Neue Daten der Dating-App Hinge zeigen: Deutsche wollen überraschend früh wissen, wer ihnen wirklich gegenübersitzt. Tiefgründige Gespräche, Fragen nach Werten und sogar nach den Beziehungsabsichten sind ausdrücklich erwünscht. Und noch etwas fällt auf: Beim ersten Kennenlernen möchten erstaunlich viele einen klaren Kopf behalten.
Bloß kein Blabla beim ersten DateDeutsche wollen lieber Tiefgang statt Drinks

Copyright: Louisa Noack / KI generiert
Lieber echte Fragen als oberflächlicher Smalltalk: Deutsche Datende wünschen sich beim ersten Treffen besonders häufig tiefgründige Gespräche und 61 Prozent bevorzugen sogar ein Date ganz ohne Alkohol.

Dating in Deutschland hat ja nicht unbedingt den Ruf, besonders romantisch zu sein. Wir gelten eher als pragmatisch, direkt und vielleicht auch ein kleines bisschen kompliziert. Aber möglicherweise haben wir genau daraus inzwischen eine Tugend gemacht. Neue Daten von Hinge zeigen nämlich: Deutsche Datende wünschen sich beim ersten Treffen deutlich mehr Tiefe als Menschen im weltweiten Vergleich. Jede und jeder Zweite glaubt, dass auch das Gegenüber tiefgründige Gespräche führen möchte. Weltweit sind es nur 37 Prozent. Noch deutlicher wird es beim tatsächlichen Verhalten: 64 Prozent der Deutschen zögern kaum, bereits beim ersten Date ein tieferes Gespräch anzufangen. International sind es 50 Prozent.
Darf es beim ersten Date schon persönlich werden?
Offenbar sogar sehr gerne. Zwei Drittel der deutschen Datenden, nämlich 66 Prozent, wünschen sich, dass ihr Gegenüber tiefgründigere Fragen stellt. Weltweit sind es 58 Prozent. Und auch Verletzlichkeit scheint uns weniger abzuschrecken: 44 Prozent der deutschen Befragten geben an, sich schon einmal dafür geschämt zu haben, sich verletzlich gezeigt zu haben. International sind es mit 52 Prozent mehr.
Ich finde diese Entwicklung ziemlich spannend. Denn wir haben beim Dating lange versucht, bloß nicht „zu viel“ zu sein. Nicht zu interessiert wirken, nicht zu schnell Gefühle zeigen, nicht gleich über Beziehungen sprechen. Aber was soll eigentlich passieren, wenn zwei Menschen beide Interesse haben und trotzdem versuchen, möglichst desinteressiert auszusehen? Im schlimmsten Fall verbringen sie drei Stunden miteinander und wissen anschließend zwar, wo der andere im Sommer Urlaub gemacht hat, aber nicht, ob sie überhaupt dasselbe vom Leben wollen.
„Und was suchst du eigentlich hier?“
Noch interessanter wird es bei der Frage, was Deutsche unter einem guten Gespräch verstehen. 63 Prozent empfinden Fragen zu ihren persönlichen Interessen als aufmerksam, weltweit sind es nur 46 Prozent. 61 Prozent schätzen Fragen zu persönlichen Werten, international sind es 50 Prozent. Und dann kommt mein Lieblingswert: 44 Prozent der deutschen Datenden finden es gut, nach ihren Dating-Absichten gefragt zu werden. Weltweit sind es gerade einmal 24 Prozent.
Mit anderen Worten: Die vermeintlich gefürchtete Frage „Was suchst du eigentlich?“ scheint in Deutschland längst nicht mehr der Stimmungskiller zu sein, für den wir sie halten. Und aus therapeutischer Sicht begrüße ich das sehr. Denn Klarheit verhindert zwar keine Enttäuschungen, aber sie kann verhindern, dass zwei Menschen wochenlang völlig unterschiedliche Geschichten über dasselbe Kennenlernen erzählen. Wenn du eine feste Beziehung suchst und dein Gegenüber ausdrücklich nur etwas Lockeres möchte, ist diese Information beim ersten oder zweiten Date nicht unromantisch. Sie ist ziemlich nützlich.
Bitte einmal kennenlernen, aber nüchtern
Und jetzt kommt die vielleicht größte Überraschung: 61 Prozent der deutschen Datenden bevorzugen ein erstes Date ohne Alkohol. Weltweit sind es lediglich 33 Prozent. Damit entscheiden sich Deutsche beinahe doppelt so häufig für ein nüchternes erstes Kennenlernen.
