Von Taliban in Afghanistan verwundet Tim Focken startet als erster Kriegsversehrter bei Paralympics

Tim Focken blickt nach hinten

Tim Focken, hier bei der Para-Weltmeisterschaften am 23. Juli 2014. Vier Jahre zuvor wurde er bei einem Bundeswehreinsatz als Fallschirmjäger von den Taliban in Afghanistan schwer verwunden.

Tim Focken wurde als Fallschirmjäger der Bundeswehr bei einem Feuergefecht in Afghanistan von Taliban angeschossen. Elf Jahre später startet er als Sportschütze bei den Paralympischen Spielen in Tokio.

Tokio. Bei Tim Focken dürften dieser Tage die bösen Erinnerungen hochkommen. Die dramatische Lage in Afghanistan kennt der frühere Fallschirmjäger nur zu gut, denn auch er blickte dort an der Front einst dem Tod ins Auge.

„Im Endeffekt hatte ich Glück im Unglück. Ich lebe noch, alles gut“, sagte der Sportsoldat rückblickend über seinen Schicksalstag.

Dramatische Rettungsaktion vor den Taliban in Afghanistan

Am 17. Oktober 2010 veränderte sich das Leben des heutigen Para-Sportschützen schlagartig. In der Ortschaft Kalasai entwickelte sich ein unerbittlicher Feuerkampf, die Taliban kesselten seinen Trupp ein. Aus dem Hinterhalt traf ihn ein feindlicher Scharfschütze am linken Oberarm. Es folgte eine Rettungsaktion auf Messers Schneide, ein erster Hilfshubschrauber musste unter Beschuss abdrehen.

Focken blieben 50 Sekunden, um sich mit letzter Kraft in einen zweiten zu retten. Umgehend wurde er nach Deutschland zurückgeflogen, in Koblenz folgte eine Not-Operation von mehreren Stunden. Sein Leben konnten die Ärzte retten, doch der linke Oberarm blieb gelähmt. Focken nahm die Situation an, wagte einen Neustart – und tritt in Tokio als erster Kriegsversehrter für Deutschland bei den Paralympics an.

„Viele sehen in mir eine Art Aushängeschild. Dabei fühle ich mich als einer von ganz vielen. Ich bin genauso ein kleines Licht, wie jeder andere auch“, sagte Focken. „Dann bin ich halt der erste einsatzversehrte Soldat, ok. Freut mich, bin ich geehrt. Aber ich bin auch froh, wenn da der Haken dran ist.“

Tim Focken ist in der Weltspitze angekommen

Focken ist niemand, der mit seinem Schicksal hadert. Er sucht stets das Positive. „Andere haben ihr Leben gelassen. Ich kann bis auf einige Abstriche fast alles tun, was ich vorher gemacht habe“, betonte der 36-Jährige. Ihm gehe es „gut“. Und so beschritt er recht schnell neue Wege, schloss sich 2011 dem Programm der Bundeswehr zur Sporttherapie nach Einsatzschädigung an.

Zwei Jahre später stellte er bei den Wounded Warrior Games in den USA sein sportliches Talent eindrucksvoll unter Beweis, gewann als erster Europäer seit acht Jahren den Mehrkampf. Danach konnte er sich seinen Para-Sport quasi frei aussuchen, in die engere Auswahl kamen Schwimmen und Sportschießen. Die Wahl fiel aufs Schießen, „weil ich alles heimatnah betreiben durfte und das Alter keine so große Rolle spielt“.

Innerhalb von fünf Jahren stürmte der Vater von zwei Kindern an die Weltspitze. Bei der WM 2019 wurde er mit dem Kleinkaliber Vierter – und schnappte sich damit seinen Startplatz für die Paralympics in Tokio. In der finalen Vorbereitung versucht er sich nun bestmöglich von den Schreckensnachrichten aus Afghanistan nach der Machtergreifung der Taliban abzuschotten, Medienberichte meidet er.

Denn schließlich hat Focken in Tokio große Pläne. „Das Ziel jedes Sportlers muss eine Finalteilnahme sein. Dabei sein ist alles, dieses Gefühl ist schon lange weit weg“, sagte der gebürtige Oldenburger: „Ich kann in der Weltspitze mitmischen.“ Und vielleicht sogar seinen einzigartigen Weg mit einer Medaille krönen. (sid)

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