„Bohren ein dickes Brett“Nach Katar-WM: FC-Boss mit klarem Auftrag an DFB-Präsident Neuendorf

Werner Wolf, Präsident des 1. FC Köln, spricht während einer Podiumsdiskussion.

FC-Präsident Werner Wolf erläuterte die Haltung seines Vereins in politischen Fragen und debattierte am Donnerstagabend (12. Januar 2023) mit den Gästen.

Mit einer hochkarätigen Talkrunde analysierte der 1. FC Köln knapp einen Monat nach der Fußball-WM, was von den Debatten über das Ausrichterland Katar und die Fifa übrig geblieben ist.

von Marcel Schwamborn (msw)

Seit knapp vier Wochen ist die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar Geschichte. Nachdem es im Vorfeld des Turniers viele Diskussionen, Demonstrationen und Aktionen aufgrund des Ausrichterlandes und des Vergabeprozesses der Fifa gegeben hatte, wurde es spätestens nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft schnell ruhig.

Argentinien bejubelte am Ende den Titel, Debatten über Menschenrechtsverletzungen oder verstorbene Arbeiter im Vorfeld des Turniers verstummten rasch. Der 1. FC Köln, der sich auch im Vorfeld der WM sehr kritisch gezeigt hatte, beschäftigte sich deshalb am Donnerstagabend (12. Januar 2023) mit der Frage „Was folgt nach Katar?“

1. FC Köln überreichte DFB-Präsident Neuendorf Lösungsansatz

Im Deutschen Sport- und Olympia-Museum wurde vor 250 Gästen eifrig diskutiert. „Wir stehen als 1. FC Köln mit unseren über 125.000 Mitgliedern für ein besonderes Wertegerüst ein, und besonders nach dieser WM in Katar ist es uns wichtig, diese Werte in die Welt zu tragen“, sagte FC-Präsident Werner Wolf (66). „Wir müssen nach vorne schauen und Verantwortung übernehmen.“

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Vor der Podiumsdiskussion übergab er deshalb einen Lösungsansatz an DFB-Präsident Bernd Neuendorf (61). Der FC fordert darin unter anderem klar definierte Menschenrechts- und Nachhaltigkeitskriterien bei der Vergabe von Sportgroßveranstaltungen und soziale Mindeststandards am Austragungsort.

„Wir bohren hier ein ganz dickes Brett. Die Kölner sagen ‚Arsch huh, Zäng ussenander‘. Das braucht es jeden Tag. Wir haben als Kölner gezeigt, wie wir auf die kriegerische Invasion Russlands in die Ukraine reagiert haben. Im Moment laufen unsägliche Dinge im Iran. Wir müssen uns äußern“, forderte der FC-Boss.

„Sport war immer ein Teil der Politik. Wir müssen die Strahlkraft nutzen, um auf Dinge hinzuweisen und sie zu verändern. Natürlich geht das nicht über Nacht. Man braucht einen langen Atem, muss stur sein und darf nie aufgeben.“

Neuendorf, der beim UEFA-Kongress am 5. April in Lissabon in das Fifa-Council gewählt werden soll, will weiter seine Stimme erheben, vor allem gegen Präsident Gianni Infantino (52). „Wie der FC haben wir als DFB auch einen Anspruch, politische Themen und wichtige Werte wie Menschenrechte in solchen Gremien auf die Agenda zu setzen“, sagte der sich seit zehn Monaten im Amt befindende Präsident.

