In diesem Juli jährt sich die Flutkatastrophe im Ahrtal zum fünften Mal. Von dem schrecklichen Ereignis war auch eine Bäckerfamilie aus Ahrweiler betroffen. Erinnerungen an alte Wunden – und neuen Mut.
Familie erinnert sich an Katastrophe„Es wurde schlagartig kälter, es war unheimlich“

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Blick in das völlig überflutete Erdgeschoss der Bäckerei: Während Familie Schmitz im ersten Stock ausharrte, stieg der Pegel. Der Wasserdruck ließ nachts die Scheiben der Nachbarschaft zerbersten.

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Wer heute in die kleine Backstube der Familie Schmitz in der Altstadt von Ahrweiler kommt, dem läuft sofort das Wasser im Mund zusammen: Es riecht nach Brötchen, Brot, Printen, Lebkuchen. An einem kleinen Tisch sitzen Gäste, trinken Kaffee und plaudern. Kaum zu glauben, dass genau dort, wo heute Käsekuchen serviert wird, meterhohe Wassermassen alles zerstörten – und beinahe auch die Zukunft von Familie Schmitz.
Seit 1992 betreiben Jürgen und Petra Schmitz ihre Bäckerei in der Altstadt von Ahrweiler, mittlerweile führt die Familie zwei weitere Filialen in Ramersbach und Bachem. Sohn Jan-Philipp soll das Unternehmen in zweiter Generation fortführen. Doch im Jahr 2021, vor genau fünf Jahren, stand die Familie knapp vor dem Ruin. Denn auch ihre Bäckerei versank in den Fluten – so wie ganz Ahrweiler.
„In dem Video, das ich sah, schwammen Mülltonnen und Autos“
Im Juli 2026 jährt sich die verheerende Flut im Ahrtal zum fünften Mal. Noch immer sind nicht alle Fragen geklärt, zum Beispiel nach der Verantwortung. Noch immer bauen die Menschen in der Region ihre Heimat wieder auf. Die Katastrophe hat tiefe Wunden hinterlassen – in der Landschaft, aber auch in den Seelen der Menschen.

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Heute, drei Jahre nach der Flut, strahlt die Bäckerei in neuem Glanz: Jürgen und Petra Schmitz (links) zusammen mit Sohn Jan-Philipp Schmitz (rechts) und einer Mitarbeiterin im neu gestalteten Verkaufsraum.
Sohn Jan-Philipp Schmitz saß damals, im Sommer 2021, abends in einer Kneipe, um mit Freunden Dart zu spielen, als er das erste Video vom Hochwasser auf seinem Handy sah. „In dem schwammen Mülltonnen, Autos – und wir haben noch gesagt: Das kann doch gar nicht sein. Uns war noch nicht bewusst, dass sich diese Szenen ein paar Stunden später auch bei uns so abspielen würden.“
Nur zwei Stunden später rief die Mutter an: „Komm schnell Sandsäcke befüllen.“ Beide befüllten die Säcke auf einem Spielplatz direkt an der Ahr. „Und innerhalb von nur zwei Minuten rauschte das Wasser an uns vorbei und wir standen auf einer Insel.“

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Die Bäckerei der Familie Schmitz in Ahrweiler wurde 2021 von der Hochwasser-Katastrophe getroffen, der Verkaufsraum und das gesamte Erdgeschoss standen damals unter Wasser.
Zu dem Zeitpunkt hat die Familie noch gar nicht verstanden, dass auch ihre Bäckerei bald unter Wasser stehen wird. Jan-Philipp fuhr noch in eine Parallelstraße, um dort Bekannten zu helfen. Irgendwann kurz vor Mitternacht war er dann Zuhause, als plötzlich die Sirene aufheulte.
„Ich dachte erst, sie wollen die restlichen Leute rufen. Das war aber der Katastrophenalarm. Das haben wir gar nicht realisiert.“
„Als das Wasser kam, es ging alles sehr schnell“
Und dann passierte es: „Das Wasser kam. Dann ging alles sehr schnell.“ Die Schwester eilte zur Hilfe, ebenso der beste Freund, mit dem Jan-Philipp kurz zuvor noch gemütlich in der Kneipe saß. Viele Hände wurden plötzlich gebraucht. „Wir haben alles aus dem Keller geholt, was uns irgendwie wertvoll in diesem Moment erschien.“
Zunächst wurde alles im Erdgeschoss gelagert. „Wir konnten noch gar nicht ahnen, dass auch das wenig später absäuft.“

