Mythos „Citizen Kane“: Darum ist der Film legendär
Vom Flop zur LegendeDie Geschichte hinter „Citizen Kane“, dem besten Film aller Zeiten

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Orson Welles (links) und Joseph Cotten in einer Szene des Filmklassikers «Citizen Kane» aus dem Jahr 1941.
Für unzählige Film-Liebhaber gilt „Citizen Kane“ als das größte Werk der Filmgeschichte. Seine Uraufführung erlebte er vor 85 Jahren, Anfang Mai 1941, in der Metropole New York.
Dieses in Schwarz-Weiß gehaltene Drama stammt von Hollywoods Wunderknabe Orson Welles (damals erst 25). Es geht um den erfundenen Medien-Tycoon Charles Foster Kane, in dem das damalige Publikum sofort den echten Pressezaren William Hearst (1863-1951) sah. An der Kinokasse war der Film zunächst ein Reinfall.
Aber was ist das Besondere an diesem legendären Stück Kinokunst?
Der Mythos vom „besten Film aller Zeiten“
Die Idee, die „Greatest Films of All Time“ (großartigsten Filme aller Zeiten) zu küren, kam 1952 vom Fachmagazin „Sight and Sound“ des British Film Institute. Seit diesem Zeitpunkt wird die Umfrage unter Kritikern alle zehn Jahre wiederholt (sie ist aber nur eine von vielen solcher Ranglisten).
In den Umfragen von 1962, 1972, 1982, 1992 und 2002 belegte „Citizen Kane“ den Spitzenplatz auf dieser angesehenen Liste. In der aktuellsten Ausgabe (von 2022) rangiert der Film nur noch auf dem dritten Platz. Davor liegt Alfred Hitchcocks „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ auf Rang zwei („Vertigo“ hatte 2012 den ersten Platz inne).
Ganz oben auf dem Treppchen steht derzeit – für viele eine echte Sensation – das feministische Werk „Jeanne Dielman“ von Chantal Akerman (Originaltitel: „Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles“, verfügbar bei Mubi).
Worum geht es in „Citizen Kane“?
In dem gefeierten Film „Citizen Kane“ will eine Reporter-Truppe das letzte Wort des einsam verstorbenen Pressemoguls und Politikers Charles Kane entschlüsseln. Es lautet „Rosebud“.
Der Streifen startet mit einer Wochenschau, die das Publikum über Kanes Leben aufklärt. Danach zeigen Rückblenden diverse Szenen aus seiner Biografie. Zum Schluss wird das Geheimnis um „Rosebud“ enthüllt.
Das Publikum verfolgt, wie Kane schon als Kind ein gewaltiges Vermögen erhält, als junger Mann ein Presse-Imperium errichtet und sich am Ende zu einer rücksichtslosen Person wandelt.
Eine große politische Laufbahn bleibt dem schillernden Emporkömmling aber verwehrt. Sie zerbricht an einer Liebschaft mit der Sängerin Susan Alexander, die auch das Ende seiner Ehe bedeutet.
Kane nimmt Susan zur Frau und ist wie besessen davon, die kaum begabte Sängerin zu einem Opernstar aufzubauen. Das Vorhaben misslingt. Kane stirbt schließlich als gebrochener Greis in seinem Protz-Schloss Xanadu.
Was den Film so revolutionär macht
Für das heutige Publikum mag der Film vielleicht nicht mehr so außergewöhnlich wirken. Wenn man sich aber gedanklich in das Jahr 1941 zurückversetzt, wird die enorme Menge an Neuerungen deutlich.
Visuell war der Streifen für die damaligen Zuschauer eine Herausforderung, etwa durch den Gebrauch von großer Tiefenschärfe, symbolischen Spiegelungen, harten Kontrasten und Einstellungen aus extremer Vogel- oder Froschperspektive.
Ebenso für die Weiterentwicklung des damals jungen Tonfilms war „Citizen Kane“ ein Meilenstein. Welles ließ seine Schauspieler oft gleichzeitig sprechen und einander ins Wort fallen. Ein Skandal damals!
Dazu kommt eine untypische, eher abstoßende Hauptperson, die wenig Identifikationspotenzial bietet. Die „New York Times“ verglich Kane sogar mit einer Shakespeare-Figur, irgendwo zwischen Hamlet und Lear.
Bemerkenswert ist auch die Abkehr von der chronologischen Erzählung. Zeitsprünge kommen sogar mitten in einer Szene vor. Das Paradebeispiel ist eine Passage am Frühstückstisch. Sie zeigt, wie Kanes erste Ehe über die Jahre zerfällt. Der Ort bleibt identisch, nur Kleidung und Make-up werden angepasst. Der Esstisch wird zudem immer länger, was die wachsende Entfremdung des Paares unterstreicht.
Welles selbst verkörperte Kane in jedem Lebensabschnitt als Erwachsener und saß dafür täglich stundenlang beim Maskenbildner. Seine Interpretation der Rolle gilt als frühes Zeugnis für das Method Acting. Bei dieser Methode taucht der Schauspieler total – fast manisch – in seine Figur ein.
Der Film wird als Vorläufer des Autorenfilms angesehen, da Orson Welles bei fast allen kreativen Aspekten (Skript und so weiter) die Kontrolle hatte.
Kassen-Flop und späte Oscar-Ehre
Nach dem Kinostart fuhr Pressezar Hearst, der sich selbst porträtiert sah, eine Kampagne gegen Regisseur und Star Orson Welles, Co-Autor Herman J. Mankiewicz und das Studio RKO.
Obwohl er an der Kasse durchfiel, war der Film bei Kennern sofort ein Hit. Bei der Oscar-Verleihung 1942 erhielt er neun Nominierungen. Die begehrte Trophäe gab es am Ende aber nur für das beste Originalskript, geteilt zwischen Welles und dem alkoholsüchtigen Mankiewicz.
Ende 2020 veröffentlichte Netflix den Streifen „Mank“ mit Gary Oldman in der Hauptrolle. Der Film handelt vom Autor Mankiewicz und seinem heftigen Streit mit Welles über das Skript zu „Citizen Kane“.
Es wirkte, als ob die Academy einen Fehler von vor 80 Jahren korrigieren wollte: Der Film von Regisseur David Fincher („Sieben“, „Fight Club“, „Gone Girl“) bekam 2021 zehn Oscar-Nominierungen. Er gewann zwei Auszeichnungen (beste Kamera, bestes Szenenbild) und überholte damit den einen Oscar-Sieg von „Citizen Kane“. (dpa/red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.
