Autorin Elke Heidenreich hat mit uns über die Verfilmung ihres Buches, das sie einst mit dem Ex schrieb und ihre Kindheit gesprochen.
Elke Heidenreich„Ich komme aus einem toxischen Elternhaus“

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11.09.2026 Köln. Interview mit Elke Heidenreich. Foto: Alexander Schwaiger

Schöne Aussichten für die Fangemeinde der Kölnerin Elke Heidenreich (83). Am 8. Oktober 2026 startet die Verfilmung ihres Bestsellers „Alte Liebe“ (geschrieben mit Ex-Ehemann Bernd Schroeder, verfilmt mit dem wunderbaren Gespann Dagmar Manzel und Joachim Król) in den Kinos.
Am 23. Oktober ist sie mit ihrem 28 Jahre jüngeren Lebensgefährten Marc-Aurel Floros (Pianist) und dem Programm „Neulich im Himmel“ in der Philharmonie. Und es gibt ein neues Buch von ihr: In „Ach, eine Fanfare!“ (Hanser Verlag, 26 Euro), stellt sie Dichter vor, die sie begleitet, gerettet und getröstet haben. Viele Gründe für ein Treffen im „Bistro Verde“ in Köln-Rodenkirchen.
Elke Heidenreich: Gerührt von ihren „Alten Liebe“
„Alte Liebe“ mit Dagmar Manzel und Joachim Król ist ab Donnerstag in den Kinos. Der Film ist nach Ihrem Buch gedreht worden – zufrieden mit dem Ergebnis?
Elke Heidenreich: Das ist großartig gelungen. In dieser lauten, turbulenten Welt so ein Kammerspiel – nur ein altes Paar, das nach 40 Jahren Ehe versucht, seine Liebe und seine kaputten Träume zu retten, und versucht, darüber nicht bitter zu werden. Regisseur Andreas Dresen hat das wunderbar, liebevoll gedreht.
Waren Sie am Film beteiligt?
Elke Heidenreich: Nein, ich habe erst vor wenigen Wochen davon erfahren. Ich habe das Buch vor 15 Jahren mit meinem damaligen Mann Bernd Schroeder geschrieben. Es sollte schon damals verfilmt werden. Doch weil man sich nicht einigen konnte, bin ich irgendwann ausgestiegen und habe die Rechte verkauft: Macht damit, was ihr wollt!
Sie haben „Alte Liebe“ bereits gesehen. Und wie war das Wiedersehen mit dem Stoff von damals?
Elke Heidenreich: Ich war sehr angerührt. Obwohl die Geschichte nicht eins zu eins ist, fühlte ich mich an vieles aus meinem Leben erinnert. Wie die beiden bei allen Schlägen und Enttäuschungen, die sie erfahren haben, miteinander umgehen – so war es auch bei Bernd und mir. Wir haben uns viel bekracht, aber es war immer auch eine tiefe Grundbasis von Liebe da. Es hat mit unserer Ehe nicht gut funktioniert, wir haben uns getrennt – sind aber Freunde geblieben.

