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„Tatort“ ARD-Krimi in Kiel: Ermittler-Duo erlebt blutige Praxis-Übung an Polizeischule

Vierter Fall für das Kieler Ermittler-Duo: Klaus Borowski (Axel Milberg) und seine Partnerin Mila Sahin (Almila Bagriacik) erleben eine blutige Praxis-Übung an einer Polizeischule.

Vierter Fall für das Kieler Ermittler-Duo: Klaus Borowski (Axel Milberg) und seine Partnerin Mila Sahin (Almila Bagriacik) erleben eine blutige Praxis-Übung an einer Polizeischule.

Die vierte Gemeinschaftsarbeit der Kieler Kommissare Borowski und Sahin: Das Ermittler-Duo stöbert im jugendlichen Umfeld einer Polizeischule.

Jung kommt er daher, der 2020 zuerst ausgestrahlte vierte gemeinsame „Tatort“ des alten Hasen Klaus Borowski (Axel Milberg) und seiner Partnerin Mila Sahin (Almila Bagriacik).

Jenes Junge und Wilde, das zunächst auch die mitreißende Tonalität des Küstenkrimis ausmacht, ist gleich in den ersten Szenen wie ein erfrischend aufkommender Meereswind zu spüren.

„Tatort“: „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ – Grenze zwischen Gut und Böse ist schmal 

Zwei Teams von Polizeischülern üben mit ihren Anleitern den Einsatz des Martinshorns im Stadtverkehr. Also Blinklicht aufs Dach und Bleifuß, ein paar hanebüchene Überholmanöver inklusive – endlich mal Outlaw sein unter dem Schutze des Gesetzes. Mit den furiosen Bildern und Dialogen des Auftakts wird klar, dass die Grenze zwischen Gesetzeshüter- und Gangster-Attitüde bisweilen schmal sein kann und dass die jungen Bullen auch mal auf die falsche Seite der Weidengrenze zwischen Gut und Böse traben können.

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Das Erste wiederholt den Krimi „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“, der dem Sender bei der Erstausstrahlung 8,71 Millionen Zuschauer und Zuschauerinnen und damit 25,5 Prozent Marktanteil bescherte, nun zur sommerlichen Sonntagsprimetime.

Noch während der adrenalingeladenen Fahrstunde ist jäh Schluss mit lustig. Die beiden Streifenwagen im Speedtraining werden zu einem Einsatz an einem Hochhaus gerufen. Eine junge Frau will sich vom Turm mit Ostseeblick stürzen. Obwohl die Polizeischüler Leroy (Stefan Hergli), Tobias (Enno Trebs) und dessen Freundin Nasrin (Soma Pysall) ihr Bestes geben, können sie den Selbstmord der etwa gleichaltrigen Jule (Caro Cult) nicht verhindern.

Danach müssen die Traumatisierten Dampf ablassen. In einer Disco wird getanzt, getrunken und Illegales geraucht. Als am nächsten Tag in der Polizeischule eine Tatort-Praxisübung unter der Anleitung von Mila Sahin und den Augen Klaus Borowskis stattfindet, kommt es zu einer irren Gewalttat unter den Polizeischülern.

„Tatort“: Eine Irritation von 20 bis 30 Minuten

Regisseur Hüseyin Tabak, ein Ostwestfale mit türkisch-kurdischem Background, legte mit diesem „Tatort“ sein Fernsehdebüt hin. Für seine Kinoarbeiten wurde der 40-Jährige bereits mit Preisen überhäuft. Sein Debüt-Langfilm „Deine Schönheit ist nichts wert“ von 2012 wurde bei etwa 50 Festivals gezeigt und gewann mehr als 20 Preise.

Er erzählt klischeefrei und mit viel Einfühlungsvermögen die Coming-of-Age-Geschichte eines zwölfjährigen Migranten, der sich neu in Wien einleben muss. 2019 inszenierte Tabak die Boxerinnen-Story „Gipsy Queen“, eine Art „Million Dollar Baby“, das auf dem Hamburger Kiez spielt.

Die Kunstfertigkeit Tabaks, schwierige Heranwachs-Szenarien und die Probleme zwischen Jugend und Erwachsenenalter aus interessanter Perspektive zu beleuchten, ist auch im Kieler „Tatort“ zu spüren. Auch wenn das Drehbuch nicht von Tabak, sondern vom renommiert-routinierten Drehbuch-Ehepaar Eva und Volker A. Zahn stammt („Aufbruch ins Ungewisse“, „Das Leben danach“).

Die Zahns stehen für thematisch ambitionierte, manchmal aber auch etwas didaktisch-fernsehspielhaft wirkende Problemstoffe. So etwa stammte die Retro-Journalistinnen-Serie „Zarah – Wilde Jahre“ (2017, ZDF) aus ihrer Feder. In „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ wirkt es nun ein bisschen, als hätte man einen irren, faszinierenden Plot nach knapp einer halben Stunde ausgebremst und in einen eher klassischen Fall „zwangsüberführt“.

Verdächtige aus dem Umfeld des jungen und in seinen Taten rätselhaften Täter- und Opferkreises werden von den Ermittlern befragt und ausgeleuchtet. Auch ein wenig geboxt wird mal wieder – und das nicht nur von Mila Sahin, weil man damit ja so gut aufgestaute Emotion in Bilder übersetzen kann. Schauspiel-Ereignis Kida Khodr Ramadan („4 Blocks“) darf – als Vater des Hochhausopfers – erneut den Proll mit undurchsichtigem Psychogewand geben, die jungen Darstellerinnen und Darsteller machen ihre Sache ordentlich.

„Tatort“: „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ bleibt nicht lange in Erinnerung

Insgesamt ist „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ kein schlechter Fall, aber eben auch keiner, der lange in Erinnerung bleibt. Gerade das hätte man nach den sehr aufregenden, ja irritierenden ersten 20 bis 30 Minuten nicht erwartet. Da scheint es so, als würde man diesen Sonntagabend mit den Speed-geweiteten Augen jener coolen, sensiblen, etwas überdrehten Polizeischüler erleben. Dass danach die Routine eines Borowskis übernimmt, wird den ein oder anderen konservativen Fan beruhigen.

Am Ende stellt der „Tatort“ die alte Ordnung der Gesellschaft wieder her, heißt es gemeinhin als Begründung für den über 50-jährigen Erfolg des Formates „Tatort“. In diesem Film hat die Ordnung in Form einer „unberechenbaren“ Jugend einmal kurz gewackelt, bevor sie mit aller Macht der Routine aufgefangen wird.

Der nächste Borowski-„Tatort“ soll in der zweiten Jahreshälfte 2022 laufen. Unter dem Titel „Borowski und das hungrige Herz“ geht es um eine Erotikparty mit tödlichem Ende. Aktuell arbeitet das Kieler „Tatort“-Team zudem am Fall „Borowski und der Wiedergänger“, der voraussichtlich 2023 ausgestrahlt wird. (tsch)

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