Dienstag, 20 Uhr: Sex? Klingt ungefähr so erotisch wie „Donnerstag, Zahnarzt“. Dabei könnte ausgerechnet ein fester Termin manchen Paaren helfen, wieder mehr miteinander zu erleben.
Sex nach TerminplanUnromantisch oder ziemlich clever?

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Liebe nach Kalender? Wer sich bewusst Zeit für Nähe nimmt, macht Sex nicht automatisch unromantisch. Gerade im vollen Alltag kann Planung sogar wieder Raum für Lust und Zweisamkeit schaffen.

m Anfang einer Beziehung braucht Sex selten einen Kalender. Man trifft sich, küsst sich, landet im Bett und stellt irgendwann fest, dass man eigentlich längst irgendwo anders sein müsste. Ein paar Jahre später sieht das Leben anders aus. Arbeit, Kinder, Freunde, Sport, Haushalt, Müdigkeit. Und plötzlich warten beide auf diesen magischen Moment, an dem sie gleichzeitig Zeit, Energie und Lust haben.
Der kommt nur erstaunlich selten vorbei. Also Sex eintragen? Dienstag, 20 Uhr, zwischen Pilates und neuer Serienfolge? Für viele Paare fühlt sich allein die Vorstellung falsch an. Schließlich soll Lust spontan entstehen. Oder?
Der Mythos von der spontanen Lust
Genau hier liegt eines unserer hartnäckigsten Missverständnisse über Sexualität: Wir stellen uns Lust häufig wie einen Schalter vor. Erst bin ich erregt, dann möchte ich Sex.
Tatsächlich kann sexuelles Verlangen auch anders funktionieren. In der Sexualforschung wird zwischen spontanem und responsivem Verlangen unterschieden. Beim responsiven Verlangen entsteht die Lust nicht unbedingt vorher, sondern entwickelt sich durch Nähe, Berührung und sexuelle Stimulation.
Das bedeutet natürlich nicht: anfangen, obwohl man eigentlich Nein meint, und hoffen, dass die Lust schon kommt. Ein Nein bleibt ein Nein. Aber zwischen „Ich will unbedingt Sex“ und „Auf gar keinen Fall“ liegt ein ziemlich großer Bereich. Vielleicht bin ich gerade neutral, müde oder gedanklich noch beim Job. Dann kann Nähe trotzdem schön sein und Lust erst daraus entstehen.
In meiner Praxis begleite ich Paare dabei, solche Fragen zu besprechen. Informationen gibt es unter www.kommwirreden.de.
„Wenn wir Lust haben“ kann verdammt lange dauern
Gerade in Langzeitbeziehungen sehe ich darin einen entscheidenden Punkt. Viele Paare sagen: „Wir wollen Sex nicht planen. Wir machen es, wenn wir Lust haben.“ Und dann passiert wochenlang nichts. Denn spontane Lust konkurriert irgendwann mit einem ziemlich gut gefüllten Alltag. Wir planen Abendessen mit Freunden, Sport, Wochenenden, Urlaube und sogar gemeinsame Fernsehabende. Nur beim Sex soll ausgerechnet Planung beweisen, dass etwas nicht mehr stimmt. Das finde ich paradox. Vielleicht nimmt ein Termin dem Sex nicht seine Romantik. Vielleicht gibt er ihm erst einmal wieder einen Platz im gemeinsamen Leben.
Keinen Pflichttermin daraus machen
Der entscheidende Punkt ist für mich deshalb nicht der Kalendereintrag, sondern das, was wir daraus machen. „Mittwoch müssen wir Sex haben“ erzeugt Druck. „Mittwoch nehmen wir uns zwei Stunden nur für uns“ klingt völlig anders. Vielleicht wird daraus Sex. Vielleicht wird gekuschelt, massiert, geküsst oder gemeinsam geduscht. Vielleicht merken beide nach zehn Minuten: Heute wird das nichts. Auch das darf sein. Sobald Sex zum Pflichtprogramm wird, haben wir nämlich das nächste Problem. Niemand möchte im Bett das Gefühl haben, eine Wochenaufgabe abzuhaken.
Und geplante Sexualität hat noch einen Vorteil, den wir gern unterschätzen: Wir können uns darauf freuen. Ein Date wird schließlich auch nicht weniger schön, weil wir am Montag schon wissen, dass wir uns Freitagabend treffen. Im Gegenteil. Wir überlegen vielleicht, was wir anziehen, schreiben uns vorher eine Nachricht oder genießen schlicht die Vorstellung dessen, was später passieren könnte.
Warum sollte das nach zehn Jahren Beziehung plötzlich nicht mehr gelten? Vielleicht beginnt guter Sex dann nämlich gar nicht um 20 Uhr im Schlafzimmer. Sondern schon morgens mit dem Gedanken: Heute Abend gehören ein paar Stunden wieder uns.
Sex darf wichtig genug sein, um geplant zu werden
Natürlich braucht nicht jedes Paar einen Sex-Termin. Wer mit seiner Sexualität zufrieden ist, muss daraus kein neues Optimierungsprojekt machen. Aber wenn beide eigentlich gern häufiger miteinander schlafen würden und es trotzdem ständig nicht passiert, würde ich Planung nicht vorschnell als unromantisch abtun. Wir tragen schließlich vor allem die Dinge in unseren Kalender ein, die uns wichtig sind. Vielleicht sollten wir Sex deshalb nicht behandeln wie etwas, das nur dann echt ist, wenn es uns zufällig überfällt.
Mein Tipp: Plant nicht den Orgasmus. Plant die Gelegenheit. Was daraus wird, dürft ihr immer noch spontan entscheiden.

