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„Bewegter Mann”-Erfinder ganz offen Köln ist nicht mehr der geilste Arsch der Welt

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Comic-Zeichner Ralf König in seinem Büro.

Köln  – Der Mann redet Klartext – und mit dem Stift kann er ebenso deutlich werden: Ralf König (59), international bekannter Kölner Comic-Zeichner, der unter anderem die Vorlage für den Kino-Hit „Der bewegte Mann” lieferte.

Trotz Corona-Krise traf EXPRESS sich mit ihm zum Gespräch über 40 Jahre Comic-Zeichner, 30 Jahre Köln, Freiheit der Kunst, sein neues Buch – und Corona.

EXPRESS: Wie hat sich das Leben in Corona-Zeiten für Sie geändert?
Ralf König: Erst fand ich’s sogar ganz wohltuend, ein bisschen wie Weihnachten, alles fährt mal runter, in der Stadt ist Ruhe. Ich arbeite normalerweise in einem Gemeinschaftsstudio am Hauptbahnhof, das ist erst mal vorbei. Ich bleibe zu Hause, aber es ist ein bisschen schwer, sich allein zu motivieren. Veranstaltungen und Lesungen fallen aus, man wird sehen, was noch wird. Beim Aufwachen denke ich immer, das ist ein schlechter Science Fiction-Film.

Dabei könnten Sie jetzt ein besonderes Köln-Jubiläum feiern – vor 30 Jahren sind sie aus Dortmund an den Rhein gekommen. Noch zufrieden mit der damaligen Entscheidung? 
Ja, klar. Ich lebe hier gern und meine Freunde sind hier. Ich mag die Lebensphilosophie, dieses „Et kütt wie et kütt“, auch den Karneval, das räumlich Überschaubare. Ich hab hier Wurzeln geschlagen, aber trotzdem ist Köln nicht mehr der geilste Arsch der Welt.

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Was gefällt Ihnen denn nicht?
Es gibt schon hässlich verbaute Ecken mit Müll und Taubenkacke, und es wird nicht besser. Nun gibt’s ein riesiges Wandgemälde an einem Haus an den Ringen, da ist wieder mal der Dom zu sehen. Sehr groß, grau und hässlich, da hätte es bestimmt farbenfrohere Motive gegeben. Und die Stadt ist extrem eng gebaut, nicht für eine Million Leute. Dazu steht man dauernd an Fußgängerampeln, jede noch so schmale Querstraße hat eine verdammte Ampel!

Sie leben in einer Pendler-Beziehung. Ihr Freund musste beruflich nach Berlin wechseln – wäre doch ein Grund, auch den Wohnort zu wechseln.
Ich habe Ende der Neunziger für eineinhalb Jahre in Berlin gelebt und bin dann reumütig zurückgekommen. Berlin war mir damals zu gewaltig, die Entfernungen zu anstrengend. Also das andere Extrem. Aber vor allem sind in Köln meine Freunde.

Warum sind Sie vor 30 Jahren nach Köln gekommen?
Wegen der Schwulenszene. Vorher in Dortmund war alles noch sehr verkrampft. Da musste man noch an der schwulen Bar klingeln und wurde durch ein Guckloch in der Tür begutachtet. In Köln war schon alles offen und öffentlich. Männer gingen Hand in Hand oder Arm in Arm durch die Straßen, ohne dass die Kölner gafften. Klar war das ein Stück Freiheit.

Null Probleme fürs schwule Leben?
Köln hat so eine lebendige Szene, so viele Kneipen, viele Veranstaltungen, das ist erst mal der vorherrschende Eindruck. Das tut einer Stadt gut, auch in Zeiten, in denen destruktive Kräfte wieder nach oben kriechen. Klar gibt’s blöde Sprüche und Gewalt, überall. Wenn man nachts an der Straßenbahn dem Freund einen Abschiedskuss gibt, und das sehen Typen, die’s nicht sehen wollen… so was gibt’s auch in Köln, klar.