Ich gebe zu: Der klassische Drink an der Bar hatte als Date lange einen gewissen Charme. Ein Glas Wein macht lockerer, die Nervosität verschwindet ein bisschen und plötzlich erzählt man vielleicht leichter. Genau darin liegt aber auch der Haken. Alkohol verändert unsere Wahrnehmung und senkt Hemmungen. Wer wirklich herausfinden möchte, ob die Chemie stimmt, hat mit klarem Kopf deshalb durchaus einen Vorteil.
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Das heißt natürlich nicht, dass der Aperol beim ersten Date jetzt verboten gehört. Wer Lust darauf hat, soll ihn genießen. Aber ein Kaffee, ein Spaziergang am Rhein, ein gemeinsames Frühstück oder eine Runde durch den Park sind offensichtlich längst keine Date-Lösung zweiter Klasse mehr.
Vielleicht sind wir beim Dating gar nicht so verklemmt
Was ich aus diesen Zahlen vor allem mitnehme: Deutsche Datende scheinen weniger Angst vor Klarheit zu haben, als ihr Ruf vermuten lässt. Wir wollen wissen, was einen Menschen wirklich interessiert, welche Werte er hat und sogar, wonach er sucht. Vielleicht brauchen wir deshalb beim nächsten ersten Date gar keine ausgeklügelte Strategie, sondern einfach eine bessere Frage.
Statt „Was machst du beruflich?“ könntest du fragen: „Was macht dich gerade richtig glücklich?“ Statt „Wie lange bist du schon Single?“ vielleicht: „Was hast du aus deiner letzten Beziehung über dich gelernt?“ Und wenn du wissen möchtest, was dein Gegenüber sucht, frag es einfach. Ein erstes Date ist schließlich kein Bewerbungsgespräch. Aber ein bisschen mehr als Wetter, Urlaub und Job darf es ruhig sein.
Wenn Reden plötzlich gar nicht so einfach ist
So viel Lust auf tiefgründige Gespräche klingt erst einmal wunderbar. In der Realität fällt es trotzdem nicht jedem leicht, offen über Wünsche, Erwartungen oder Unsicherheiten zu sprechen. Gerade beim Dating können frühere Erfahrungen oder die Angst vor Zurückweisung dazu führen, dass wir lieber cool bleiben, obwohl wir uns eigentlich Klarheit wünschen. Wer merkt, dass solche Gespräche immer wieder schwerfallen oder sich bestimmte Beziehungsmuster wiederholen, kann sich Unterstützung holen. In meiner Praxis für Paar- und Sexualtherapie arbeite ich genau an solchen Themen. Mehr Informationen gibt es auf kommwirreden.de.
FAQ: Das perfekte erste Date
Sind tiefgründige Fragen beim ersten Date nicht zu viel?Nicht, wenn sie echtes Interesse zeigen und nicht wie ein Verhör wirken. Die Hinge-Daten sprechen sogar dafür, dass sich viele Deutsche ausdrücklich persönlichere Fragen wünschen.
Sollte ich wirklich schon beim ersten Date fragen, was jemand sucht?Wenn die Antwort für dich wichtig ist: ja. 44 Prozent der deutschen Befragten empfinden Fragen nach den Dating-Absichten als aufmerksam. Klarheit ist nicht automatisch unromantisch.
Was eignet sich für ein alkoholfreies erstes Date?Kaffee, Spaziergang, Frühstück, Museum, Flohmarkt oder eine kleine gemeinsame Aktivität. Entscheidend ist weniger das Programm als die Möglichkeit, tatsächlich miteinander zu reden.
Und welche Frage sollte ich unbedingt stellen?Eine, deren Antwort dich wirklich interessiert. Gute Dates entstehen selten durch den perfekten Fragenkatalog, sondern dadurch, dass aus einer Antwort die nächste Frage entsteht.
Vielleicht sind die neuen Zahlen deshalb auch eine kleine Ermutigung für das nächste Date. Wir müssen offenbar gar nicht so viel taktieren, wie wir manchmal glauben. Viele wünschen sich genau das, wovor wir Angst haben: echtes Interesse, klare Fragen und ein bisschen Verletzlichkeit. Und wer weiß: Vielleicht beginnt das beste erste Date nicht mit dem perfekten Drink, sondern mit einer Frage, bei der beide plötzlich vergessen, auf die Uhr zu schauen.

