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Erzieherin schlägt Alarm „Manche Erzieher sind so überfordert, dass sie ausrasten“

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Heute sollen Erzieher nicht nur Kinder betreuen, sondern auch Elternwünsche und bildungspolitische Konzepte erfüllen. (Symbolbild) 

Dass der Job des Erziehers heute alles andere als ein Kinderspiel ist und viele erzieherische Fachkräfte überlastet sind, weiß man längst.

Wie alarmierend der Alltag in Kitas und Kindergärten wirklich ist, beschreiben Tanja Leitsch und Susanne Schnieder in ihrem neuen Buch „Die Rotzlöffel-Republik“.

Die beiden Erzieherinnen zeigen darin, wie schwierig es für die Erzieher ist, zwischen übertriebenen Eltern-Ansprüchen, unerzogenen Kindern, bürokratischen Vorgaben und pädagogischen Herausforderungen ihren Beruf auszuüben. Ein Gespräch.

Der tägliche Wahnsinn im Kindergarten – wie sieht er aus?

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Tanja Leitsch ist Erzieherin und Diplom-Pädagogin und hat jahrelang in der Kita und im Kindergarten gearbeitet.

Tanja Leitsch: Es ist eigentlich das totale Chaos. So viele Dinge kommen zusammen. Ganz unterschiedliche Kinder mit verschiedenen Bedürfnissen, immer häufiger auch Kinder mit Entwicklungsschwierigkeiten. Gestresste Eltern, die die Regelungen der Kita nicht immer einhalten können und wollen. Und ganz viele Vorgaben, die Erzieher zu erfüllen haben: gesetzliche Regeln, Bildungspläne und Konzeptionen.

Was wird alles von Ihnen erwartet? Welche Ansprüche stellen gerade die Eltern?

Leitsch: Eltern wissen, welche Bedeutung Bildungsarbeit im frühkindlichen Alter hat und fordern das auch ein. Sie möchten, dass ihre Kinder ästhetische Bildungskurse, Sprachförderung oder Theaterbesuche geboten bekommen. Wir versuchen so etwas auch möglich zu machen. Es ist aber in unserer eigenen Tagesplanung einfach nicht immer umsetzbar.

Übertreiben es manche Eltern?

Leitsch: Ja, manchmal werden einfach übersteigerte Erwartungen geäußert. Es fehlt das Verständnis, dass das nicht zu leisten ist. Dazu fällt mir ein gutes Beispiel ein. Eines unserer Kindergarten-Kinder hatte einen Ausschlag im Gesicht und wir haben die Mutter gebeten, mit ihm zum Arzt zu gehen. Es stellte sich heraus, dass es nichts Ansteckendes war, das Kind konnte wieder in die Kita. Die Mutter aber wollte, dass wir ihr die Zeiten gutschreiben, in denen sie wegen des Arztbesuchs nicht arbeiten konnte. Wir sollten kostenlose Spät- oder Frühdienste anbieten, damit sie ihre Arbeitsstunden nachholen kann.

Um das einzelne Kind gezielt zu fördern, gebe es viel zu wenig Personal, sagt Tanja Leitsch. (Symbolbild)

Um das einzelne Kind gezielt zu fördern, gebe es viel zu wenig Personal, sagt Tanja Leitsch. (Symbolbild)

Verlassen sich viele Eltern darauf, dass Sie den Kindern bestimmte Dinge beibringen?

Leitsch: Ja, viele Eltern wollen zum Beispiel, dass wir ihren Kindern das Trockenwerden beibringen, weil ihnen das zuhause zu stressig ist. Aber solch eine individuelle Förderung können wir bei dem Betreuungsschlüssel gar nicht leisten. Das sind alles Dinge, die sollten von zuhause kommen und von uns nur weiter gefördert werden.

Manchmal bin ich überrascht, was Kinder noch nicht können. Zum Beispiel beim Thema Essen. Man sollte meinen, Kinder über drei Jahre könnten einigermaßen normal essen. Aber bei Mahlzeiten herrscht oft das komplette Chaos. Manche Kinder rennen hin und her. Einer schüttet sein Müsli auf den Boden und wälzt sich darin. Manche können nur warm, manche nur kalt, manche nur süß essen. Manche wissen nicht, dass man einen Teller benutzt und nicht aus der Schüssel isst. Aber es ist kein Wunder: Wenn ein Kind zuhause nur alleine vor dem Fernseher isst, achtet niemand darauf, ob es Besteck benutzt.