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Mit „Alte Liebe“ (hier die Hauptdarsteller Dagmar Manzel und Joachim Król) kommt ein Stoff jetzt ins Kino, den Heidenreich einst mit ihrem Ex-Mann schrieb.
Beim Blick zurück: Enttäuscht, dass es mit der ewigen Liebe nicht geklappt hat?
Elke Heidenreich: Nein. Ich wollte in meinem Leben nie eine feste, verpflichtende, endgültige Bindung haben. Nie eine lebenslange Ehe, nie Kinder, nie eine feste Anstellung. Ich wollte immer so frei wie möglich sein.
Der Start von „Alte Liebe“ fällt mit dem Ihres Buches „Ach, eine Fanfare!“ zusammen. Worum geht’s?
Elke Heidenreich: Ich denke, mit dem Buch „Ach, eine Fanfare!“ werde ich viele enttäuschen. Es sind keine schönen Geschichten, wie ich sie sonst schreibe, vielmehr ist es eine Zusammenstellung von Texten, die ich in den letzten 40 Jahren über Schriftsteller und Bücher geschrieben habe, die mir im Leben geholfen haben. Diese Texte waren mal in einer Zeitung zu lesen oder in einem Vortrag zu hören, und lagen dann ungelesen und ungehört auf dem Speicher. Das hat mir wehgetan. Deswegen habe ich ein Buch draus gemacht.
Was bedeutet der Titel?
Elke Heidenreich: Es stammt von Gottfried Benn, dessen Gedichte mir in der Pubertät sehr wichtig waren. Die Fanfare sollte mir sagen, wo es im Leben langgeht. Benns Gedichte haben mir den Weg raus aus meinem toxischen Elternhaus gewiesen.
Elke Heidenreich: „Ich kannte Wärme im Elternhaus gar nicht‘“
„Toxisches Elternhaus“, was meinen Sie damit?
Elke Heidenreich: Es war bei mir das klassische Elternhaus der Nachkriegszeit: Armut, enge Wohnungen, kaputte Ehen, hart gewordene Mütter, die keine Kinder wollten, zerstörte Väter, die aus Krieg oder Gefangenschaft zurückkamen. Die Kinder wurden meist lieblos durch diese Zeit gezerrt, der Wiederaufbau war wichtiger. Ich habe früh gespürt, dass ich weg muss. Ich habe meine Eltern nicht verurteilt – ich habe sie nur nicht verstanden. Dieses Verständnis kam erst später.
Haben Sie Wärme und Liebe, die so wichtig für Kinder sind, vermisst?
Elke Heidenreich: Nein, denn ich habe gar nicht gewusst, dass es so etwas gibt, ich kannte ja nichts anderes. Erst durch das Lesen habe ich gemerkt, dass es auch andere Leben gibt, dass es Menschen gibt, die liebevoll miteinander umgehen, und dann habe ich gelitten. Dann wusste ich, dass ich aus diesem Elternhaus weg muss. Das habe ich mit 15 geschafft, bin dann acht Jahre nicht mehr zurückgekommen. Die Literatur hat mich gerettet.
Wie ist das Lesen in Ihre Welt gekommen?
Elke Heidenreich: Meine Mutter hat früh gemerkt, dass ich gern lese und mich mit Büchern versorgt, denn das lesende Kind ist das pflegeleichte Kind. Das sitzt still in der Ecke, bereitet keinen Kummer und liest. Es ist dann aber später das schwierigere Kind, weil es sich aus seiner Umgebung weg in eine andere Welt liest, da wird es aufsässig und gibt Widerworte. So war es bei uns.

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Elke Heidenreich im September 2026 im Gespräch mit EXPRESS-Reporter Horst Stellmacher in Köln-Rodenkirchen.
Gibt es ein Buch, das das Buch Ihres Lebens geworden ist?
Elke Heidenreich: Nein. Bücher haben ihre Zeit im Leben. Es gibt Bücher, die sind ganz wichtig, wenn man sie das erste Mal liest, sie öffnen einem die Augen für die Welt, für Leidenschaften, für Gefühle – und dann ist es gut und man liest dass nächste. Ich brauche in jedem Alter andere Bücher, denn ich entwickle mich ja weiter. Es gibt nur ein Buch, das mir ein Leben lang wichtig war – das ist die Gedichtsammlung „Der ewige Brunnen“ mit 1000 deutschsprachigen Gedichten aus zwölf Jahrhunderten, die alle paar Jahre aktualisiert wird. Es wäre das Buch, das ich mit auf die einsame Insel nähme.
Hat Ihr Lebenspartner denselben Büchergeschmack wie Sie?
Elke Heidenreich: Nein, er liest überhaupt nicht das, was ich lese. Der liegt neben mir im Bett, studiert Partituren von „Tannhäuser“ oder musikwissenschaftliche Bücher. Wenn ich ihm sage, er solle doch mal T. C. Boyle oder was anderes Gutes lesen, antwortet er „Ja, ja, ja“ – macht es aber nicht.
Hilft er im Haushalt mit?
Elke Heidenreich: Ich glaube, er weiß nicht einmal, wo die Mülltonne steht. Er ist bei uns der Träumer, der Künstler, ich bin viel taffer als er. Ich bin überhaupt schneller und direkter und viel unternehmungslustiger. Ich muss ihn immer mitzerren.
Am 23. Oktober haben Sie mit „Neulich im Himmel“ einen gemeinsamen Auftritt in der Philharmonie. Was passiert da?
Elke Heidenreich: Ich lese Geschichten aus meinem Buch „Neulich im Himmel“, viele davon aus meiner „romantischen Trilogie“, den Büchern, die während der Corona-Zeit entstanden sind. Und Marc-Aurel Floros spielt Klavier dazu.

