Zum Inhalt springen

Welcher Eltern-Typ sind Sie?Expertin warnt vor großem Erziehungs-Fehler

Kind schreit, Mutter ist genervt

Copyright: Shutterstock

Viele Eltern geben bei Schreiattacken „um des lieben Friedens willen“ schnell nach. Ein Fehler!

Dem Kind (fast) immer den Willen zu lassen, kann gefährlich nach hinten losgehen. Eine Psychologin sagt, warum. Außerdem: Welcher Eltern-Typ sind Sie eigentlich?

Jüngst beobachtet im Discounter um die Ecke. Mutti steht an der Selbstscannerkasse, ihr Kleiner drückt ständig auf den Button, der zig Bons ausspuckt. Mutti sagt nichts. Kassiererin hebt aus der Ferne die Stimme: „Muss ich mit dir schimpfen?“ Kind zieht eine Flappe. Mutti schnell: „Einmal darfst du noch drücken.“ Echt jetzt? „Das geht gar nicht“, sagt die bekannte Familienpsychologin und Bestsellerautorin Nina Grimm (39). Ihr Buch „Eine Löwenmama muss nicht zwitschern können“ erscheint am 22. Oktober im Beltz-Verlag. Die Expertin sagt: „Wer Kindern jeden Wunsch erfüllt, schadet ihnen sogar.“ Ist die viel propagierte „bedürfnisorientierte Erziehung“ gescheitert?

Wohl jedes Elternteil kennt solche Beispiele: Das Kind will bei Minustemperaturen in kurzer Hose aus dem Haus, die Spielsachen nicht teilen, seine Hausaufgaben nicht machen, lieber Eis statt Spinat – und die Eltern diskutieren im Schneidersitz auf dem kuscheligen Flokati stundenlang aus, ob es nicht doch gewillt sein könnte, die Oma zu besuchen. „Immer mehr Eltern verwechseln leider Wünsche und Bedürfnisse“, erklärt die Familienpsychologin Nina Grimm, „weil ihnen in sozialen Netzwerken und Mami-Ratgebern vorgegaukelt wird, dass man Kindern in jeder Situation ruhig zugewandt bleiben und ihren Willen respektieren solle.“

Nina Grimm: „Wir züchten uns kleine Egoisten heran“

Sie selbst könne das nicht, gibt die Psychologin ehrlich zu. Und hält es auch für einen großen Fehler: „Das ist meines Erachtens nicht gesund. So züchten wir uns kleine Egoisten heran, die die Tendenz zum Größenwahnsinn haben und eine völlig falsche Anspruchshaltung gegenüber Beziehungen. Die Folgen: Menschen ohne jegliche Frustrationstoleranz, die nur etwas aus Partnerschaften ziehen wollen statt selbst in sie zu investieren. Junge Erwachsene, die schnell ausrasten und die Flinte früh ins Korn werfen.“

Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes bestätigen ihre These. Wir haben derzeit in Deutschland einen historischen Höchststand bei Schulabbrechern – im Schuljahr 2024/2025 waren es rund 65.000 Jugendliche. Nein, Nina Grimm will die Uhr nicht zurückdrehen zu Zeiten, in denen Zucht und Gehorsam, Disziplin und das Funktionieren zu den wichtigsten Erziehungszielen in der Gesellschaft gehörten. Und Omas Erziehungstipp „Lass dein Baby schreien, das stärkt die Lungen!“ sei zu Recht überholt, sagt die Expertin. Die Bindungsforschung Ende der 60er habe dank vieler Studien ergeben, dass Bedürfnisse nach Sicherheit und Körpernähe bei Neugeborenen nicht einfach nur „nette Zugaben, sondern grundlegend sind, um sich gesund zu entwickeln“.

Kinder rasten aus, Eltern bleiben auf der Strecke

Die zügige – und sinnvolle – Erfüllung von Primärbedürfnissen im Säuglings- und Kleinkindalter sei allerdings ausgeartet – und werde heute noch bei Sechs- bis Zwölfjährigen praktiziert. Grimms traurige Beobachtung, auch im Praxisalltag: „All das hat dazu geführt, dass sich eine ganze Generation von Eltern aufgeopfert hat, um jedem Piepswunsch der Kinder gerecht zu werden – und dabei selbst komplett auf der Strecke geblieben ist.“ Ihnen gibt sie den Tipp: „Selbst wenn es sich um ein wirkliches Bedürfnis handelt, zum Beispiel dem Wunsch, zu Hause zu bleiben, muss dem nicht stattgegeben werden.“

Um beim Beispiel „Besuch bei der Oma“ zu bleiben: Richtig sei es aus ihrer Sicht, dem Kind zu signalisieren, dass man zwar nachvollziehen könne, dass die Zeichentricksendung in dem Moment vielleicht interessanter sei als Omas Kaffeetafel. Doch dann muss es heißen: „Aber trotzdem verlassen wir jetzt das Haus, weil mir der Besuch bei der Oma wichtig ist – und ihr auch.“ Kinder dürfen ab einen gewissen Alter aus dem Zentrum in den Kreis der Familie aufgenommen werden – und erfahren: Neben mir gibt es auch noch andere, die auch Bedürfnisse haben. Grenzen seien nämlich eines der emotionalen Grundbedürfnisse. Wer die nicht setze, schade seinen Kindern langfristig, statt ihnen etwas Gutes zu tun.

