Ex-Fußballer Jonas Hummels hat eine Dokumentation zum Thema Missbrauch im Jugendfußball erstellt. Im EXPRESS.de-Interview spricht er über die Herausforderungen bei der Recherche.
„Der DFB ist überfordert“Missbrauch im Jugendfußball: Ex-Fußballer spricht mit Betroffenen

Copyright: ZDF/Willem Konrad
Jonas Hummels hat rund drei Jahre recherchiert, um eine ZDF-Dokumentation zum Thema Missbrauch im Jugendfußball zu erstellen.

Mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche spielen in Deutschland in einem Verein Fußball. Viele träumen davon, Profi zu werden. Doch für manche Täter ist genau das die Gelegenheit für sexuelle Übergriffe.
Zahlreiche Vorwürfe und Gerichtsverfahren zeigen: Missbrauch im Jugendfußball ist kein Einzelfall. Trainer und auch Berater nutzen die Abhängigkeit, um sich an den Kindern, die ihnen anvertraut wurden, zu vergehen.
Dokumentation „Tatort Jugendfußball“ am 7. Oktober im ZDF
Ex-Fußballer und Journalist Jonas Hummels (36) hat sich auf Spurensuche in ein System begeben, das bislang von Schweigen geprägt ist. Herausgekommen ist die Dokumentation „Tatort Jugendfußball“, die am 7. Oktober 2026 um 22.45 Uhr im ZDF zu sehen ist.
EXPRESS.de sprach mit dem Bruder von Mats Hummels (37), der in der Jugend des FC Bayern München aktiv war und anschließend zur Spielvereinigung Unterhaching wechselte. Aufgrund von Verletzungen beendete er 2016 seine Karriere.
Wie sind Sie auf das Thema Missbrauch im Jugendfußball gestoßen?
Jonas Hummels: In meiner aktiven Zeit in Unterhaching habe ich einen Spielerberater kennengelernt. Aus meinem persönlichen Umfeld habe ich dann mitbekommen, dass dieser zahlreiche minderjährige Fußballer im Intimbereich berührt haben soll. Das war gewissermaßen ein offenes Geheimnis in der Kabine. Mitte September 2023 habe ich daraufhin angefangen, zusammen mit dem Medienportal Correctiv zu recherchieren.
Wie hat sich die Recherche gestaltet?
Jonas Hummels: Sehr kompliziert. Solch ein Thema ist brenzlig und die Kreise sind klein im Fußball, da die Branche sehr eng vernetzt ist. Es war nicht so einfach für mich, Betroffene für die Doku zu gewinnen. Unser Ziel war schließlich, dass diese offen vor der Kamera über ihre Missbrauchserfahrungen erzählen.
Was soll der Film bewirken?
Jonas Hummels: In erster Linie wollen wir dem ganzen Thema Aufmerksamkeit geben. Wir wollen auf keinen Fall Panik schüren, aber schon sagen, dass es das gibt – und ein großes Problem im deutschen Fußball darstellt. Das hat ganz viele Gründe und nicht den einen Schuldigen. Es gibt aber auch immer Warnsignale und Möglichkeiten, hinzusehen, zu sensibilisieren, einzuschreiten und dem Ganzen auch präventiv entgegenzuwirken.

Copyright: ZDF/Willem Konrad
Über zwei Millionen Kinder und Jugendliche spielen in Deutschland Fußball. Für manche Täter ist das die Gelegenheit für sexuelle Übergriffe.
Wie reagiert der DFB auf das Thema?
Jonas Hummels: Ich glaube, dass ihnen das Problem schon bewusst ist. Aber sind die Mittel ausreichend, die der DFB hat? Unsere Ansprechpartnerin war Vizepräsidentin Silke Sinning. Ich hatte das Gefühl, dass es eine gewisse Ratlosigkeit beim Verband gibt. Es ist auch gar nicht so richtig klar, wer wofür verantwortlich ist. Der Fall des Beraters ist ein typisches Beispiel – der ist weder beim Verband noch beim Verein richtig zu verorten.
Beschäftigen Sie sich auch mit den verhängten Strafmaßen? Die reichen von anderthalb Jahren auf Bewährung bis zu 13,5 Jahren mit Sicherheitsverwahrung.
Jonas Hummels: Am Rande greifen wir das auf. Wir fokussieren uns aber mehr auf die Betroffenen selbst. Natürlich wundere ich mich, wie Urteile auf Bewährung verhängt werden können oder wieso Täter in Revision gehen. Aber wir eröffnen jetzt keine juristische Diskussion, auch wenn es erstaunlich ist, dass teilweise extrem geringe Strafmaße verhängt werden.

Copyright: imago images/Moritz Müller
Jonas Hummels (l.) im Gespräch mit seinem Bruder Mats nach einem Spiel von Borussia Dortmund.
Im Jugendfußball gibt es viele Ehrenamtliche, die sich nichts zuschulden kommen lassen. Wie groß ist die Gratwanderung, damit diese nicht mit in Generalverdacht geraten?
Jonas Hummels: Natürlich wollen wir das Ehrenamt nicht diskreditieren und jeden engagierten Jugendtrainer unter Generalverdacht setzen. Wir wollen auch kein generelles Misstrauen schüren. Trotzdem gibt es viele Fälle, in denen es hätte verhindert werden können. Wenn man genau hingesehen hätte, hätte man erkannt, dass da jemand zu nah dran ist. Es ist dringend notwendig, genau hinzuschauen und nicht einfach anzunehmen, dass es schon passen wird.
Sehen Sie Ihre Zukunft nun im Investigativ-Journalismus?
Jonas Hummels: Ich habe unglaublich großen Respekt vor der Arbeit von Journalisten. Bei dieser Produktion konnte ich extrem viel lernen. Noch bin ich blutiger Anfänger, aber das hat mir schon sehr gefallen. Drei Jahre lang lag mein Fokus jetzt auf diesem Thema. Wenn ich mir jetzt das Rohmaterial anschaue, hätten wir auch eine Serie von viermal 45 Minuten machen können.
