Nobelpreis-Autorin gesteht KI-Einsatz: Droht Aberkennung?
Zoff um KI-BücherNobelpreisträgerin beichtet Einsatz – Experte mit klarer Prognose

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Olga Tokarczuk hat darüber gesprochen, wie sehr ihr die KI mittlerweile beim Schreiben hilft - und damit einen Aufschrei produziert. (Archivbild)
Nobelpreis-Alarm wegen KI? Eine gefeierte Autorin spricht offen über ihre digitalen Helfer und entfacht damit einen Riesen-Streit. Jetzt steht die Frage im Raum: Ist das noch Kunst?
Ein einziges Geständnis sorgte für weltweites Aufsehen. Bei einem öffentlichen Auftritt verriet die polnische Nobelpreisträgerin für Literatur, Olga Tokarczuk, dass sie bei ihrer Arbeit stark auf Künstliche Intelligenz (KI) setzt. Sie würde den Computer sogar fragen: „Liebling, wie können wir das jetzt schön fortentwickeln?“ Im Klartext: Gib mir eine Idee für den nächsten Schritt in der Story.
Die Reaktion in den sozialen Medien und der Presse ließ nicht lange auf sich warten und war gewaltig. Eine hitzige Debatte brach los: Kann man ihre Werke noch als Kunst bezeichnen? Muss ihr die hohe Auszeichnung aberkannt werden? Daraufhin machte Tokarczuk einen Rückzieher. Es sei alles falsch verstanden worden, versicherte die Autorin. Chatbots kämen bei ihr lediglich für die Recherche zum Einsatz, so wie bei vielen anderen auch.
Fachmann klärt auf: KI in der Literatur kein neues Phänomen
Die ganze Hysterie verwundert Julian Schröter, der an der LMU München als Professor für Digitale Literaturwissenschaften tätig ist. „Es gibt genügend Schriftsteller, die sich in den vergangenen Jahren offensiv zur Nutzung von KI bekannt hätten“, stellt der Fachmann gegenüber der Deutschen Presse-Agentur klar. Dies geschehe nicht allein zur Informationssuche, sondern ebenso zur Gestaltung von Plots und zur Entwicklung von Figuren.
„Die Aufregung kann also nicht daher kommen, dass der Einsatz von KI unerhört und neu ist, denn das ist er nicht“, erklärt Schröter weiter. Dennoch scheint die Technologie für zahlreiche Menschen das Ideal vom Autor als kreativem Schöpfer anzugreifen. Dabei ist diese Vorstellung längst überholt: Schon Shakespeare bediente sich für seine Dramen bei älteren Werken, Goethe war im permanenten Austausch mit Intellektuellen und Poeten griffen bereits vor zwei Jahrhunderten auf Reimlexika zurück.
Handelt es sich bei KI also bloß um ein weiteres Hilfsmittel? Laut Schröter greift das zu kurz. Die Technologie hat mehr Potenzial. Sie ist fähig, Einfälle fortzuführen und selbst Texte zu generieren. Schließlich kann eine untrennbare Verflechtung aus menschlicher und maschineller Leistung entstehen. „Das Bedrohliche scheint darin zu bestehen, dass man nicht mehr klar zwischen dem menschlich-kreativen und dem technisch-unterstützenden Teil unterscheiden kann.“
KI-Poesie kommt an: Studie mit verblüffendem Ergebnis
Die Annahme, eine KI sei zu echter Kreativität unfähig, hielt sich lange. Doch eine 2024 in der Fachzeitschrift „Nature“ publizierte Untersuchung widerlegte dies: Ein Großteil der Teilnehmenden empfand maschinell generierte Lyrik als ansprechender im Vergleich zu menschlicher Dichtkunst. Schröter vermutet als Ursache, dass KI-Verse zugänglicher und verständlicher sind als die häufig sehr avantgardistische zeitgenössische Poesie.
Im Bereich der Prosa stellt sich die Situation jedoch anders dar. Hier tut sich die KI noch sichtlich schwer, einen fesselnden Plot zu entwickeln. „Sie ist auch nicht gut darin, Spannung aufzubauen und durchzuhalten“, führt Schröter aus. Dazu sei es nötig, die Erwartungshaltung des Publikums zu kennen und gezielt damit zu arbeiten. Dafür sei die künstliche Intelligenz schlicht „zu ehrlich“.
Die Zukunft des Lesens: KI im Bücherregal?
Der Fachmann geht davon aus, dass die KI diese Fähigkeit mit der Zeit ebenfalls erlernen wird. Die zentrale Frage sei daher nicht länger die nach den technischen Möglichkeiten, sondern: „Wie wollen wir uns als Schriftsteller und Leser verhalten: Wollen wir KI verwenden und wollen wir KI-generierte Inhalte lesen?“
Im Genre der Trivialliteratur hält Schröter den Einsatz für unbedenklich, vorausgesetzt, alle Beteiligten stimmen zu. „KI wird für viele fragwürdige Dinge verwendet, zum Beispiel Überwachungssysteme und Kampfdrohnen. Literatur, auch Unterhaltungsliteratur, ist eine schöne Sache – warum sollte man es hier nicht nutzen?“, stellt er in den Raum.
Was die anspruchsvolle Literatur betrifft, wünscht er sich jedoch, dass es auch in Zukunft Schreibende geben wird, „die sich die Mühe machen, individuell zu klingen, eine besondere Stimme zu haben.“ Für ihn persönlich sei es wichtig, keine vorhersehbaren Werke zu konsumieren, sondern „das Neue und Außergewöhnliche.“
Die Aufregung rund um Olga Tokarczuk verdeutlicht, mit welcher Intensität die Diskussion über KI in sämtlichen gesellschaftlichen Sektoren geführt wird. Schröter wagt die Prognose, dass die Mehrheit der Bücher künftig aus einer Kombination von menschlichem Geist und maschineller Leistung entstehen wird. Parallel dazu werde sich ein Nischenmarkt für Publikationen mit dem Siegel „garantiert KI-frei“ etablieren. (dpa/red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.