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Welche Rolle spielen Sie in der Kölner Szene?
Keine. Ich bin selten auf irgendwelchen Medien-Promitreffs oder Partys, um vorteilhafte Kontakte zu knüpfen. Ich bin wohl zu wenig geschäftsmäßig drauf. Mein Freund mault dann öfter, klar, diese Zurückhaltung hat auch Nachteile. Ich habe leider noch keine Booking-Agentur und darum nicht mal eine relevante Bühne in Köln, wo ich meine Comiclesungen bringen kann. Überall hab ich feste Spielplätze, in Frankfurt, Berlin, Zürich, aber nicht in Köln.

Wie fing das vor 40 Jahren an mit den Comics?

Kreativität entsteht ja oft aus Langeweile. Von 1975 bis 1980 habe ich in Werl in einer großen Holzfabrik gearbeitet und Tag für Tag hirntot Holzklötzchen gebohrt. Ich wäre vor Langeweile bekloppt geworden, wenn damals nicht mein Kopfkino angegangen wäre! Ich habe mir beim Klötzchenbohren Geschichten ausgedacht und dann angefangen, die zu zeichnen.

Klingt sehr unspektakulär…
Aber aus diesen Erfahrungen heraus empfehle ich allen Eltern, ihren Kindern ruhig öfter mal Langeweile zuzumuten, die gibt es heute mit all den Smartphones kaum noch. Hätte es in meiner Jugend allerdings auch schon Computer und Netflix gegeben, würde ich diesen Job wohl heute nicht machen, ich hätte stupide nur konsumiert.

Gerade ist Ihr neues Buch „Stehaufmännchen“ in den Bücher-Charts gelandet. Der Titel lässt bei Ihnen einiges vermuten – worum geht es wirklich?
Ich erzähle die ganze menschliche Evolutionsgeschichte in einem durch – vom Äffchen, das vom Baum hüpfte und aufrecht in die Welt ging bis zum heutigen Afrikatourismus. Ich fand schon als Jugendlicher interessant, wenn irgendwo ein drei Millionen alter Backenzahn gefunden wurde, von einem Wesen, das nicht mehr Affe war und noch nicht Mensch war. Das war nicht einfach zu zeichnen, meine Figuren haben ja alle diese Knollennasen und unterscheiden sich eher durch Kleidung und Frisuren. Das hier sind Affen, aber da konnte ich viele haarige Männchen zeichnen, das mache ich ja gern.

Sie hätten im Kölner Kunstsalon das Thema „Wie frei ist die Kunst?“ diskutieren sollen. Haben Sie selbst erlebt, dass die Kunst unfreier wird?
Doch, in den 40 Jahren, in denen ich zeichne, hat sich einiges verändert. Ich glaube, dass diese bigotte amerikanische Prüderie sich durch Facebook & Co. auch bei uns langsam einschleicht. Vieles ist politisch überkorrekt, und einige Zeitgenossen sind durch derberen Humor und Satire schnell beleidigt. Das fing mit den religiösen Empfindlichkeiten an, die gute alte Volkskunst des Augenzwinkerns geht verloren. Es wird alles zunehmend verkniffen.

Sie selbst sind durch ein Wandbild in Brüssel an den Pranger gestellt worden, auf dem eine schwarze Lesbe mit großen Lippen und eine traurige Transfrau zu sehen sind. Werden Sie jetzt vorsichtiger sein?
Es ist keine traurige Transfrau, sondern eine debile Trümmertunte! Und ja, dicken roten Lippenstift würde ich einer schwarzen Figur nicht mehr so unbedarft verpassen. Aber wenn sich Leute aufregen wollen, sollen sie! Ich höre weiter auf mein Bauchgefühl, das sagt mir schon, was geht und was nicht. Aber es gehört ein Schuss Provokation dazu, ich bin nicht der Mann für gefällige Witzchen.

Am 8. August werden Sie 60. Was haben Sie da geplant?
O Gott, das auch noch! Ein Buch zum Thema Älterwerden hab ich ja schon gezeichnet, „Herbst in der Hose“ war ein schöner Erfolg. Es geht also nicht nur mir so, aber man hat gerade verstanden, dass man 50 ist, da wird man schon 60! Sorry, ich bin noch im Verdrängungsmodus, lassen Sie mir noch die vier Monate, lieber EXPRESS!

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