George Russell setzt seinen Teamkollegen durch den Erfolg in Baku unter Druck – auch verbal.
WM-Rückstand verkürztRussell erhöht Psycho-Druck auf Antonelli

Eigentlich können die Engländer ja keine Elfmeter, aber diesen ließ sich George Russell (28) nicht entgehen. Nach dem Quali-Crash von WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli (20) fuhr sein ärgster Verfolger in Baku einen nur kurz vor Schluss durch den furiosen Max Verstappen (28) gefährdeten Start-Ziel-Sieg ein.
Russell verkürzte seinen WM-Rückstand auf den vom 16. Startplatz nur noch auf Platz fünf vorgefahrenen Antonelli auf 66 Punkte. Was für eine Auferstehung des bisher von Wunderkind Kimi so entnervten Russell. Sein erster Sieg seit drei Monaten (Spielberg) wurde nur in der Schlussrunde durch den wie entfesselt vom achten Startplatz nach vorne preschenden Verstappen gefährdet.
Russell rettet Mini-Vorsprung ins Ziel
Nach einer Gelb-Phase wegen des Crashs von Valtteri Bottas rettete Russell seinen achten Karrieresieg mit der Winzigkeit von 0,1 Sekunden ins Ziel. Dritter wurde der wegen einer Handverletzung zuletzt drei Rennen aussetzende Isack Hadjar im zweiten Red Bull.
„Es ist ein unglaubliches Gefühl, wieder ganz oben auf dem Podium zu stehen. Ich möchte mich ganz herzlich beim Team bedanken, das auch in schwierigen Zeiten an mich geglaubt und mir geholfen hat, diese Phase zu meistern“, sagte Russell, dessen Fahrstil im Gegensatz zu Antonelli nicht so gut mit der neuen Fahrzeug-Generation harmonierte. „Ich habe mich zuletzt angepasst an den Fahrstil, den wir für diese neuen Autos brauchen, und ich bin seit der Sommerpause immer stärker geworden. Ich fühle mich wieder wie ich selbst.“
Antonelli fühlte sich dagegen grässlich. „Ich ärgere mich maßlos über meinen Fehler im Qualifying.“ Sein Aussetzer sei eine „sehr gute Erinnerung“ daran, dass einem „nichts einfach geschenkt“ werde. Genüsslich erinnerte Russell den jungen Teamkollegen an dessen eigene Fehlbarkeit. „Kimi hatte bisher eine unglaubliche Saison, hatte kaum Schwierigkeiten“, sagte er über den Italiener, der nach fünf Siegen in Serie in der ersten Saisonhälfte zuletzt zweimal durch glückliche Umstände gewinnen konnte. In Monza raste Antonelli dank cleverer Reifentaktik vom 19. Startplatz zum Heimsieg. In Madrid staubte er den eigentlich Lando Norris (McLaren) zustehenden Sieg dank eines für ihn glücklichen Safety-Car-Einsatzes ab. Und auch in Baku halfen ihm zwei Safety Cars bei seiner schleppend begonnenen Aufholjagd.
Umso mehr fühlte sich Russell als moralischer Sieger. Er schickte Kimi eine Kampfansage: „Jetzt geht es in die Crunchtime. Ich fokussiere mich einfach jedes Wochenende auf mich selbst. Was auch immer am Ende der Saison passiert: Ich werde zufrieden sein, denn es war eine wirklich schwierige Phase für mich und ich habe das Gefühl, dass ich da jetzt durch bin.“ Dafür gab es einen Videoanruf des aus privaten Gründen fehlenden Teamchefs Toto Wolff. Und ein Lob von Vize Bradley Lord: „George war fehlerfrei, eine unglaubliche Leistung von ihm. Er war dominant von der ersten bis zur letzten Runde und hätte es nicht verdient gehabt, diesen Sieg noch zu verlieren.“
Das sah dessen Erzfeind Verstappen natürlich anders. Der nach einem Batterie-Problem im Qualifying vom achten Rang gestartete Niederländer probierte alles, Russell in einen Fehler zu hetzen: „Nach dem Restart war ich auf Platz zwei und danach immer innerhalb einer Sekunde. George hatte den Boost nicht und auf der letzten Geraden bin ich noch einmal nah herangekommen. Aber am Ende hat es eben nicht gereicht.“
Das tat es auch mal wieder nicht für Audi-Routinier Nico Hülkenberg. Nach einer verkorksten Qualifikation raste der Emmericher vom 18. Startplatz vor auf zehn, verschenkte aber den einen WM-Punkt kurz vor Schluss durch einen Fehler an Carlos Sainz (Williams). Das nächste Rennen steigt am 4. Oktober in Sepang, das den wegen des Nahost-Krieges nicht in Sakhir ausgetragenen „Großen Preis von Bahrain in Malaysia“ ausrichtet. Dort wurde das letzte F1-Rennen vor neun Jahren gefahren, letzter Sieger war Verstappen.
