Hier wird’s heiß: Ein Mann, der alles verliert. Ein Kind, das zur Bedrohung wird. Und eine Entscheidung, die Generationen zerstört. Im Theater im Bauturm rückt „Laios“ von Roland Schimmelpfennig genau die Figur in den Mittelpunkt, die sonst im Schatten steht und erzählt eine Geschichte über Schuld, Angst und die Frage, wie frei wir wirklich sind.
Schuld ist kein SchicksalWarum das Theaterstück „Laios“ heute aktueller ist denn je

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Laura Thomas spielt in „Laios“ (das Foto hier stammt von einer Aufführung im Prinz Regent Theater Bochum) im Theater im Bauturm: Zwischen Angst, Schuld und Verantwortung zeigt die Inszenierung, wie tief Gewalt und Trauma in Generationen wirken.

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Wer an die antike Tragödie denkt, denkt meist an Ödipus. An das Schicksal, das sich unaufhaltsam erfüllt. Doch „Laios“ dreht die Perspektive: Es geht um den Vater. Um den Anfang. Um den Moment, in dem sich entscheidet, was später unausweichlich scheint.
Die Inszenierung im Bauturm mit Laura Thomas – eine Übernahme des Prinz Regent Theaters Bochum – verzichtet auf große Effekte und setzt stattdessen auf Sprache, Präsenz und eine klare, fast distanzierte Erzählebene. Gerade diese Zurückhaltung macht die Wucht des Stoffes spürbar. Denn was hier erzählt wird, ist keine ferne Mythologie, sondern wirkt erschreckend gegenwärtig.
Wenn Angst stärker wird als Liebe
Im Zentrum steht ein Mann, dessen Leben von Verlust und Gewalt geprägt ist. Schon als Kind erlebt Laios Zerstörung und Tod, wächst ohne Halt auf. Was ihn antreibt, ist nicht Machtgier, sondern Angst. „Eigentlich tut er mir nur leid“, sagt Schauspielerin Laura Thomas über ihre Figur – und setzt im gleichen Atemzug nach: „Und dann kommt aber trotzdem das Aber.“ Dieses „Aber“ ist entscheidend. Es markiert den Moment, in dem Mitgefühl an seine Grenze stößt. Denn so nachvollziehbar die Prägung ist – sie entbindet nicht von Verantwortung. Gerade darin liegt die Kraft des Stücks: Es zeigt, wie eng Schuld und Verletzlichkeit miteinander verwoben sind. Wie Menschen zu Tätern werden können, ohne dass ihre Geschichte sie vollständig entschuldigt.
Was wir weitergeben, ohne es zu wollen
„Da sehe ich traumatische Großeltern, traumatisierte Kinder, die das wieder weitergeben“, beschreibt Thomas eine der zentralen Ebenen des Stücks. Es ist dieser Gedanke, der „Laios“ so aktuell macht. Gewalt erscheint hier nicht als isoliertes Ereignis, sondern als Kette. Als etwas, das sich fortsetzt, weil es nie wirklich aufgearbeitet wurde. Weil Angst, Scham und Schuld oft weitergegeben werden. Und zwar leise, unausgesprochen, aber wirksam. Die Inszenierung macht diesen Mechanismus sichtbar, ohne ihn zu erklären oder aufzulösen. Sie zeigt, wie sehr Biografien ineinandergreifen und wie schwer es ist, sich daraus zu befreien.

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Schauspielerin Laura Thomas: In „Laios“ verleiht sie einer Figur zwischen Angst, Schuld und Verantwortung eine eindrucksvolle Tiefe.
Schicksal oder Entscheidung?
Im Zentrum der Tragödie steht eine Prophezeiung: Laios soll kein Kind bekommen. Tut er es doch, wird genau dieses Kind ihn töten. Was folgt, ist bekannt. Ödipus kommt zu Welt. Und doch stellt das Stück eine andere Frage: Was wäre gewesen, wenn er sich anders entschieden hätte? „Sich dem Schicksal hinzugeben, ist mir zu einfach“, sagt Thomas. „Übernimm Verantwortung für dein Leben.“ Und genau hier verschiebt sich der Blick: weg von der Idee eines unausweichlichen Schicksals, hin zur Verantwortung des Einzelnen. Auch dann, wenn die eigene Geschichte schwer ist. Auch dann, wenn Angst alles bestimmt.
Die leisen Momente der Gewalt
Besonders eindringlich ist eine Szene, die Thomas selbst als die schwierigste beschreibt: eine Vergewaltigung, kurz, aber von großer Intensität. „Dieses ‚hör auf, hör auf, hör auf‘ – das ist schon dolle“, sagt sie. Und noch ein Satz bleibt hängen: „Verstummen ist da leider sehr wahr.“ Die Inszenierung verzichtet auf plakative Darstellung und setzt stattdessen auf Andeutung – und gerade dadurch entsteht eine beklemmende Nähe. Die Szene wirkt nach, weil sie nicht auserzählt wird. Weil sie Raum lässt für das, was oft unsichtbar bleibt.
Ein alter Mythos, der plötzlich sehr nah ist
„Laios“ ist kein klassisches Drama über Götter und Helden. Es ist eine Erzählung über Menschen, die Entscheidungen treffen – und mit deren Folgen leben müssen. Oder, wie es Thomas mit einem Augenzwinkern formuliert: „Zeus, die alte Bumsbirne“ – als ironischer Hinweis darauf, dass selbst göttliche Ordnung nicht vor Chaos schützt.
„Laios“ wird wieder gespielt im Theater im Bauturm am Freitag, den 10. Juli 2026 um 20 Uhr.
Alle Infos und Tickets gibt es auf der Webseite des Theaters.
Am Ende bleibt weniger die große Tragödie als vielmehr eine leise, unbequeme Erkenntnis: Dass wir geprägt sind, aber nicht festgelegt.Dass wir verstehen können, aber trotzdem handeln müssen. Und dass jede Entscheidung eine Spur hinterlässt. Nicht nur im eigenen Leben, sondern oft auch im nächsten.

