Karstadt-Kaufhof-SchockDüstere Experten-Prognose: Was passiert in den Innenstädten?

Außenaufnahme der Galeria Kaufhof in Duisburg, einem der Häuser, die geschlossen werden.

52 der 129 Kaufhäuser von Galeria Karstadt Kaufhof sollen schließen. Die Filiale in Duisburg (hier am 13. März 2023) soll eine davon sein.

Galeria Karstadt Kaufhof hatte am Montag mitgeteilt, im Zuge des laufenden Insolvenzverfahrens unwirtschaftliche Standorte abwickeln zu wollen. Der Strukturwandel in den Städten setzt sich damit weiter fort.

von Marcel Schwamborn (msw)

Die Ankündigung des Warenhauskonzerns Galeria Karstadt Kaufhof, 52 seiner 129 Kaufhäuser zu schließen und 4300 Stellen zu streichen, schlägt hohe Wellen. Die Lage im deutschen Handel ist ernst.

Erst die Pleite-Meldungen von Goertz und Peek & Cloppenburg. Vorher schon Insolvenzmeldungen von Adler, Tally Weijl, Runners Point oder Pimkie – immer mehr Filialen schließen oder müssen sich neu aufstellen. Die Galeria-Entscheidung vom Montag (13. März 2023) war der nächste herbe Rückschlag.

Kaufhof, Goertz, Peek & Cloppenburg: Immer mehr Insolvenzen

„Das ist kein schöner Tag für den Einzelhandel und viele Innenstädte in Nordrhein-Westfalen und dem Rheinland“, sagte Peter Achten, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Nordrhein-Westfalen zu EXPRESS.de. Warenhäuser seien nach wie vor für viele Innenstädte wichtige Versorger und Frequenzbringer.

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Ähnlich äußert sich Gerd Landsberg vom Städte- und Gemeindebund auf unsere Nachfrage. „Die Schließung der Galeria-Standorte ist für die betroffenen Städte ein dramatisches Signal. Die vielfach bereits durch die Coronapandemie betroffenen Innenstädte drohen durch den Verlust der Kaufhausstandorte weiter zu veröden. Große Warenhäuser sind nach wie vor oft ein wichtiger Anker für die Innenstädte.“

Dem widerspricht Boris Hedde vom Marktforschungsinstitut IFH in Köln. „Aus Marktsicht ist die Entwicklung logisch. Waren es noch vor ein paar Jahrzehnten ein Marktanteil von über zehn Prozent im gesamten Einzelhandel in Deutschland, den Warenhäuser auf sich vereinen konnten, liegt der Marktanteil heute bei gerade einmal 1,4 Prozent. Es ist also nicht nur die Coronakrise, die wirkt, sondern das Geschäftsmodell hat sich überlebt. Wer heute Vielfalt im Handel sucht, sucht diesen im Internet.“

Dass es keinen Sinn mehr mache, den Warenhäusern nachzutrauern, stellt auch Wirtschaftswissenschaftler Martin Fassnacht von der privaten Hochschule WHU klar: „Es ist eine Betriebsform, die sich überlebt hat, die keine Daseinsberechtigung mehr hat. Die Warenhauskette hat keinen Wettbewerbsvorteil mehr. Auf jedes Sortiment von Galeria Karstadt Kaufhof kommt mindestens ein starker Wettbewerber – sei es bei Mode, Elektronik oder Lebensmitteln“, so Fassnacht. Um nur die größten zu nennen: Zalando, Mediamarkt Saturn und allen voran – Amazon.

Die Pandemie hat das Kundenverhalten und die Wettbewerbssituation maßgeblich beeinflusst. Von 2020 bis 2022 wurden in Folge der Coronapandemie bereits über 45.000 Geschäfte in den Innenstädten geschlossen. Hinzu kommt, dass auch der Onlinehandel mit negativen Auswirkungen auf den stationären Einzelhandel wächst. Für das Jahr 2023 wird mit mindestens 90 Milliarden Euro Umsatz im Onlinebereich kalkuliert, rechnet der Städte- und Gemeindebund vor.

Bei der im Winter 2022/23 durchgeführten Konjunkturumfrage der IHK Köln gingen rund die Hälfte der Betriebe aufgrund der andauernden Konsumzurückhaltung von einer Verschlechterung in den nächsten zwölf Monaten aus. Branchenübergreifend ist seit Jahrzehnten ein Strukturwandel im stationären Einzelhandel in Innenstädten festzustellen.

Von 2020 bis 2022: Schon 45.000 Geschäfte in Innenstädten zu

Von der Industrie- und Handelskammer Köln heißt es auf EXPRESS.de-Nachfrage: „Die Schließung der Kaufhäuser wird in den Innenstädten den sowieso vorhandenen Druck zum Wandel erhöhen. Innenstädte als reine Einkaufsmeilen ziehen nicht mehr, heute und für die Zukunft sind Konzepte mit einem attraktiven Mix aus Einkaufen, Wohnen, Arbeiten, Events, Kultur und Gastronomie gefragt.“

Eine Patentlösung für alle Orte gebe es jedoch nicht, weil jede Innenstadt ihre eigenen Herausforderungen habe. Der Plan, Sortimente in den verbleibenden Kaufhäusern zu regionalisieren und zu individualisieren, gehe in diese Richtung. „Viele Handelsunternehmen zeigen mit attraktiven Events, innovativen Konzepten und einer guten Verzahnung zwischen stationärem und Online-Handel, wie gute Zukunftskonzepte aussehen können“, heißt es weiter.

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Auch Gerd Landsberg richtet den Blick nach vorn. „Es ist nicht sinnvoll, ein Unternehmen immer wieder mit Steuermitteln zu retten, ohne dass nachhaltige Wirkungen erzielt werden. Ehemalige Kaufhausstandorte können zum Beispiel als Universitäts- oder Schulstandorte, mit Start-ups, Gastronomie, Kultur oder Bürgerservices oder auch als Wohnbereiche genutzt werden.“

Galeria Karstadt Kaufhof: Gebäude sollen umfunktioniert werden

Er fordert deshalb, dass das Bundesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“, das derzeit mit 250 Millionen Euro ausgestattet ist, über das Jahr 2023 hinaus fortgeschrieben wird. Betroffenen Städten und Gemeinden müsse es auch ermöglicht werden, in den Zwischenerwerb oder in eine Zwischenmiete der Gebäude zu gehen, damit sinnvolle Alternativen entwickelt werden können.

Marktexperte Hedde zielt in die gleiche Richtung: „Es ist nicht das Produkt oder die Versorgung, die innerstädtische Treiber sind. Vielmehr müssen wir ganzheitlich Besuchsimpulse bedienen. Menschen suchen Inspiration, Interaktion und Involvement. Handel ist und bleibt Besuchsimpuls Nummer eins – auch wenn er allein nicht mehr der Treiber sein kann.“

Ein Besuch in der Stadt müsse inzwischen Mehrwert und Emotionalität bieten. Die Gastronomie gewinnt beispielsweise deutlich an Relevanz, wenn es um den Besuch einer Innenstadt geht. Zudem rücken Sicherheit, Sauberkeit und Service noch stärker in den Fokus des Einzelhandels.