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„Gegen die Zeit“Wiener „Tatort“: Habt ihr den Fehler erkannt?

Moritz Eisner (Harald Krassnitzer, links) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ermitteln im „Tatort: Gegen die Zeit“ in einer betreuten Wohneinrichtung für schwierige Jugendliche. (Bild: ORF/Petro Domenig)

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Moritz Eisner (Harald Krassnitzer, links) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ermitteln im „Tatort: Gegen die Zeit“ in einer betreuten Wohneinrichtung für schwierige Jugendliche.

Aktualisiert:

Im „Sonnenhof“ leben Jugendliche mit schwieriger Vergangenheit. Als dessen Leiter im Wiener „Tatort: Gegen die Zeit“ ermordet wird, ermitteln Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) in ihrem vorletzten Fall. Habt ihr den „künstlerischen“ Fehler im Setting bemerkt?

Angenehm klischeefrei war dieser leise ORF-Krimi, der natürlich ein Sozialdrama war. Was soll auch anderes herauskommen, wenn der Schauplatz eines Mordes eine betreute Wohneinrichtung für schwierige Jugendliche ist?

Was man dem „Tatort: Gegen die Zeit“ zugutehalten muss: Diese 90 Minuten haben uns 14- bis 18-jährige Dropout-Kids gezeigt, die es so tatsächlich geben könnte. Samt einer Handvoll Betreuer, die ebenfalls in Charakterzeichnung und ihrer unaufgeregten Art an echte Pädagogen erinnerten. Trotzdem gab es eine Sache im „Sonnenhof“ - und es war nicht die triste Inneneinrichtung -, die komplett unrealistisch war. Das jedoch aus guten Gründen ...

Worum ging es?

David Walcher (Roland Silbernagl), Leiter des sozialen Wiener Wohnprojekts „Sonnenhof“, wurde unweit der abgelegenen Einrichtung erschlagen aufgefunden. Zwar gerieten sowohl seine Ex-Frau als auch ein latent aggressiver Nachbar ins Visier der Ermittlungen, doch Eisner und Fellner richteten ihren Fokus vor allem auf die Dynamik innerhalb der Wohngruppe.

Dort lebten fünf Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren zusammen mit drei Pädagogen: Olaifa (Ayo Aloba), Araz (Emre Cakir) und Simon (Augustin Groz) kümmerten sich um die beiden Jüngsten, Levi (Christoph Lackner-Zinner) und Oki (Yacouba Diabate), sowie die etwa 17- bis 18-jährigen Leon (Tristan Witzel), Mo (Rena Hussin) und Cihan (Alperen Köse). Letzterer war jedoch seit der Tat spurlos verschwunden - ein Umstand, der ihn schnell in den Kreis der Verdächtigen rückte.

Worum ging es wirklich?

Für Drehbuch (gemeinsam mit Hermann Schmid) und Regie des neuen ORF-“Tatorts“ zeichnet Katharina Mückstein verantwortlich. Die 1982 in Wien geborene Filmemacherin übernimmt zwar auch reine Regiearbeiten, etwa für die Wiener Krimireihe „Blind ermittelt“ oder ihren ersten, viel beachteten „Tatort: Dein Verlust“, in dem Moritz Eisner an seinem Geburtstag ins Koma trinkt.

Sie gehören zu den Älteren in der Wohngruppe: Leon (Tristan Witzel, links) und Mo (Rena Hussin) blicken bereits auf ein „schwieriges“ Vorleben zurück. (Bild: ORF/Petro Domenigg)

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Sie gehören zu den Älteren in der Wohngruppe: Leon (Tristan Witzel, links) und Mo (Rena Hussin) blicken bereits auf ein „schwieriges“ Vorleben zurück.

Wenn Mückstein jedoch – wie in diesem Fall – selbst am Drehbuch beteiligt ist, entstehen meist besonders fein beobachtete, oft preisgekrönte Gesellschaftsporträts. Dies zeigt sich auch in ihren Dokumentarfilmen wie „Feminism WTF“.

