Ein Theaterstück ohne Regie. Ohne Proben. Ohne Vorwissen. Die Schauspielerin oder der Schauspieler öffnet den Text erst auf der Bühne, gemeinsam mit dem Publikum. Als ich davon gehört habe, musste ich sofort an das erste Date denken.
Liebe gibt's nicht mit GeneralprobeWarum wollen wir immer einen Spickzettel?

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In ihrer Kolumne „Liebe. Leben. Köln.“ schreibt Louisa Noack über Liebe, Beziehungen und die kleinen Geschichten, die das Leben in Köln jeden Tag bereithält. Manchmal sind die wertvollsten Schätze nicht die teuersten, sondern die, die uns für einen Moment wieder Kind sein lassen.

Es gibt gerade ein Theaterstück in Köln, das mich wirklich geflasht hat. Nicht, weil ich besonders theaterverrückt wäre. Sondern wegen seiner Idee. Die Schauspielerin oder der Schauspieler betritt die Bühne, öffnet einen versiegelten Umschlag und sieht den Text zum allerersten Mal. Keine Probe. Keine Vorbereitung. Kein Plan B. Und plötzlich dachte ich: Genau so fühlt sich Verlieben an.
Es gibt Menschen, die vor einem ersten Date erst einmal recherchieren. Instagram. LinkedIn. Facebook. Vielleicht sogar noch schnell den Hund auf dem Profilbild googeln. Hauptsache, keine Überraschungen. Ganz ehrlich? Ich verstehe das. Schließlich möchten wir wissen, mit wem wir uns treffen. Aber manchmal habe ich das Gefühl, wir versuchen heute, das ganze Kennenlernen schon vor dem ersten Hallo abzuhaken. Dabei lebt doch genau davon jede Begegnung.
Natürlich musste ich darüber mit Zoe, 19, meiner Gen-Z-Expertin, sprechen. „Na klar schaue ich vorher aufs Profil“, sagte sie. „Aber wenn ich nach fünf Minuten merke, dass jemand ganz anders ist als online, dann ist mir das eigentlich sogar lieber.“ Ich musste lachen. Denn genau das ist der Punkt. Kein Profil der Welt kann erzählen, wie jemand lacht. Wie aufmerksam er zuhört. Oder wie sich ein Gespräch anfühlt, wenn plötzlich beide vergessen, auf die Uhr zu schauen.
Später habe ich Franco, den italienischen Barbesitzer meines Vertrauens, gefragt, wie das früher war. Er grinste. „Louisa, wir wussten damals oft nicht mal den Nachnamen.“ „Und das hat funktioniert?“, fragte ich. „Sogar ziemlich gut“, antwortete er. Ich glaube, genau deshalb hat mich dieses Theaterstück so beschäftigt.
Bei „Weißes Kaninchen, rotes Kaninchen“ öffnet die Schauspielerin oder der Schauspieler nämlich den Text tatsächlich erst auf der Bühne. Keine Proben, keine Regie, kein Vorwissen. Jede Vorstellung ist einzigartig. Das Experiment des iranischen Autors Nassim Soleimanpour wurde inzwischen in mehr als 50 Ländern und über 30 Sprachen gespielt. Und genau darin steckt für mich eine wunderbare Botschaft: Die interessantesten Momente entstehen oft dann, wenn wir eben nicht alles kontrollieren können.
Das Stück beginnt sanft, es wird auch viel gelacht, aber zum Ende hin wird es wirklich ernst. Der Autor schreibt nämlich zwischen den Zeilen kritisch über die Zustände im Iran. Ein Thema, dass für viele weit weg ist, aber unbedingt unsere Aufmerksamkeit benötigt.
Deshalb kommt hier mein Tipp für diese Woche: Wenn du Lust auf einen Abend hast, bei dem wirklich niemand weiß, was passieren wird, dann schau dir „Weißes Kaninchen, rotes Kaninchen“ an. Ein Stück über Vertrauen, Mut und die Bereitschaft, sich auf das Unbekannte einzulassen. Ehrlich gesagt fällt mir gerade keine schönere Metapher für das Leben und die Liebe ein. Alle Termine und Infos findest du über den Link.
Vielleicht versuchen wir heute viel zu oft, jede Überraschung auszuschließen. Wir möchten vorher wissen, ob die andere Person dieselben Hobbys hat, dieselben Urlaubsziele, dieselben politischen Ansichten und am besten noch denselben Musikgeschmack. Dabei vergessen wir manchmal, dass Chemie nicht auf einem Profil entsteht. Sondern in einem Blick. In einem Lachen. In einer kleinen Geste. Oder in einem Gespräch, das plötzlich ganz anders verläuft als geplant.
Und wer weiß? Vielleicht braucht die große Liebe am Ende genau das, was auch dieses Theaterstück braucht: ein bisschen Mut. Und die Bereitschaft, den Umschlag erst dann zu öffnen, wenn das Leben längst begonnen hat.