Grimm: „Es gibt spannende Studien dazu, die zeigen, dass zu viel Verantwortungslast im Zusammenhang steht mit mehr Aggression, mehr Stress und einem reduziertem Selbstwert im Jugendalter.“ Die Psychologin beschreibt den Teufelskreis. „Da stecken Eltern ganz viel Energie da rein, das Kind bloß nicht irgendwie unzufrieden zu machen. Die Permissivität, also die Nachgiebigkeit, führe schließlich dazu, dass es keine Regeln, keine Grenzen und auch keine Konsequenzen mehr gebe.“ Die Folge: Viele Eltern seien regelrecht ausgebrannt, was viele je nach Typus  wiederum oft ins Negative umschlagen lasse. „Da gibt es dann völlig unsinnige, sinnbefreite Strategien und Befehle wie ‚Den Rest der Woche gibt es keine Süßigkeiten‘, ‚ab jetzt hast du Fernsehverbot‘, dazu Gebrüll und Geschrei.“ Das wiederum führe zu Schuldgefühlen, prompt beginnt der Kreislauf von Neuem.

Wie man seine Stärken am besten einsetzen kann, beschreibt die Psychologin anhand der Eltern-Profile für den EXPRESS am Beispiel der all bekannten Situation, dass der Nachwuchs noch auf dem Spielplatz bleiben will!

Welcher Eltern-Typ sind Sie?

Löwe

  1. Kennzeichen: Direkt, impulsiv, mutig, visionär
  2. Problem: Unbeabsichtigte Härte, verliert leicht die Fassung, wird laut oder zieht sich abweisend zurück
  3. Lösungsvorschlag: Tempo innerlich rausnehmen und erst auf Körperebene checken, wie angespannt man gerade ist, bevor man reagiert. Über Impulskontrolle (z. B. kurze Achtsamkeitsübungen) lernen, den ersten Impuls nicht sofort auszuleben.
  4. Spielplatz-Beispiel: Der Löwe oder die Löwin setzt kurz vor dem Aufbruch eine klare Grenze: „Such dir eine Sache aus, die du jetzt noch machen willst“, leitet dann nahtlos zum Ausgang über.

Goldkehlchen

  1. Kennzeichen: freundlich, mit- fühlend, warm, fürsorglich, geduldig
  2. Problem: Helfersyndrom, eigene Bedürfnisse zurückstellen, keine Hilfe annehmen
  3. Lösungsvorschlag: Lernen, die eigene Grenze zu spüren und ruhig auszusprechen, auch wenn das Gegenüber im Moment enttäuscht reagiert. Also: Gefühl und Bedürfnis des Kindes anerkennen („Ich verstehe, das ist gerade doof für dich“), aber trotzdem bei der eigenen Grenze bleiben, statt sofort nachzugeben.
  4. Spielplatz-Beispiel: Endlose Diskussion – das Kind will nicht vom Spielplatz weg. Goldkehlchen stellt etwas Schönes zuhause in Aussicht.

Wolf

  1. Kennzeichen: Konservativ, strukturiert, zuverlässig, rational, analytisch
  2. Problem: Verliert durch die pragmatische, verkopfte Art häufig den Kontakt zu den Liebsten, tut sich schwer, Gefühle und Bedürfnisse (eigene und von anderen) anzuerkennen, wird bei Fehlern oder Unpünktlichkeit schnell übermäßig angespannt.
  3. Lösungsvorschlag: Gefühle wie eine fremde Sprache lernen („Das freut mich“, „Das ärgert mich“). Bei den eigenen hohen Ansprüchen auch mal Fünfe gerade sein lassen.
  4. Spielplatz-Beispiel: Der Wolf hat das Abendessen schon vorbereitet. Hat deshalb gar keinen Zeit-Stress.

Eidechse

  1. Kennzeichen: Zurückhaltend, introvertiert, braucht Rückzug, feinfühlig
  2. Problem: Macht sich selbst klein, traut sich nichts zu, hat Angst Fehler zu machen
  3. Lösungsvorschlag: Ins Tun kommen, statt auf die perfekte Strategie zu warten, kleine erreichbare Ziele setzen und Frühwarnzeichen, wenn man sich gestresst fühlt, erkennen, um rechtzeitig aktiv zu werden statt sich zurückzuziehen
  4. Spielplatz-Beispiel: Die Eidechse bereitet den Aufbruch vor, indem sie 30 Minuten, bevor sie losgehen will, fragt: „Was möchtest du noch machen, bevor wir heimgehen?“

Kakaku

  1. Kennzeichen: Kontaktfreudig, steht gerne im Mittelpunkt, kreativ, humorvoll, spontan, chaotisch
  2. Problem: Zeigt kaum Schwäche oder tiefere Gefühle, lenkt stattdessen über Witz und Leichtigkeit ab, verliert leicht die Struktur im Alltag.
  3. Lösungsansatz: Anerkennen, dass man selbst auch Bedürfnisse hat, die eigenen Gefühle nicht länger hinter Humor verstecken. Dazu den Tag in feste Abschnitte einteilen.
  4. Spielplatz-Beispiel: Der Kakadu verwandelt den Heimweg in eine wiederkehrende Abenteuerreise mit Rakete, Countdown und Co. So wird der Aufbruch zur Einladung, Kind freut sich schon auf die nächste Station.