Nach einer Reihe von Komödien widmet sich „Kommissarin Lucas“-Darstellerin Ulrike Kriener ernsten Themen: In „Nichts wie weg“ (Montag, 9. November, ZDF) spielt sie eine an Alzheimer erkrankte Pianistin, die Sterbehilfe in Anspruch nehmen möchte. Ohne Humor geht das allerdings nicht ab.
„Ich kann mir vorstellen, dass dieses Leben einfach immer so weitergehen soll“Ulrike Kriener im Interview

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„Den Ruhestand, in dem ich nur rumsitze, nur reise, koche oder mich mit mir beschäftige, den habe ich nie angestrebt“: Schauspielerin Ulrike Kriener (beim Deutschen Schauspielpreis 2023) ist weiterhin sehr umtriebig. (Bild: 2023 Getty Images/Ben Kriemann)
Gut drei Jahre, nachdem sich ihre bekannteste Figur, „Kommissarin Lucas“, pensionieren ließ, verbringt Schauspielerin Ulrike Kriener einen langen Urlaub auf Lanzarote. Ein paar Wochen ohne Verpflichtungen tun ihr gut, sagt sie, doch die Zeit für ein Inteview nimmt sie sich gerne. Entspannt wirkt die Schauspielerin, zufrieden, und trotzdem nah dran an dem, was seit knapp 50 Jahren ihr Beruf ist. Ihr neuer Film „Nichts wie weg“ (am Montag, 9. November, 20.15 Uhr, im ZDF, vorab im Stream) hallt in ihr nach: Die 71-Jährige spielt Luise, eine an Demenz erkrankte Pianistin, die sich für Sterbehilfe entscheidet. Ein ernstes Thema, jedoch „mit heiteren Tönen“, wie die gebürtige Bottroperin betont, die sich nach 20 Jahren als Kommissarin vor allem der Komödie widmen wollte. Im Gespräch wird schnell deutlich, dass ein Ruhestand im klassichen Sinn für die vielseitig interessierte Mimin nicht infrage kommt: Neue Projekte stehen an - nicht zu viele, eher ein „dezentes Programm“.
Was, wenn der Schmerz zu groß wird?
teleschau: Wann haben Sie zuletzt gedacht „Nichts wie weg“?
Ulrike Kriener: (lacht) Ich bin im Moment auf Lanzarote, und bevor ich gefahren bin, habe ich auch gedacht, nichts wie weg. Ich war in diesem Jahr nicht viel unterwegs, insofern bin ich ganz froh, dass ich tatsächlich mal weg bin.
teleschau: Sie lieben bekanntlich das Reisen und wollten sich nach 20 Jahren „Kommissarin Lucas“ viel Zeit dafür nehmen. Was hat Sie zuletzt davon abgehalten?

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Schauspielerin Ulrike Kriener strotzt vor Energie: „Ich kann mir vorstellen, dass dieses Leben einfach immer so weitergehen soll. Ich fände es ein Geschenk, wenn ich die Möglichkeit habe, noch arbeiten zu können, irgendwo dazu gerufen zu werden, mich mit einem Thema beschäftigen zu können und gleichzeitig auch die Zeit und die Möglichkeit zu haben, mal zu verreisen oder nichts zu tun.“ (Bild: 2023 Getty Images/Gerald Matzka)
Ulrike Kriener: Wir sind innerhalb von München umgezogen, und damit ist ja immer viel Arbeit verbunden. Wir wollten uns wohnungstechnisch verkleinern. Ein Haus bedeutet auch viel Arbeit. Das brauchen und wollen wir nicht mehr.
teleschau: In einem vorherigen Gespräch sagten Sie, Sie würden sich zukünftig gern auf Komödien konzentrieren. „Nichts wie weg“ behandelt mit großen Themen wie Demenz, Verlust und Sterbehilfe keinen klassischen Komödienstoff. Was hat Sie daran gereizt?