Warum das relevant ist? Weil sich „Tatort: Gegen die Zeit“ genau durch diesen präzisen Blick auszeichnet: auf prekäre, erschütterte Lebensrealitäten junger Menschen ebenso wie auf differenziert gezeichnete Figuren innerhalb des Betreuungsteams.

Was ist das für ein Betreuungsschlüssel?

Der „künstlerische Fehler“ in diesem an sich um Realismus bemühten „Tatort“ war natürlich der Betreuungsschlüssel. Vom im Film geschilderten können echte Einrichtungen dieser Art nur träumen. Auf vier Pädagogen (inklusive des ermordeten) kamen lediglich fünf Wohngruppen-Kids.

Warum das so war? Klar, die Filmemacher wollten verschiedene Typen und Herangehensweisen an den Pädagogen-Job und das prekäre Jugendleben schildern, dabei aber auch kein riesig-unübersichtliches Ensemble ins Krimi-Rennen schicken.

Der 14-jährige Levi (Christoph Lackner-Zinner) ist das Nesthäkchen der Gruppe. Doch auch er hat in seinem kurzen Leben schon viel Leid erfahren.  (Bild: ORF/Petro Domenigg)

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Der 14-jährige Levi (Christoph Lackner-Zinner) ist das Nesthäkchen der Gruppe. Doch auch er hat in seinem kurzen Leben schon viel Leid erfahren.

Doch wie sieht es in der Realität aus? In Deutschland kommt bei betreuten Wohngruppen für Jugendliche in der Regel ungefähr ein Pädagoge auf sechs bis zwölf Jugendliche. Diese Zahl, für die es keine gesetzliche Vorgabe gibt, nennen verschiedene Quellen, die derlei Wohn- und Lebensverhältnisse organisatorisch begleiten.

Wer arbeitet in solchen Wohngruppen?

In Wohngruppen der Kinder- und Jugendhilfe arbeiten in der Regel pädagogische Fachkräfte, meist staatlich anerkannte Erzieher, Sozialpädagogen und Sozialarbeiter. Auch besonders qualifizierte Erzieher können eingesetzt werden. Für betreuende Tätigkeiten dieser Art gilt allgemein, dass sie nur von Fachkräften oder unter angemessener Beteiligung von Fachkräften übernommen werden dürfen.

Neben der formalen Ausbildung zählen in der Praxis vor allem Erfahrung mit belasteten Jugendlichen, Konfliktfähigkeit, Belastbarkeit, Teamfähigkeit und Fähigkeit zur Krisenintervention.

Was passiert mit den Jugendlichen nach der Wohngruppe?

Bei Volljährigkeit endet die Hilfe nicht automatisch. Junge Menschen können bei weiterem Bedarf als junge Volljährige weiter Unterstützung nach § 41 SGB VIII bekommen, in der Regel bis zum 21. Lebensjahr, in begründeten Fällen auch darüber hinaus.

Nach dem Auszug sind mehrere Wege möglich: selbstständiges Wohnen oder auch ein betreutes Wohnen mit weniger intensiver Hilfe. Wichtig ist, dass die Unterstützung nicht abrupt enden soll, sondern der Übergang möglichst stabil gestaltet wird.

Wie geht es mit Eisner und Fellner zu Ende?

Der letzte Wiener „Tatort“ mit Moritz Eisner und Bibi Fellner wird noch 2026 ausgestrahlt. Ihr letzter gemeinsamer Fall trägt den Arbeitstitel „Dann sind wir Helden“.

Über Inhalt und Schicksal der beiden wird bislang noch der Mantel des Schweigens gehüllt. Als Nachfolger sind Miriam Fussenegger (35) und Laurence Rupp (38) vorgesehen. Sie sind nicht nur Kollegen, sondern auch Halbgeschwister und sollen ab 2027 in Wien übernehmen. (tsch)

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