„Ich glaube, dass wir dort auch international Allianzen bilden müssen. Es ist wichtig, dass man Anträge stellt, Protokolle liest und kritisch hinterfragt, Prozesse transparenter dargestellt haben möchte. Alles Dinge, die für uns selbstverständlich erscheinen, die bei der Fifa in der Vergangenheit aber vielleicht nicht immer umgesetzt wurden.“

Daher erteilte Neuendorf auch der bei der Kölner Debatte laut gewordenen Fan-Forderung eines Boykotts von Fifa-Events eine Absage. „Es ist wie im Parlament: Man braucht Mehrheiten, um etwas zu verändern. Wenn wir alles, was Infantino macht, einfach ablehnen, ist es die Frage, ob es denen hilft, für die wir kämpfen wollen. Man muss seine Meinung vertreten und mit ihm diskutieren. Das ist der mühsame Weg. Das hilft aber mehr, als sich zurückzuziehen, sich komplett gegen ihn aufzubauen und sich jeglicher Kommunikation zu verschließen.“

Jürgen Mittag (52), Politikwissenschaftler und Historiker von der Deutschen Sporthochschule Köln, sah das ähnlich: „Es ist wichtig, innerhalb der Fifa, gerade zwischen dem europäischen und dem lateinamerikanischen Verband, die Interessen zu bündeln, um Reformen voranzutreiben.“

Neuendorf berichtete, dass Infantino nach der WM Entschädigungszahlungen für die Gastarbeiter angekündigt habe. „Wir wissen aber nicht, wie das funktionieren soll. Unsere Aufgabe und unser Anspruch ist es jetzt, dass auch wirklich etwas passiert. Daher müssen wir sehen, was aus den Aussagen wird“, so der DFB-Präsident. „Aber, dass Infantino solche Themen überhaupt anspricht, ist bereits ein Erfolg von uns und Organisationen wie Amnesty International.“

Markus N. Beeko (56), der Generalsekretär von Amnesty International Deutschland, berichtete von Verbesserungen in Katar. „Es gibt Bewegung und die müssen wir in Gang halten. Wenn es der Fifa in den nächsten Monaten nicht gelingt, die Lehren aus dieser Debatte über Menschenrechte zu ziehen, dann müssen alle Akteure dazu beitragen, dass Standards geschaffen werden, die überall in gleichem Maße gelten – und das, bevor die nächste Großveranstaltung vergeben wird.“

Michael Vesper: „Sport kann keine Regierungssysteme verändern“

Angesichts der sich abzeichnende Bewerbung von Saudi-Arabien, Ägypten und Griechenland für die WM 2030 stehen die nächsten Herausforderungen schon bevor. „In Saudi-Arabien sind die Zustände weitaus schlimmer als in Katar“, ergänzte Mittag.

Ex-DOSB-Boss Michael Vesper (70), der sich unter den Zuhörenden befand, lobte den FC für die Ausrichtung der Debatte, fand aber auch kritische Töne. „Wir werden Sport-Großveranstaltungen in dieser globalen Welt nie nur in lupenreinen Demokratien oder Ländern stattfinden lassen können, wo es überhaupt keine Menschenrechtsverletzungen gibt. In Katar hat sich einiges bewegt. Es ist aber eine Illusion zu glauben, dass der Sport Regierungssysteme grundlegend verändern könne. Man kann auf die Probleme hinweisen, aber es wird dem Sport nicht möglich sein, ein System wie in China grundlegend zu verändern.“

Bernd Neuendorf: „Das war eine krasse Erfahrung mit der Fifa“

Ex-Nationalspielerin Sonja Fuss (44) hofft, dass in Zukunft die Sportler besser geschützt werden und nicht wie bei der WM beispielsweise von der „One Love“-Binden-Debatte überrollt werden. „Man muss die Gratwanderung zwischen sportlicher Fokussierung und politischer Nachricht schaffen. Man darf nicht vergessen, dass die Spieler zu einem Turnier fahren, um Fußball zu spielen und Weltmeister zu werden“, sagte die Welt- und Europameisterin. „Die Spieler hätten da mehr geschützt werden müssen.“

Dem stimmte auch Neuendorf zu: „Wir hätten das Thema nicht so nah ans Turnier heranlaufen lassen dürfen. Das war eine krasse Erfahrung – ich hatte bis dahin ja noch nicht so viel mit der Fifa zu tun.“