Ulrike Kriener: Genau diese Mischung. Mir hat der Stoff sehr gut gefallen. Die Rolle ist passend für mein Alter und für die Beschäftigung mit Verlust, Abschied, Sterben und Vergänglichkeit. Es war für mich ein großer Antrieb, diesen doch ernsten Stoff mit heiteren Tönen zu machen. Wenn solche Themen nur ernst und schwer verhandelt werden, verschreckt man die Menschen eher mit diesem Thema. Wir alle weichen da doch gern aus.
teleschau: Sie haben sich nicht das erste Mal damit beschäftigt, sondern zuvor schon in „Ein großer Aufbruch“. Wenn Sie mit Luise, Ihrer Figur, die sich aufgrund ihrer Demenz für Sterbehilfe entschieden hat, sprechen könnten, was würden Sie ihr sagen?
Ulrike Kriener: (überlegt) Ich könnte nicht so ad hoc sagen: „Lass es, bleib hier“, weil ich den Schmerz nicht ermessen kann, den es bedeutet, wenn das ursprüngliche Ausdrucksmittel, die Verbindung zur Welt, nämlich bei Luise die Musik, verloren geht. Wenn der Schmerz darüber so groß ist, dass der Lebensmut versiegt, wie kann ich als Außenstehende wagen, das zu beurteilen und zu sagen: „Nein, guck doch mal auf deine Tochter und auf deine tollen Enkelkinder.“ Ich glaube, dass der Verlust der Möglichkeit, mit den Menschen, die man liebt, Verbindung einzugehen, egal, welche Sprache man dafür benutzt, ganz und gar entsetzlich ist.
teleschau: Wie stehen Sie selbst zum Thema Sterbehilfe?

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Ulrike Kriener liebt es trotz ihrer 71 Jahre, zu besonderen Projekten dazu gerufen zu werden. „Nichts wie weg“ ist eins davon. (Bild: ZDF / Christine Schroeder)
Ulrike Kriener: Das ist schwierig zu sagen. Gerade wir hier in Deutschland haben mit dem Thema eine schlimme Vergangenheit. Ich finde, genauso wie unsere Gesetzgebung es sagt, dass es ein Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben gibt.
Pizza backen mit Alzheimerpatienten
teleschau: Sie sind katholisch erzogen worden und fühlen sich dem Glauben nahe, auch wenn Sie nicht mehr in der Institution sind. Die Katholiken lehnen Sterbehilfe ab.
Ulrike Kriener: Es ist ein Dilemma, weil ich das Leben, das wir haben, immer auch als ein geschenktes empfinde. Ein Kind zu bekommen, Leben geben zu können, ist ein Geschenk, und als das habe ich persönlich es auch immer erlebt. Dementsprechend ist es nicht so einfach zu sagen, dass man das aus der Hand geben und dieses Leben beenden kann, das ja nicht nur meines ist. Auf der anderen Seite sehe ich aber auch das Recht darauf, sich selbst entscheiden zu können, wenn eben der Schmerz am Leben durch Krankheit oder Ähnliches zu groß geworden ist.
teleschau: Kennen Sie jemanden, der sich für Sterbehilfe entschieden hat?
Ulrike Kriener: Ich kenne niemanden, der in die Schweiz gefahren wäre. Aber ich hatte Freunde, die sich das Leben genommen haben. Ich selbst kann oder möchte mir das gar nicht vorstellen. Die Einsamkeit bei so einem Entschluss macht mir Angst. Der Ansatzpunkt für mich in diesem Film ist das Thema Alzheimer: die Verbindungslosigkeit zur Welt, die sich immer mehr entwickelt, und wie es Luise damit geht. Dieses Leiden der Frau, den Weg vor ihrer Entscheidung, den wollte ich natürlich nachvollziehen können.

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In „Nichts wie weg“ nimmt die demenzkranke Luise (Ulrike Kriener, rechts) Abschied von ihrer Tochter Hannah (Katrin Röver). (Bild: ZDF / Christine Schroeder)
teleschau: Wie sah die Vorbereitung auf die Rolle aus?
