Zufall, oder nicht? Maria Furtwängler eröffnet mit dem starken „Tatort: König in Gelb“ die neue Saison des ARD-Klassikers und wird just an jenem Tag 60 Jahre alt. Im Interview spricht sie über das Altern geliebter Menschen, Demenz und was sie sich für ihre Rolle als Charlotte Lindholm noch wünscht.
Maria Furtwängler eröffnet die „Tatort“-Saison„Viele Leute haben panische Angst vor Demenz“

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Maria Furtwängler eröffnet mit dem „Tatort: König in Gelb“ die neue Primetime-Krimisaison am Sonntag im Ersten. Der Film funktioniert im Sinne eines Spannungsstücks und als Demenz-Drama. Welche Rolle spielt die Krankheit und die Angst vor ihr im Leben der an diesem Abend 60 Jahre alt werdenden Schauspielerin? (Bild: Magnus Winter)
Seit 2002 spielt Maria Furtwängler die „Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm. Schon seit geraumer Zeit schenkt sie ihren Fans nur noch einmal pro Jahr einen neuen Fall. Dieser ist nun ganz besonders: „Tatort: König in Gelb“ (Sonntag, 13. September, 20. 15 Uhr, Das Erste) aus der Feder des vielfach preisgekrönten Autors und Regisseurs Alexander Adolph eröffnet nicht nur die neue „Tatort“-Saison 2026/27 - er läuft auch am Tag des 60. Geburtstages Maria Furtwänglers. Zu dieser Koinzidenz wollte sich die Schauspielerin im Interview nicht weiter äußern. Clever ist das Thema des Krimis, der gleichzeitig als Spannungsstück funktioniert, aber auch ein Drama über das Vergessen ist. Denn nicht nur der Hauptverdächtige ist schwer an Demenz erkrankt, sondern auch ein von Andreas Lust gespielter Gastermittler, der einem mutmaßlichen Serienmörder schon lange auf Spur ist - und dem jetzt nicht mehr viel Zeit bleibt.

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Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) denkt im Film zum 60. Geburtstag der Darstellerin über das Altwerden und den möglichen Verlust der Lebenserinnerungen nach. Sowohl der Verdächtige als auch der Ermittler einer seit Jahrzehnten andauernden Mordserie sind mittlerweile dement. Bleibt noch Zeit für Aufklärung und Gerechtigkeit? (Bild: NDR/Frizzi Kurkhaus)
teleschau: Ihr „Tatort: König in Gelb“ ist nicht nur ein spannender Krimi, sondern auch ein Film über Menschen, die mit Demenz leben. Ist das auch ein wichtiges Thema für Sie?
Maria Furtwängler: Ich finde die Verknüpfung sehr gelungen. Wobei ich Demenz nicht als explizites Thema des Films sehe, sondern als zentralen Baustein eines sehr eigenwilligen Kriminalfalles. Ansonsten: Demenz geht uns alle an: Etwa zwei Millionen Deutsche sind davon betroffen. Tendenz: steigend. Auch mein Vater war an Demenz erkrankt - gegen Ende seines Lebens. Das war eine prägende Erfahrung für mich. Im Film bekommt Charlotte sofort den Impuls, ihre Mutter anzurufen, weil sie länger nichts von ihr gehört hat. Wir kennen das alle: Man hat Angst bei den Eltern oder auch mal bei sich selbst, ob das jetzt gerade normale Vergesslichkeit war oder ein erstes Zeichen für geistigen Abbau.
teleschau: Wie lässt es sich mit dieser Angst umgehen?

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Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) weiß nicht, ob sie im starken neuen „Tatort: König in Gelb“ überhaupt einen Mordfall vorliegen hat. Der Tod einer betagten Patientin im Demenzdorf weist Parallelen zu ungeklärten Serienmord-Fällen auf. Doch liegt der etwas spezielle Kollege Matthias Vogel (Andreas Lust) mit seinem Verdacht richtig? (Bild: NDR/Frizzi Kurkhaus)
Maria Furtwängler: Ich finde es sehr plausibel, wie der Autor und Regisseur Alexander Adolph das angelegt hat: Charlotte reagiert erst mal genervt bis wütend auf die Aussetzer bei ihrem Kollegen. Sie will ja etwas herausfinden und ist wie viele Hochleistungsmenschen eine ungeduldige Natur. Bis sie lernt, dass man wertschätzend mit dem umgehen sollte, was noch da ist. Das war auch bei meinem Vater und mir so. Sich über das zu ärgern, was verloren gegangen ist, finden wir frustrierend, und es macht uns wütend. Mit dem umzugehen, was man noch gemeinsam findet, schafft hingegen eine Verbindung - und es erfüllt uns. Mir gefällt, dass „König in Gelb“ nicht auf den Demenzkranken schaut wie auf ein krankes Insekt, sondern dass sich die Zuschauer, wie Charlotte es auch tut, den Figuren mit Demenz allmählich annähern können.
„Auch da ist noch ein Wollen und ein Sehnen im Leben“

