdorf ist Musike“. Doch es herrschten unschöne Auswüchse. Man fuhr hin nach Rixdorf, ließ sich volllaufen, grölte rum, prügelte sich, fuhr am frühen Morgen wieder zurück nach Berlin. Um das Image zu kaschieren, taufte man den Ort 1912 kurzerhand um.

Polizei im Einsatz bei Pro-Palästina-Demo

Copyright: IMAGO/A. Friedrichs

Polizisten im Einsatz bei einer Pro-Palästina-Demo, bei der die Teilnehmer ein Ende der israelischen Besatzung in Palästina forderten. Bei antisemitischen Parolen drohen Strafanzeigen.

Doch warum „Neukölln“? Wieder wird es interessant: Nördlich von Rixdorf hatte sich um 1900 eine Mietskasernensiedlung gebildet – auf einem Gebiet, bei dem man davon ausging, es gehöre zur Feldmark „Cölln“, einer eigenständigen Inselstadt mitten in der Spree, direkt neben dem mittelalterlichen Berlin.

Diese Stadt war urkundlich erstmals 1237 belegt – noch vor Berlin, das erst 1244 erwähnt wurde. In den Dokumenten taucht sie in wechselnden Schreibweisen auf: Colonia, Coln oder auch Köln. Erst 1709 ließ König Friedrich I. die beiden Städte Berlin und Cölln sowie drei weitere Siedlungen zur Haupt- und Residenzstadt Berlin zusammenlegen. Bei der Umbenennung von Rixdorf in Neukölln im Jahr 1912 sollte der Name die alte Verbindung festhalten.

Zu jener Inselstadt „Cölln“, die dem zugrunde lag, besagte eine historische These, Kaufleute aus Köln am Rhein hätten sich an der Spree niedergelassen und ihre Handelsstadt nach ihrer Heimat benannt. Genau diese Legende wird anhand der Skelettfunde am Petriplatz überprüft.

Das Ergebnis, so Antje Bielfeld-Müller: „Die Isotopenwerte der ältesten Toten vom Petriplatz erzählen von Menschen aus der Region und dem näheren Umland. Eine Spur ins Rheinland ließ sich bisher nicht nachweisen.“ Die These von den kölschen Gründervätern halte sich zwar weiterhin, verliere damit aber an Boden. Und: Die Untersuchung der zahlreichen Skelette ist noch nicht abgeschlossen.

Als ein Indiz für eine Verbindung nach Köln gilt der Fakt, das die Cöllner Pfarrkirche wie der Kölner Dom dem heiligen Petrus geweiht ist,   „und das ist in der Mark Brandenburg selten“, so Bielfeld-Müller.   Ein Beweis sei dies aber nicht, denn auch der Dom des Bistums Brandenburg sei – gemeinsam mit Paulus – Petrus geweiht.

Die Köln-Verbindung ist schon lange ein Streitfall. 1786 lehnte etwa der Berliner Historiker Friedrich Nicolai die Herleitung von Köln am Rhein ab und dachte an das wendische Wort „Koll“ für einen ins Wasser gestoßenen Pfahl, ein Bezug zu den Pfahlhäusern, die es damals noch in der Gegend um Cottbus gab.

1842 vermutete auch Ernst Fidicin, Gründungsmitglied des Vereins für die Geschichte Berlins, „dass der Name Inseln bedeutet, wie im Spreewald, wo jede aus Wasser oder Sumpf ragende Insel Colne hieß.“

Aber woher kommt dann das ursprüngliche „Cölln“? Dr. Bielfeld-Müller erklärt: „Colonia ist das Amtslatein der Urkunden, es passt auf jede Siedlung. Darunter liegt vermutlich ein älterer Name, Colne. Den gibt es zwischen Elbe und Oder viele Male, oft in Niederungen, an Flüssen, auf Inseln. Das spricht für ein slawisches Wort.“

Eine Theorie des Namensforschers Oswald Jannermann („Slawische Orts- und Gewässernamen in Deutschland“, 2002) führt den Namen auf das altslawische „kolo“ zurück, das rings um oder rund um oder bei bedeutet und später auch Rad oder Kreis.“

Der Kiez Neukölln ist dicht besiedelt

Neukölln anno 2026 – das ist mit 331 744 Einwohnern einer der bevölkerungsreichsten Bezirke Berlins. Mit einer Fläche von 44,93 Quadratkilometern ist Neukölln gleichzeitig nur wenig größer als der Kölner Bezirk Lindenthal (41,77).

Neben dem hervorstechenden Neukölln rund um Sonnenallee und Schillerpromenade gibt es auch noch jenes alte Rixdorf mit dem einst miserablen Ruf – es schmiegt sich ans Großstadtgetümmel wie ein verträumter kleiner Ort.

Indes haben begleitet von teilweise großer Skepsis bis offener Ablehnung aus den Bundesverbänden der Parteien die Berliner SPD und Grüne Koalitionsverhandlungen mit den Berliner Wahlsiegern, der Linke, begonnen – die Linke Elif Eralp könnte somit Regierungschefin Berlins werden.

Rathaus Neukölln

Copyright: A.Savin

Das Rathaus von Neukölln an der Karl-Marx-Straße. Anders, als der Name vermuten lässt, lag Neukölln zu Zeiten der Teilung im Westteil Berlins. Neukölln grenzt an Kreuzberg, das Gebiet wird in der Szene auch „Kreuzkölln“ genannt,

Im Bezirk Neukölln wurde die Linke mit 33 Prozent der Zweitstimmen stärkste Partei und gewann drei Direktmandate  - darunter die wegen ihrer harten Israelposition bekannte, aus Düsseldorf stammende Vanessa Emde (46,2 Prozent Erststimmen).

Interessante Fakten zu Neukölln: David Bowie widmete dem Bezirk 1977 einen Song

Im Lied „Neuköln“ (hier nur mit einem „l“) hat David Bowie den Bezirk besungen. Der Song erschien auf dem berühmten Album „Heroes“. Bowie lebte während seiner Berliner Zeit von 1976 bis 1978 allerdings nicht in Neukölln, sondern in Schöneberg, war aber oft in der Stadt unterwegs.

Das Stück fängt die melancholische und von Isolation geprägte Stimmung des damaligen West-Berlins ein – insbesondere die Lebensrealität und Entwurzelung der türkischen Gastarbeitergemeinschaft.

Der ehemalige Kölner Oberstadtdirektor und OB-Kandidat der SPD, Klaus Heugel (geb. 1936) stammt aus Berlin-Neukölln.