Eltern und Erzieher sollten eine Partnerschaft auf Augenhöhe haben, sagt Erzieherin Tanja Leitsch.

Eltern und Erzieher sollten eine Partnerschaft auf Augenhöhe haben, sagt Erzieherin Tanja Leitsch.

Wie sieht es mit dem Thema Hygiene aus?

Leitsch: Manche Kinder sind etwa ganz erstaunt, dass wir mit ihnen Zähne putzen, weil sie das daheim noch nie getan haben. Oder ein Kind wollte zum Beispiel mal in den Garten pinkeln. Urin sei ja nicht gefährlich, sagten mir die Eltern. Trotzdem kann ich ja nicht zulassen, dass 30 Kinder in den Kita-Garten urinieren. Eltern müssen aber verstehen: Die Kita ist ein anderer Rahmen als zuhause, hier brauchen wir Hygiene.

Dass Kinder von ihren Eltern Grundregeln gelernt haben, hat ja auch mit Respekt gegenüber den Erziehern zu tun, oder?

Leitsch: Ja. Da geht es um Grundwerte. Ich möchte von einem Kind respektvoll behandelt werden. Ich möchte nicht, dass mir ein Kindergarten-Kind sagt: „Fick dich ins Knie, Alte!“. Oder dass ich blutig gekratzt und gebissen werde. Ich erwarte, dass ein Kind gelernt hat, dass man das nicht macht.

Wie schwierig ist es, Eltern auf solche Versäumnisse anzusprechen?

Leitsch: Ich habe kein Problem damit, so etwas anzusprechen. Das Schwierige daran ist, dass es so viel geworden ist, in so vielen Bereichen, dass ich im Kita-Alltag die ganze Zeit nur mit Eltern sprechen könnte. Manchmal wünsche ich mir einen Grundkurs für Eltern, in dem wir alles rund um Hygiene und Wechselklamotten und so weiter erklären. Aber die Erfahrung zeigt auch, dass viele Eltern an so etwas nicht teilnehmen.

Verwahrlosung, Liebesentzug, sexueller Missbrauch: Was bekommen Sie von den familiären Problemen der Kinder mit?

Leitsch: Diese Dinge bekommen wir direkt mit. Solche krassen Fälle sind für mich das Schlimmste. Mir dauert es meistens zu lange, bis etwas unternommen wird. Ich sage immer: Da müssen wir gleich etwas machen! Kollegen und Kita-Leitung sind allerdings oft eher zögerlich, weil das Jugendamt noch ein schlechtes Image hat. Für mich zählt das Wohl des Kindes vor allem anderen.

Und wenn es um Kinder geht, bewegt man sich auf dünnem Eis. Sie sagen auch: „Als Erzieherin steht man immer mit einem Bein im Knast“…

Leitsch: Es gibt verschiedene Geschichten zu dem Thema. Ein Kind hat zum Beispiel einem anderen Kind einmal einen Teller an den Kopf geworfen. Der Vater hat daraufhin beschlossen, gegen die Kita zu prozessieren. Das stresst und verbraucht viel Energie und ist überhaupt nicht sinnvoll.

Ich hatte aber auch schon den Fall, dass ein Kind neben mir von der dritten Treppenstufe gesprungen und direkt auf den Kopf geknallt ist. Es hatte eine Gehirnerschütterung. Die Eltern haben das Kind direkt von der Kita abgemeldet. Jeder Erzieher achtet darauf, dass so etwas nicht passiert, aber man kann es nicht verhindern.

„Es ist eine ständige Überforderung. Manche Erzieher rasten regelmäßig aus.“

Wie fühlen Sie sich manchmal, wenn Sie nach Dienstschluss aus der Kita kommen?

Leitsch: Ich hab das Gefühl, ich höre die Welt nicht mehr. Ich komme nach Hause und bin so voll. Aber wenn ich meinen Freunden erzähle: „Es ist unglaublich, was heute in der Kita passiert ist…“, dann antworten die nur noch: „Das sagst du doch jeden Tag!“

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Immer mehr Erzieher macht die dauerhafte Überlastung krank.