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Der berühmte Musikpädagoge Gustav König (Thomas Thieme) ist schwer an Demenz erkrankt. Kann es sein, dass der Mann früher ein Doppelleben führte und als Serienkiller unterwegs war? Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) geht entsprechenden Hinweisen nach, die allerdings auch völlig falsch sein könnten. (Bild: NDR/Frizzi Kurkhaus)
teleschau: Wie groß ist Ihre Angst, selbst an Demenz zu erkranken?
Maria Furtwängler: Ich finde es gut, was meine Mutter im Film, die ja auch meine echte Mutter ist, im Drehbuch sagt: „Bitte erschieß mich, wenn ich das kriege“ (lacht). Es ist eine vielleicht nicht ganz ernst gemeinte, aber drastische Reaktion, die weit verbreitet ist. Viele Leute haben panische Angst vor Demenz. Und doch ist es auch Quatsch. Wenn man Menschen mit Demenz kennenlernt, spürt man: auch da ist noch ein Wollen und ein Sehnen im Leben. Es gibt Dinge und Momente, die auch mit Demenz erfüllend und menschlich berührend sind.
teleschau: Die meisten Menschen haben das Ziel, im Hier und Jetzt zu leben, aber vielen gelingt es nicht. Wie gut sind Sie im Genießen der Gegenwart?

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Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) schaut sich in der Musikschule König um, die der mittlerweile schwer demente Verdächtige einst gründete. Herr Miller (Matthias Bundschuh) führt das Werk des Musikpädagogen König dort fort. (Bild: NDR/Frizzi Kurkhaus)
Maria Furtwängler: Ich habe mal ein Zitat gelesen „the past is history, the future is mystery and the presence is present“. Wir sollten uns alle bemühen, so gut wie möglich in der Gegenwart und im Moment zu leben. Die können wir ganz klar am besten gestalten. Die Vergangenheit können wir gar nicht mehr beeinflussen und die Zukunft nur mit vielen Fragezeichen. Auch ich denke zu oft an die Zukunft. So wie die meisten Menschen, die aktiv sind und viele Projekte auf dem Tisch haben. Man muss aber aufpassen, dass einem das ewige Planen nicht den Spaß am eigentlichen Leben nimmt. Ich versuche gern, dem mit Meditation und Sport zu begegnen. Beides ist sehr gegenwärtig.
„Die Lust auf gut erzählte Geschichten wird immer bleiben“

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Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler, rechts) spricht mit ihrem beurlaubten Kollegen Matthias Vogel (Andreas Lust) vor der Haustür, als ihre Mutter Annemarie (Kathrin Ackermann) überraschend auftaucht. Es ist der erste Auftritt der mittlerweile 88-jährigen echten Mutter von Maria Furtwänglers in dieser Rollen seit längerer Zeit. (Bild: NDR/Frizzi Kurkhaus)
teleschau: „König in Gelb“ist der Auftakt zur neuen „Tatort“-Saison. Die Krimireihe steht wie kaum etwas anderes fürs klassische Fernsehen. Jüngere bis mittelalte Menschen schauen immer weniger fern. Sind die Tage des Mediums gezählt?
Maria Furtwängler: Egal, wie die Welt sich verändert - die Lust auf gut erzählte Geschichten wird immer bleiben. Menschen brauchen Geschichten. Menschen wollen glaubwürdige Charaktere kennenlernen, sie wollen berührt und unterhalten werden. Auf welcher Plattform wir diese Geschichten sehen, ist dabei letztlich egal.
teleschau: Sie würden sich auch in der Mediathek wohlfühlen?

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Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) schaut sich in der Wohnung - und damit dem Leben - ihres am Demenz erkrankten Kollegen um. Wie verlässlich sind seine „Erkenntnisse“ noch? (Bild: NDR/Frizzi Kurkhaus)
Maria Furtwängler: Ich bin ein großer Fan der öffentlich-rechtlichen Mediatheken und verbringe dort viel Zeit. Allein das Angebot herausragender Dokumentationen ist, glaube ich, auch im internationalen Vergleich einmalig. Als große Naturfreundin schaue ich dort zum Beispiel oft Filme aus diesem Bereich.
„Charlotte und ich verstehen uns weiterhin sehr gut!“
teleschau: Wie lange wird das Publikum Sie noch als Charlotte Lindholm sehen?
Maria Furtwängler: Charlotte und ich verstehen uns weiterhin sehr gut! Ich verfolge nicht den Plan, auf ihr Ende hinzuarbeiten. Gemeinsam haben wir noch viel zu entdecken und zu erzählen.
teleschau: Wünschen Sie sich etwas für Ihre Figur? Möchten Sie mit Charlotte noch etwas Bestimmtes erleben?
Maria Furtwängler: Ja, ich denke mir manchmal, wenn ich ihr so zuschaue, dass sie doch ein recht einsamer Mensch ist. Daher wünsche ich ihr noch mal eine neue Liebe. Die muss auch nicht gleich wieder problematisch sein, sondern darf sich einfach gut anfühlen. (tsch)