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Elke Heidenreich und ihr Lebensgefährte Marc-Aurel Floros gemeinsam auf der Bühne, hier in Essen, bald in Köln.
Gutes Gefühl, mit dem Lebenspartner auf der Bühne zu stehen?
Elke Heidenreich: Aber ja, es ist toll. Wir haben großes Vertrauen ineinander. Er in meine Texte, ich in seine Musik. Wir sprechen vorher kaum etwas miteinander ab, und trotzdem ist noch nie was schiefgegangen.
Können wir zum Schluss noch etwas privat werden?
Elke Heidenreich: Aber ja, fragen Sie.
Sie haben sich im Frühjahr in Italien bei einem Sturz die Schulter gebrochen. Wie geht’s damit?
Elke Heidenreich: Die Schulter ist geheilt, der Schmerz ist weg. Ich kann mich allerdings immer noch nicht so bewegen wie früher, die Muskeln und Sehnen sind noch gezerrt. Wenn man alt wird, hat man ja immer irgendwas: Ich bin gestürzt, weil ich nicht mehr ganz sicher auf den Beinen bin, und das ist so, weil ich so schlecht sehe. Meine Augen werden immer schlechter.
Hat das Auswirkungen auf Ihren Beruf?
Elke Heidenreich: Hat es. Ich habe mir ganz starke Lesebrillen machen lassen. Mein Arzt hat mir gesagt: „Entweder werden Sie sehr alt, und sind dann blind. Oder Sie werden nicht so alt, dann können Sie bis zum Schluss sehen!“ Schöner Trost!
Hinterlässt das Alter seine Spuren?
Elke Heidenreich: Ja, die Kräfte lassen nach. Ich bin aber klar im Kopf, das möchte ich mir bis zum Schluss erhalten. Ich fühle mich gut, habe keine Angst vorm Sterben. Es ist doch toll, dass das Leben demokratisch für jeden irgendwann zu Ende ist. Jetzt bin ich 83 und unendlich dankbar für mein Leben. Gelebt in einem demokratischen Land, ohne Krieg. Viel geliebt, mit meinem Talent, das nur mittelmäßig ist, so viel Erfolg gehabt! Deswegen werde ich, wenn ich da liege, denken: Ja! Schönes Leben gehabt! Ich weiß, der Rest wird schwer – aber irgendwann ist es vorbei. Und dann ist auch gut.
Elke Heidenreich lebt ohne linken Lungenflügel
Elke Heidenreich, geborene Riegert, erblickte am 15. Februar 1943 in Korbach das Licht der Welt. Aufgewachsen in Essen, Abi in Bonn. Studium der Germanistik, Publizistik, Theatergeschichte und Religion in München, Hamburg und Berlin. Seit 1970 Autorin, Kritikerin und Literaturvermittlerin, seit 1975 begleitet sie die Kabarettfigur Else Stratmann („schnoddrige Metzgersgattin aus Wanne-Eickel“).
Von 1978 bis 1983 moderierte sie den „Kölner Treff“ (als Nachfolgerin von Alfred Biolek). 1992 feierte sie ihr literarisches Debüt mit „Kolonien der Liebe“. Von 2003 bis 2008 ZDF-Literatursendung „Lesen!“. 1966 wurde ihr aufgrund einer schweren Lungenkrankheit der linke Lungenflügel entfernt. Sie war mit Schriftsteller Gert Heidenreich (82), dann mit Schriftsteller Bernd Schroeder (1944 - 2023) verheiratet. Lebt seit 2005 mit dem Hamburger Pianisten und Komponisten Marc-Aurel Floros (55) in Köln.