Ulrike Kriener: Ich war in der Münchner Gesellschaft für Alzheimer-Erkrankte, wo ich viele Informationen bekam. Ich konnte einen Tag mit den Patienten verbringen, wir haben Pizza gebacken und zusammen gegessen. Mit minder erkrankten Menschen konnte ich mich auch unterhalten, aber auch andere sehen, wie sie ihren Stimmungen ausgeliefert waren. Außerdem gab es auch in meiner Familie einen Alzheimer-Kranken, der aber inzwischen verstorben ist. Ich habe mich mit dem Thema sehr viel mehr beschäftigt.
teleschau: Sind Sie von den Patienten erkannt worden?
Ulrike Kriener: Nein, gar nicht. Es war eine Tagesstelle, wo die Menschen betreut sind, auch um die Angehörigen mal zu entlasten. Die Familienmitglieder können mitkommen, aber auch mal etwas anderes machen, denn es ist eine kräftezehrende Pflegesituation. Ich habe mich mit Ehrenamtlichen viel über das Thema Alzheimer und Musik unterhalten. Wenn alles Mögliche vergessen worden ist, ist die Musik das, was am längsten bleibt. Ein Mitarbeiter erzählte mir, dass er eine Frau, die ganz in sich verschlossen war, wieder ans Klavier gesetzt hat, als er mitbekam, dass sie früher gespielt hatte. Die Musik, die alten Volkslieder, oder eben wenn Menschen schon früh Instrumente gelernt haben: all das kann ihnen noch Glück und ein Sicherheitsgefühl geben. Aggression und Unsicherheit kommen meist aus Angst der an Alzheimer erkrankten Menschen. Die Erklärung, wie Musik und Alzheimer verbunden sind, das war wichtig für mein Spiel.
„Affenmusik“ war verboten
teleschau: Man sieht Sie im Film Klavier spielen. Spielen Sie ein Instrument?

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Seit rund 50 Jahren ist Ulrike Kriener, hier mit Tamara Romera Ginés, im Filmgeschäft eine bekannte Größe. (Bild: ZDF / Christine Schroeder)
Ulrike Kriener: Nein, im Film habe nicht ich gespielt. Ich habe gelernt, wie man sich am Klavier bewegt, und am Ende hat es eine Klavierspielerin gemacht. Als Kind habe ich Gitarrenunterricht gehabt, aber als mein Gitarrenlehrer die für die damalige Zeit modernen Songs als „Affenmusik“ abgelehnt hat, ist mein Interesse vergegangen. So waren die Lehrer früher. Heute sind sie zum Glück nicht mehr so.
teleschau: Ein weiterer Hauptdarsteller im Film war Esel Rosi. Arbeiten Sie gern mit Tieren?
Ulrike Kriener: Rosi war bezaubernd, aber ich habe sie kaum mitbekommen, weil sie meistens mit Tamara durch die Gegend gelaufen ist. Natürlich war sie beim Unfall am Anfang des Films da. Es ist auch gar nicht so einfach, einen Esel dazu zu kriegen, das zu tun, was man von ihm will. Er gilt als eigenwilliges Tier, aber ich halte es für ein besonders kluges Tier, weil es genau einschätzt, welche Situation für ihn Sicherheit verspricht und welche nicht. Was er nicht überschaut, das mag er nicht, und dann lässt er es eben.
teleschau: Hatten Sie mal ein besonderes Erlebnis mit einem Esel?