Was macht so eine Belastung auf Dauer mit Erziehern?

Leitsch: Viele Erzieher sind krank. Studien zeigen, dass es immer mehr werden. Sehr verbreitet sind Hörstörungen, viele Erzieher sind schwerhörig oder haben Tinnitus. Alle haben Verspannungsprobleme, durch dieses Sitzen, Heben, Tragen. Am schlimmsten ist die psychische Belastung, weil einfach alles zu viel ist. Und immer mehr dazu kommt. Es ist eine ständige Überforderung. Man soll Trauma-Therapeut für Flüchtlingskinder sein und mit behinderten Kindern Inklusion machen, ohne dass man dafür ausgebildet ist.

Viele Erzieher schalten dann einfach ab und können nichts mehr aufnehmen, machen gerade noch so, was geht. Manche rasten regelmäßig aus. Sie versuchen die Ohnmacht über die Wut zu bewältigen. Und ich will laut darauf hinweisen: Kranke Menschen sind nicht gut für Kinder!

Manchmal ticken Erzieher auch durch. Man hört von Fällen, wo sie Kinder gefesselt haben oder zum Essen zwingen…

Leitsch: Ja, aber das darf eben nicht passieren. Da geht es um Eigenverantwortung. Wenn ich als Erzieher merke, ich kann nicht mehr, dann muss ich die Reißleine ziehen. Viele versuchen, sich umzuorientieren. Egal, welche Erzieher ich treffe, die meisten von ihnen sagen, sie wollen nicht mehr in dem Beruf arbeiten. Oder sie haben schon aufgehört. Aber wir brauchen doch gute Kinderbetreuung. Damit die Erzieher bleiben, müssen aber die Umstände besser werden.

Was müsste getan werden, um Kitas wirklich besser zu machen?

Leitsch: Es muss kleinere Gruppen und mehr Personal geben. Die direkte Arbeit mit den Kindern muss wieder mehr im Vordergrund stehen. Die Wissenschaftler müssen verstehen, dass Theorie nicht eins zu eins umgesetzt werden kann. Qualitätsprogramme klingen in der Theorie sehr schön. Wenn das aber in der Realität bedeutet, dass ich im Kita-Alltag pro Kind tausende Kreuze machen, Bögen ausfüllen und Entwicklungsberichte schreiben muss, dann ist das schwierig. Das Schlimmste daran ist aber: Während sich die Erzieher mit diesem bürokratischen Aufwand beschäftigen, kommen die Kinder zu kurz.

Welche Botschaften möchten Sie an die Eltern richten?

Leitsch: Wir Erzieher sind keine Dienstmädchen. Wir können nicht eins zu eins das fortführen, was zuhause in der Familie gelebt wird. Das ist eine Einrichtung, ein Betrieb, es gibt eine Konzeption. Wir sind eine Gemeinschaft und müssen allen gerecht werden. Und: Eine Kita ersetzt keine Familie. Ich finde, Eltern sollten überlegen, wie lange sie ihr Kind weggeben und in welchem Alter das welche Folgen haben könnte.

Haben Sie trotzdem noch Momente, in denen Sie die Zeit mit den Kindern genießen können?

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Leitsch: Der Stress überlagert viel. Aber man hält es eben so lange aus, weil es diese tollen Momente gibt und weil es an sich eine ganz tolle Arbeit ist. Und noch mehr sein könnte. Ich bin begeistert davon, wie Kinder lernen. Sie sind unsere Zukunft. Kinder machen so viel Spaß, es wäre so schön, wenn sie sich gut entwickeln könnten. Wenn man ihnen gibt, was sie brauchen und auch den Bereich der Erzieher aufwertet und unterstützt, dann geht es auch den Eltern gut, dann geht es unserer Gesellschaft gut. Alles, was da schlecht ist, wird Folgen haben, die kaum aufzufangen sind.

Buchtipp:
Tanja Leitsch/Susanne Schnieder, Die Rotzlöffel-Republik, Ecowin Verlag, 2017

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