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Queen des Comebacks wird 80Wie Cher mit einem Song die Pop-Welt veränderte

Pop-Ikone Cher wird 80. (Bild: 2024 Getty Images/Arturo Holmes)

Copyright: 2024 Getty Images/Arturo Holmes

Pop-Ikone Cher wird 80. 

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Schon seit den 60er-Jahren ist Cher eine prägende Figur der Popkultur. Ihren größten Wurf hatte sie aber bei ihrem Comeback in den späten 90ern: Nach ihrem Megahit „Believe“ war die Pop-Welt eine ganz andere.

Kaum jemand hätte 1998 wohl mit einem Comeback von Cher gerechnet. Seit zehn Jahren hatte die Sängerin zu diesem Zeitpunkt keinen Hit mehr gehabt und selbst ihr Erfolg in den 80-ern war das Ergebnis einer unerwarteten Rückkehr an die Spitze des Musikgeschäfts. Dass ein solches Kunststück dem US-Star erneut gelingen würde, galt als unwahrscheinlich. Und doch gelang der Queen des Comebacks genau dieses Kunststück: „Believe“, die erste Singles des gleichnamigen Albums, stürmte in sage und schreibe 23 Ländern bis an die Spitze der Charts, so auch in Österreich, der Schweiz und in Deutschland.

Dem Erfolg der Single lag kein Retro-Hype um eine Kultsängerin von „damals“ zugrunde. Ganz im Gegenteil: „Believe“ war nicht weniger als revolutionär, ein bahnbrechendes Stück Popmusik, nach dem sich die Musikwelt grundlegend ändern sollte. Das lag an einem damals neuen Tool zur Gesangsbearbeitung, das heute tatsächlich allgegenwärtig ist: Auto-Tune.

Comeback im Zeitalter der Teenie-Stars

Auto-Tune kam 1997 erstmals auf den Markt. Sein Zweck: Ungenauigkeiten bei Gesangsaufnahmen subtil zu korrigieren, ohne dass die Hörerinnen und Hörer es bemerken. Sängerinnen und Sängern sollte das Leben so erleichtert werden: Trafen sie alle Töne genau, ließ die Software die Aufnahme, wie sie war, lagen sie etwas neben dem Ton, erkannte das Programm, welcher Ton eigentlich hätte getroffen werden sollen und passte den Gesang dementsprechend an.

Der Geniestreich von „Believe“ lag darin, dass Cher und Produzent Mark Taylor die von den Machern der Software intendierte Funktion bewusst missachteten: Subtil war an dem Einsatz von Auto-Tune in ihrem Song nämlich nichts. Stattdessen trieben sie die Möglichkeiten des Tools ins Extrem.

Aus Tonkorrektur wurde Tonmanipulation. Cher und Taylor nutzten Auto-Tune nicht, um Ungenauigkeiten auf der Aufnahme zu verheimlichen, sondern als Gerät zur Erzeugung von stimmlichen Special Effects.

Cher im Jahr 2000. Die Popmusik des neuen Jahrtausends würde dank ihres Hits „Believe“ ganz anders klingen. (Bild: Steve W. Grayson/Liaison)

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Cher im Jahr 2000. Die Popmusik des neuen Jahrtausends würde dank ihres Hits „Believe“ ganz anders klingen.

Der Satz „I can't break through“, bei dem der Effekt erstmals einsetzt, „verwandelt sich mit einem Mal in Kristall, als wäre die Sängerin hinter Milchglas verschwunden“, beschrieb der Pophistoriker Simon Reynolds was da mit einer der bekanntesten Stimmen der Popgeschichte passierte. Später intoniert Cher den Satz „So sad that you are leaving“ - nur klingt sie dabei eher wie ein von Herzschmerz geplagter Roboter statt nach einer Frau. Die androiden Qualitäten ihrer Stimme halfen der 1998 52-jährigen Sängerin dabei, sich im goldenen Zeitalter des Teenie-Pop - die Backstreet Boys waren allgegenwärtig, Britney Spears stand kurz vor ihrem Durchbruch - zu behaupten.

Als die Roboter das Weinen lernten

Der Song, der von der Zukunft nach dem Verlust einer großen Liebe handelt (“Do you believe in life after love?“, fragt Cher im Refrain), verband das zutiefst emotionale Thema Herzschmerz mit der Kälte eines Futurismus. Inszenierten sich die Elektro-Pioniere Kraftwerk noch als gefühlskalte Roboter, schien Chers Pendant einen Emotions-Chip implantiert bekommen zu haben. „Der Partner, dem die Sängerin in ihrem Hit hinterher weinte, war das 20. Jahrhundert“, wie es Reynolds ausdrückte.

Tatsächlich bestimmt Auto-Tune den Sound des 21. Jahrhunderts so sehr wie kaum eine andere Erfindung. Selbst Songs, denen man es nicht anhört, wurden mit der intendierten Tonhöhenkorrektur aufpoliert. Der Erfolg von charismatischen, stimmlich aber eher unflexiblen Popstars wie Katy Perry oder Rihanna wäre ohne Auto-Tune schwer vorstellbar gewesen.

Mut zur Künstlichkeit

Cher öffnete mit „Believe“ aber auch die Türe für eine künstlerisch deutlich spannendere Funktionsweise. Sie zelebrierte die Künstlichkeit des Tools und zeigte, dass Auto-Tune auch als eine Art Synthesizer für die Stimme verwendet werden kann. In der Rap-Welt erkennen Jay-Z, Migos und Kanye West die Möglichkeiten des Tools. Letzterer schrieb die Leidensgeschichte androider Pop-Stars, die Cher angefangen hatte, 2008 auf seinem Trennungsalbum „808s & Heartbreak“ weiter.

Für Cher, die Königin des Comebacks, sollte „Believe“ nicht nur die erfolgreichste Rückkehr innerhalb ihrer Karriere werden, sondern der Höhepunkt ihres Schaffens insgesamt. Den Erfolg ihrer einflussreichsten Single konnte sie nicht wiederholen. Das brauchte sie aber auch gar nicht: Ihr Platz in der Popgeschichte als die Frau, die der Stimme der Zukunft den Weg ebnete, ist ihr sicher. (tsch)

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