Ulrike Kriener: Mein Mann hat mal eine große Eselwanderung mit unserem damals neunjährigen Sohn von München bis Garmisch gemacht. Sie hatten den Esel geliehen, ihre Rucksäcke auf seinen Rücken gepackt und sind dann losgewandert. Vorher stand der Esel ein paar Tage bei uns im Garten, bis es losging. Es war bezaubernd! Ich konnte leider nicht mit, ich habe damals gedreht. Aber mein Mann hatte die Idee mit der Eselwanderung, und sie gehört heute noch zu unseren großen Familiengeschichten, an die wir uns alle sehr gern zurückerinnern.
teleschau: Nach Ihrem Umzug gibt es dann wohl keinen Garten mehr, in dem der Esel stehen könnte?

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Schauspielerin Ulrike Kriener hat ein Herz für Esel, besonders für „Rosi“. Mehr Szenen mit dem sympathischen Grautier in „Nichts wie weg“ hatte allerdings Tamara Romera Ginés (rechts) . (Bild: ZDF / Christine Schroeder)
Ulrike Kriener: Nein, das ist jetzt vorbei. Der muss jetzt woanders stehen.
Ein unaufgeregtes Leben auf Lanzarote
teleschau: Sie sagten letztes Mal, nach „Kommissarin Lucas“ sei jetzt endlich mehr Zeit zum Reisen und andere schöne Dinge. Wie sieht ein perfekter arbeitsfreier Tag bei Ihnen aus?
Ulrike Kriener: Der perfekte Tag sieht eigentlich so aus, dass ich am Vormittag so vor mich hinpussele, lese, manchmal ein bisschen Sport mache, und dass ich hier auf Lanzarote im Garten rumwusele, wenn es nicht zu heiß ist. Dann gehe ich vielleicht mit einer Freundin schwimmen, wandern oder ins Fitnesscenter. Wir kochen hier, wir treffen Freunde, ein sehr unaufgeregtes Leben, und das ist sehr schön so. Wir bleiben auch noch länger hier.
teleschau: Gibt es trotzdem weitere berufliche Pläne?
Ulrike Kriener: Ich werde demnächst einen Zweiteiler drehen. Ende Februar lese ich dann im Kloster Beuerberg den „Kohelet“. Eine Weihnachtslesung habe ich auch noch vor mir, in Bad Wörrishofen. Im Literaturhaus stelle ich das neue Buch von Dacia Maraini vor, der italienischen Reporterin und Literatin. Dezentes, aber abwechslungsreiches Programm, ich passe auf, dass es nicht zu viel wird. Es soll sich gut anfühlen. Aber ich bin nach wie vor interessiert und freue mich über Angebote.
teleschau: Das klingt, als wäre der Ruhestand auch mit über 70 Jahren kein Thema?
Ulrike Kriener: Ach, das ist für mich der Ruhestand! Ich kann mir vorstellen, dass dieses Leben einfach immer so weitergehen soll. Ich fände es ein Geschenk, wenn ich die Möglichkeit habe, noch arbeiten zu können, irgendwo dazu gerufen zu werden, mich mit einem Thema beschäftigen zu können und gleichzeitig auch die Zeit und die Möglichkeit zu haben, mal zu verreisen oder nichts zu tun. Warum sollte ich mit diesem Leben aufhören? Den Ruhestand, in dem ich nur rumsitze, nur reise, koche oder mich mit mir beschäftige, den habe ich nie angestrebt.
teleschau: Was möchten Sie den Leserinnen und Lesern noch ans Herz legen?
Ulrike Kriener: Weil wir gerade über die schwereren Themen gesprochen haben: Dazu hat Doris Dörrie gerade einen wunderbaren Film gemacht: „Frau Winkler verlässt das Haus“. Der beschäftigt sich auch mit Heiterkeit mit den schmerzhaften Seiten des Alters und hat mit Angela Winkler eine wunderbare Schauspielerin in der Hauptrolle. Und auch der Film „Lieblingsmenschen, Agnes und Amir“ mit Katharina Thalbach in der Hauptrolle, behandelt das Thema Alter und Einsamkeit auf sehr humorvolle und mutmachende Weise. Beide möchte ich unbedingt empfehlen, außerdem spiele ich bei „Lieblingsmenschen“ mit. (tsch)