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Blick auf die Niederhutstraße in Ahrweiler vom ersten Stock der Bäckerei: 2021 stand die gesamte Altstadt unter Wasser.
Denn während noch Mehlsäcke aus dem Keller nach oben wanderten, stieg und stieg der Pegel vor dem Eingang der Bäckerei. „Und dann haben wir von innen gesehen, wie das Wasser draußen gegen das Schaufenster im Erdgeschoss drückte. Das halbe Fenster stand schon unter Wasser.“ Ab da an war dann klar, dass nicht nur der Keller überflutet werden wird. Die Familie flüchtete in den nächsten Stock. „Aber zum Glück waren wir alle zusammen!“
Und während Familie Schmitz nachts im Wohnzimmer im ersten Stock ausharrte und immer mehr Wasser in das uralte Fachwerkhaus und ihre Bäckerei unter ihnen drang, hörten sie, wie die Scheiben der anderen Häuser um sie herum zerbarsten. „Vor unserem Haus schwammen Autos vorbei, Fässer, alles Mögliche. Und irgendwann war unser Schaufenster dran.“
„Es wurde schlagartig kälter. Es roch nach Öl, ekelhaft. Es war unheimlich.“
Jan-Philipp erinnert sich an den Moment: „Es wurde schlagartig kälter. Es roch nach Öl, ekelhaft. Es war unheimlich.“ Über das offene Treppenhaus beobachtete die Familie den Pegel im Verkaufsraum, wie er stieg und stieg. „Wir haben schon damit gerechnet, noch eine Etage höher zu müssen.“
Am nächsten Tag dann wurde der Schrecken für alle sichtbar: Der Sohn balancierte über das Dach in die Backstube, machte die ersten Fotos vom Schaden, von dem Schlamm, den zerstörten Geräten und Möbeln. „Wir haben da noch gar nicht geahnt, was da wirklich auf uns zukommt und dachten: Wir machen jetzt eine Woche lang sauber und das war es. Dann machen wir die Bäckerei wieder auf.“

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Die Flut brachte Schlamm und Dreck in die Bäckerei, auch der gesamte Keller stand unter Wasser. Es dauerte Wochen, den Schlamm zu entfernen.
Doch es wird ganze neun Monate lang dauern, bis die Bäckerei wieder Brötchen verkaufen kann, bis alles wieder renoviert ist. Und die letzten Spuren der Katastrophe verschwunden. Allein das Wasser aus dem Haus zu pumpen und den Schlamm zu entfernen, dauerte mehr als zwei Wochen. Weitere acht, um alles mit großen Geräten zu trocknen.
„Wenn wir die Bilder sehen, kommt der Schrecken von damals wieder hoch“
Immerhin eine große Befürchtung verschwand schnell, als die Versicherung anrief und erklärte: Familie Schmitz muss sich keine Sorgen machen. Aufatmen. „Auch für die Hilfen und die Spenden sind wir extrem dankbar!“

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Drei Jahre ist die Flut her, der Wasserpegel reichte damals etwa bis zur Hälfte des Schaufensters. Heute können dort Reisende, die durch die Altstadt von Ahrweiler flanieren, wieder Kuchen und Brot kaufen.
Die Jahrhundertflut verwüstete ganze Ortschaften. Im Ahrtal wurden über 9.000 Gebäude und 100 Brücken zerstört. Tausende verloren ihr gesamtes Hab und Gut – und mehr als 180 Menschen ihr Leben.
Vor zwei Jahren kam es dann erneut zum Jahrhundert-Hochwasser, in Bayern und Baden-Württemberg. Wieder versanken Häuser, Autos, ganze Dörfer in den Fluten. Wieder schwollen kleine Bäche und Flüsschen zu reißenden Strömen an. Erneut mussten Menschen um ihr Leben fürchten, ihr Hab und Gut, ihre Existenz. Bilder, die auch bei Familie Schmitz alte Wunden aufrissen.

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Neuer Mut bei Familie Schmitz nach dem Hochwasser: „Wir bauen wieder auf!“
Gedenkveranstaltungen zum 5. Jahrestag: Auch Steinmeier vor Ort
„Wenn wir die Berichte im Radio hören, die Bilder im Fernsehen sehen, kommt der ganze Schrecken von damals wieder hoch, das ist ganz klar“, erklärte Jan-Philipp damals. „Man sieht die Flut mit anderen Augen, man sieht, wie hilflos die Leute sind.“ Deshalb wollte die Familie helfen, erklärte sie. Freunde und Bekannte aus Ahrweiler waren damals auch in Bayern, um mit anzupacken. „Wir wollten unsere Erfahrungen teilen. Und den Bäckereien in der Region helfen, die betroffen sind und das Gleiche durchmachen müssen wie wir damals.“
Die Flut im Ahrtal hat das Leben verändert, auch daran soll erinnert werden bei den Gedenkveranstaltungen und Gottesdiensten, die im Juli stattfinden. Am 14. Juli wird auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) an die Katastrophe erinnern und die Helfer aus der Region würdigen.
Der ursprüngliche Artikel stammt aus dem Jahr 2024. Wir haben ihn für unsere Leser anlässlich der Gedenkveranstaltungen zum 5. Jahrestag der Flutkatastrophe im Ahrtal aktualisiert.

