Krieg statt WM-Quali Handball-Nationalspieler in der Ukraine an der Front – er verfolgt wichtiges Ziel

Sascha Gladun (Aschersleben) am Ball.

Sascha Gladun im Jahr 2007 in Aschersleben in der Regionalliga Nord. Anfang März 2022 hilft er in der Ukraine Menschen bei der Flucht.

Russland stürzt die Ukraine mit dem Angriffskrieg in eine humanitäre Katastrophe. Handball-Funktionär Sascha Gladun schildert die unfassbare Lage.

„Es ist eine Katastrophe.“ Es ist vor allem dieser eine Satz, der die ganze Verzweiflung und die Wut, den kaum vorstellbaren Schmerz und die Ohnmacht ausdrückt. „Es ist ein unfassbares Leid, das geht in Richtung Weltuntergang“, sagt Sascha Gladun (49).

Es ist Donnerstag (10. März 2022), Tag 15 des fürchterlichen russischen Angriffskrieges in der Ukraine. Gladun, früherer Handball-Bundesliga-Profi und jetziger ukrainischer Handball-Funktionär mit russischer Vergangenheit, sitzt am Steuer eines Kleinbusses, um weitere Geflüchtete von der Grenze zu holen. „Hauptziel muss es jetzt sein, die Menschen in Sicherheit zu bringen“, schildert er die aktuelle Lage.

Während der Diesel auf dem Weg gen Nordosten monoton surrend Kilometer für Kilometer abreißt, spricht Gladun, ein Mann von zwei Metern und über 100 Kilogramm, mit ruhiger Stimme über das, was bis vor zwei Wochen kaum einer für möglich gehalten hätte: den gewaltsamen Überfall auf seine Heimat, die Massenflucht eines ganzen Volkes – und die Folgen für sein Land und den geliebten Sport.

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Russischer Einmarsch in die Ukraine: 40 Millionen haben kein Zuhause mehr

„Wir stehen alle unter Schock“, sagt Gladun der mit seiner Frau und dem 16-jährigen Sohn inzwischen in Oberammergau südlich von München lebt: „Trotz unserer Erfahrungen auf der Krim und im Donbass hat keiner geglaubt, dass die Russen mit schweren Waffen kommen. Mit Panzern, Bomben und Raketen. Es ist eine humanitäre Katastrophe. 40 Millionen Menschen haben kein Zuhause mehr.“

Trotz unserer Erfahrungen auf der Krim und im Donbass hat keiner geglaubt, dass die Russen mit schweren Waffen kommen.
Sascha Gladun über den Krieg in der Ukraine

Eigentlich hätte sich die ukrainische Nationalmannschaft unter Gladuns Leitung in diesen Tagen auf die WM-Qualifikation gegen Finnland vorbereitet, doch am Mittwoch zog der Verband die Notbremse – und sein Team wegen der dramatischen Situation zurück.

Ukrainische Handball-Nationalspieler befinden sich im Krieg

„Wegen der allgemeinen Wehrpflicht dürfen unsere Männer das Land nicht verlassen. Wir haben lange überlegt, ob wir zu den Spielen nur mit Legionären antreten sollen“, erzählt Gladun, der als früherer ukrainischer Nationalspieler mittlerweile als Generalsekretär des Verbandes fungiert: „Es wäre vielleicht ein Zeichen der Hoffnung gewesen. Doch manche Spieler stehen gerade in erster Linie im Krieg.“

Gladun ist fassungslos über das, was in der Ukraine passiert. Aus nächster Nähe erlebt er das Schicksal seiner Landsleute. Tagelang versuchten seine Schwester und seine Mutter wie Tausende vergeblich aus dem eingekesselten Kiew zu flüchten. „Es herrschte Chaos, der Bahnhof war völlig überfüllt. In fünf Züge kamen sie nicht rein“, berichtet Gladun. Am Donnerstag, endlich, gelang seiner Familie die Flucht nach Deutschland.

Handballer Gladun: Ukrainer leiden noch Jahrzehnte

So sehr er sich den Kopf zermartert - Gladun hat keine Erklärung für die Aggressionen. Als früherer russischer Junioren-Nationalspieler, der in Kiew geboren ist und in den 1990er Jahren bei großen Turnieren für die russische Mannschaft aufgelaufen war, unterhielt er bis zuletzt gute Kontakte ins Riesenreich. „Doch ich kann mir nicht vorstellen, wie das jetzt weitergehen kann“, sagt er.

Über Bob Hanning, damaliger Trainer der SG Solingen, kam Gladun 1996 nach Deutschland. Er baute sich eine Existenz auf und arbeitet inzwischen als Sportlehrer an einer bayerischen Realschule. Zusammen mit dem bayerischen Handballverband plant der 49-Jährige ein Benefizspiel für die Ukraine. Zudem engagiert er sich im Transport von Geflüchteten, als Übersetzer und in der Organisation von Spenden. „Ich versuche zu helfen, wo es geht“, sagt Gladun.

Für den Sport in der Ukraine malt er ein düsteres Bild. „Schon vor dem Krieg war die Infrastruktur ziemlich heruntergekommen. Und jetzt ist alles, was wir hatten, zerstört. Nichts wird so sein wie früher“, sagt Gladun: „Das Schlimmste sind aber die enormen seelischen Folgen. Wenn es irgendwann aufhört mit den Kämpfen, werden die psychischen Wunden vor allem bei den Mädchen und Jungen riesig sein. Das wird unser Volk noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte beschäftigen.“

In Gedanken ist Gladun momentan rund um die Uhr in der Ukraine. „Viele sitzen noch immer fest“, sagt er. An Sport sei nicht zu denken. „Da geht es nicht um Arenen oder Wettkämpfe der Zukunft, es geht einzig ums Überleben. Das ist heute das Wichtigste.“

Die Hoffnung auf einen baldigen Frieden oder zumindest eine Waffenruhe hat Gladun noch nicht aufgegeben. „Russland muss den Druck der ganzen Welt spüren“, sagt er. Man dürfe aber nicht vergessen, „dass die Menschen auch auf russischer Seite leiden. Auch viele ihrer Soldaten liegen in Schützengräben, obwohl sie es nicht wollen.“ Es ist eine Katastrophe. (sid)

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