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„Tatort“ in Hamburg „Die goldene Zeit“: Eine Ballade vom traurigen Kiez

Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) in einer Film-Szene aus dem „Tatort: Die goldene Zeit“.

Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) ermitteln im „Tatort: Die goldene Zeit“ auf St. Pauli im „halbseidenen“ Gewerbe.

In einem Hamburger „Tatort“ vom Februar 2020 kehrt Kommissar Falke zurück zu seinen Wurzeln: Der Betreiber eines Bordells wurde ermordet.

In den Sechzigern und Siebzigern galt St. Pauli als größtes Rotlichtviertel der Welt. Ein Stadtteil mit ganz eigenem Flair, einem Mix aus Künstlern, Künstlerinnen, Kriminalität, Halbwelt und schillernden Geschäftsmodellen. Kurz: ein Eldorado für schräge Geschichten und Menschen, denen kein Extrem fremd ist.

Dass der „Tatort: Die goldene Zeit“ seine Premiere im Februar 2020 feierte, wenige Wochen nach dem Tod des Hamburger Volksschauspielers Jan Fedder (†64), passte irgendwie ins Bild. Fedder wuchs in diesem Milieu als Sohn eines Kneipenbesitzers auf. Dass dieses alte St. Pauli längst von Billigkiosken, Großraum-Sexläden, Bierbikes und Junggesellen-Abschieden dominiert wird, gefällt im „Tatort: Die goldene Zeit“ auch dem alternden „Eisen-Lübke“ (Michael Thomas) nicht. Im Eigenverlag („Lief nicht so gut“) hat der ehemalige Sicherheitschef der bedeutenden Bordellfamilie Pohl seine Kiez-Erinnerungen zu Papier gebracht. Thorsten Falke kennt den Mann von früher aus seinen eigenen „rauen Zeiten“, er war wohl so eine Art väterlicher Freund.

„Tatort“ aus Hamburg: Jugendlicher ersticht Bordell-Besitzer 

Als der „junge Pohl“, Chef eines Großraumbordells, offensichtlich von einem Jugendlichen vor seiner Wohnungstür abgestochen wird, glauben alle an einen Auftragsmord. Pohl, der eines der letzten alten „Familienunternehmen“ auf dem Kiez leitete, wollte nicht an „die Albaner“ verkaufen. Sie haben mittlerweile auf St. Pauli das Sagen. Gerade Krenar Zekaj (Slavko Popadic), der junge Chef des Clans, muss sich als starke neue Führungskraft noch beweisen.

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Dass er einen vielleicht 14-jährigen Auftragsmörder aus Bukarest geschickt haben mag, der zum Preis eines neuen Fernsehers ein Menschenleben auslöscht, passt zum trostlosen Wandel auf dem Kiez, wo sich die Gangster früher noch selbst geprügelt und duelliert haben.

Weil der jugendliche Mörder von Überwachungskameras erfasst wurde und auch noch sein Handy verloren hat, haben seine Verfolger leichtes Spiel. Sowohl Eisen-Lübke, der – obwohl schon lange ohne Arbeit – sich immer noch so fühlt, als würde er für die Pohls arbeiten, als auch die Ermittler Falke und seine Kollegin Julia Grosz (Franziska Weisz) versuchen, den jungen Rumänen zu finden.

Doch auch die Albaner haben ein Interesse daran, den Jungen auf ewig zum Schweigen zu bringen. Das Spannungselement dieser in matten Neonfarbenen leuchtende Kiezballade rührt also daher, dass ein kindlicher Mörder vor der Auslöschung bewahrt werden soll, weil der Täter ja noch so jung ist. Ganz schön düster, aber eben auch menschlich – so wie der alte Kiez, könnte man sagen.

„Tatort“: Mit dem „Hurenpass“ zur schnellen Sex-Dienstleistung

Den Hamburger „Tatort“ über das alte und neue St. Pauli hat ein eher junges Kreativteam gebastelt. Regisseurin Mia Spengler, 1986 in München geboren, inszenierte vor kurzem noch einen weiteren Hamburger „Tatort“, den Fall „Schattenleben“ (Premieren im Juni 2022) über das Eintauchen von Ermittlerin Julia Grosz in die linksautonome Frauenszene. Drehbuchautor Georg Lippert, 1982 in Innsbruck zur Welt gekommen, gewann für seinen Film „Sadakat“ 2015 den Studenten-Oscar.

Viele Szenen von „Die goldene Zeit“ entstanden per „Guerilla-Dreh“, wie die Regisseurin es nennt, am Freitag- oder Samstagabend auf dem Kiez. Mit echtem St. Pauli-Publikum als Statisten und Statistinnen, „was natürlich nicht ganz ungefährlich war, weil zu diesen Stoßzeiten alle betrunken sind“, erinnert sich Spengler. Ihren „Tatort“ sieht sie auch als Hommage an das poetische Hongkong-Kino des Regisseurs Wong Kar-Wai („Fallen Angels“), das ebenfalls schräge, melancholische Protagonisten und Protagonistinnen auf magisch angehauchte Reisen in die Subkulturen der Großstadt schickt.

Vom meisterhaften Kino eines Wong Kar-Wai bleibt in diesem „Tatort“ jedoch lediglich dessen Vorliebe für Neonlicht und westernhaft aufrechte Charaktere übrig, ansonsten sieht man einen eher „straighten“ Krimi. „Eisen-Lübke“, gespielt vom österreichischen Schauspieler, Boxer, Sänger und Stuntman Michael Thomas („Braunschlag“), ist der heimliche Hauptdarsteller der Geschichte. Manchmal wirkt es so, als müsse seine Figur den Wertewandel auf dem Kiez fast im Alleingang wuppen.

Doch halt! Auch ein Puffbesuch von Falke und Grosz gehört mit zum Realitätsschock. Wo früher Plüsch, sanftes Rotlicht und – zum Teil – Huren mit Herz die Federboa schwangen, regieren heute abwaschbare Fliesenböden und verängstigte Mädchen aus Osteuropa, die wie am Fließband über die Koordinaten Zentraler Omnibusbahnhof und „Hurenpass“ zur schnellen Sex-Dienstleistung chauffiert werden.

Suggeriert der solide erzählte und durchaus stimmungsvolle „Tatort“ also, dass auf dem Kiez früher alles besser war? – Nein, auch zu Zeiten von „Eisen-Lübke“ und den Pohls gab es Gewalt und Zuhälterei, die nicht unbedingt die Wünsche und das Wohlergehen der Prostituierten als oberstes Ziel betrachteten.

Doch dass ein alternder ehemaliger Schläger sowie ein jugendlicher Mörder (stark: Bogdan Iancu) die Ehre des alten Kiezes aus der „goldenen Zeit“ wiederherstellen sollen, spricht dafür, dass diese St. Pauli-Ballade nach 90 Minuten als Gesang in eher trauriger Tonart enden wird. Bis Ende August oder Anfang September zeigt das Erste noch Wiederholungen alter „Tatorte“ und „Polizeirufe“, bis es nach der Sommerpause wieder mit neuen Fällen weitergeht. (tsch

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