Bei der lit.Cologne Spezial sprach die Publizistin über ihr neues Buch „Was zählt ein Mensch?“.
Klartext bei Auftritt in KölnAutorin fordert Entschuldigung von Habeck und Steinmeier

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Bei der lit.Cologne Spezial sprach Carolin Emcke über ihr neues Buch „Was zählt ein Mensch?“. Das Foto zeigt die Autorin im Mai bei der Digitalmesse Re:publica in Berlin.
Bei einer Gesprächsveranstaltung im WDR-Funkhaus in Köln hat Publizistin Carolin Emcke eine Entschuldigung von Robert Habeck und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gefordert.
Emcke sprach auch über ihr im September erschienenes Buch „Was zählt ein Mensch?“. Darin und bei der Veranstaltung plädierte sie dafür, unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven auf den Nahostkonflikt wahrzunehmen. Das Leid der Opfer des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober und das Leid der Menschen in Gaza und im Westjordanland seien kein Gegensatz, sagte sie.
Carolin Emcke stellt „Was zählt ein Mensch?“ vor
Ihr Werk „Was zählt ein Mensch?“ verbindet Reportage und Reflexion. Damit wollte sie ganz bewusst Orte schaffen, in denen „sich Menschen mit palästinensischer Perspektive oder Menschen mit jüdisch-israelischer Perspektive gesehen wissen“ und zugleich „mit einer anderen Perspektive konfrontiert werden, die sie normalerweise nicht gern aufsuchen“, wird Emcke vom „Kölner Stadt-Anzeiger“ zitiert.
Doch gerade die Debatte über den Hamas-Angriff auf das Nova-Musikfestival im Süden Israels zeige, wie verfahren und komplex die Lage ist. „Für manche beginnt die eigene Zeitrechnung am 7. Oktober. Das Datum markiert eine Zäsur. Dieses Verbrechen reiht sich nicht ein in eine Chronologie oder einen Kontext“, hält Emcke in ihrem Buch fest. „Für andere gibt es eine andere Zeitrechnung, gibt es ein Davor, eine Chronologie, die andere historische Momente, andere Gewalterfahrungen betont.“
Kölner Abend im WDR-Funkhaus: Plädoyer für mehr Zuhören
Der Abend im Kölner WDR-Funkhaus wird so zu einem eindringlichen Appell, Widersprüche und verschiedene Sichtweisen auszuhalten. „Das eine zu betonen, heißt eben nicht, das andere zu vergessen“, stellt Emcke klar.
Sie beobachte in der Gesellschaft eine Haltung, die „es sozusagen für unmöglich oder übermenschlich deklariert, sich in verschiedenes Leid einfühlen zu können“. Zudem beklagt sie eine „Art des Verlernens von Zuhören, was da jemand wirklich gesagt oder geschrieben hat“. Wie öffentlich über den 7. Oktober und die Folgen gestritten wird, sei für sie „in keinem Fall akzeptabel. Und es gibt auch keine guten Ausreden dafür“.
Immer wieder werde in der Debatte ein falscher Gegensatz konstruiert. So werde getan, als könne man entweder nur die Taten vom 7. Oktober oder nur die Verbrechen im Westjordanland und im Gazastreifen anerkennen – als zähle entweder nur der Maßstab des Holocaust oder nur der Einsatz für die Rechte der Palästinenser. „Es kommt einem absurd vor, diese Banalität auszusprechen, aber es ist eben kein Gegensatz.“
Deutliche Kritik an Robert Habeck und Frank-Walter Steinmeier
Auch mit der deutschen Spitzenpolitik geht die Autorin hart ins Gericht – ihr fehlte das nötige Mitgefühl. Konkret nennt Emcke Reden von Robert Habeck und Frank-Walter Steinmeier aus dem November 2023.
Zu diesem Zeitpunkt wurde „Gaza schon, um es vorsichtig zu sagen, recht stark bombardiert“. In den Ansprachen seien Palästinenser sowie Menschen mit arabischen Wurzeln „in erschütternder Weise unter Generalverdacht gestellt“ worden, so Emcke, indem man von ihnen verlangte, „sich von der Hamas zu distanzieren“. Das habe großen Schaden angerichtet: „Und man kann das auch nicht einfach vergessen. Das war ein Signal an sehr viele Menschen in diesem Land, dass sie nicht so richtig dazugehören. Und ich finde, dafür sollten Sie sich entschuldigen, beide.“
Emcke verweist darauf, dass es verschiedene Begriffe gebe, um eine besondere Rücksichtnahme gegenüber einer israelischen Regierung zu begründen, der sich Deutschland durch seine Geschichte eng verbunden fühlt. „Manche nennen das Staatsräson, manche nennen das unsere historische Verantwortung.“ Sie selbst halte viel von Takt. „Aber der Takt hat eine Grenze und die Grenze ist das Völkerrecht.“ (red)
