In der Comedy-Reportage „Deutschland, ich küss dein Herz“ reist TikToker und Autor Tahsim Durgun mit seiner Tante durch die Republik. Welche Orte ihm besonders im Kopf geblieben sind und wie es zum gemeinsamen Roadtrip kam, verrät er im Interview.
Content-Creator Tahsim Durgun im Interview„Der Ton ist schärfer und skrupelloser geworden“

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Tahsim Durgun studierte Germanistik und Geschichte auf Lehramt, als er mit einem Video über Kommaregeln viral ging. Seither thematisiert er auf seinen Accounts die deutsche Sprache, aber auch die kurdische Kultur. (Bild: Lina Tesch)
Eigentlich wollte Tahsim Durgun Lehrer werden. Doch inzwischen hat der 30-Jährige aus Oldenburg mit humorvollen Videos auf Social Media mehrere hunderttausend Followerinnen und Follower gesammelt. Seit mehreren Jahren thematisiert er mit meist stoischer Mine auf seinen Profilen seine Kindheit und Jugend in seiner kurdischen Familie und seine Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung. Darüber schrieb Durgun auch in seinem Buch „Mama, bitte lern Deutsch“ (2025), das schnell zum Bestseller wurde.
Jetzt geht er mit seiner Tante Zeynep in der Comedy-Reportage „Deutschland, ich küss dein Herz“ (alle Folgen ab Donnerstag, 3. September, in der ARD-Mediathek, je zwei Folgen am 3. und 10. September, 23.50 Uhr, im Ersten) auf Deutschlandreise. In sechs Folgen geht es von Durguns Heimatstadt Oldenburg aus in den höchsten Norden, in den tiefsten Süden und sogar nach Mallorca. Dabei gehen Tante und Neffe mit einem Kleingartensheriff in Leipzig auf Streife, spielen mit Klaas Heufer-Umlauf Minigolf und machen mit „Tatort“-Star Edin Hasanovic einen Schauspielkurs in Weimar. Im Interview zum neuen Format verrät der Grimme-Online-Preisträger Durgun in gewohnt ruhiger Art, was ihn beim Roadtrip besonders überraschte.
teleschau: Herr Durgun, reisen Sie lieber alleine oder mit Freunden und Familie?
Tahsim Durgun: Sehr gerne alleine. Das habe ich dieses Jahr für mich entdeckt: Dinge alleine tun macht Spaß, auch wenn es ehrlicherweise Überwindung kostet.
teleschau: In „Deutschland, ich küss dein Herz“ waren sie allerdings mit Ihrer Tante Zeynep unterwegs ...
Durgun: Ich habe noch nie etwas gemacht, was zugleich so schön, aber auch so kräftezehrend war. Nach unserer Reise sperrte ich mich erst mal ganz lange zu Hause ein.
„Konnte ganz lange wegen bürokratischer Angelegenheiten nicht reisen“

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Mit seiner Tante Zeynep macht sich Tahsim Durgun in einer neuen Comedy-Reportage auf einen Reise durch Deutschland. (Bild: WDR/Philipp Pongratz/Nils Reuter/Hintergrund KI-generiert)
teleschau: Wie kamen Sie auf die Idee zu „Deutschland, ich küss dein Herz“?
Durgun: Das Ganze begann schon vor zwei Jahren. Damals setzte ich mich mit den Leuten der bildundtonfabrik zusammen. Gemeinsam grübelten wir über eine Formatidee - ganz unabhängig von einem Sender. Dabei war von vornherein klar, dass es etwas mit Deutschland zu tun haben muss, weil ich in meinen Videos zuvor schon hier und da politisch geworden bin, aber auch das Land und die deutsche Sprache thematisiert und zentriert habe. Gleichzeitig musste es irgendwie die Brücke zu meiner Kultur, meiner Familie und zu meiner kurdischen Identität schlagen.
teleschau: In der ersten Folge werden sie direkt von Ihrer Mutter dazu verdonnert, Ihre Tante mitzunehmen ...
Durgun: Das basiert auf echten, einprägenden Erfahrungen von mir. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass man von der kurdischen Mutter verdonnert wird, irgendeiner Tante - von der man noch nie etwas gehört hat - etwas mitzubringen oder irgendetwas mit ihr zu unternehmen. Ich teile mit der Tante Zeynep vielleicht nicht das gleiche Blut, aber in kurdischen Kulturkreisen ist nicht viel notwendig und man ist schnell Teil einer Familie.
teleschau: Sind Sie in Ihrer Kindheit und Jugend viel mit Ihrer Familie verreist?
Durgun: Ich konnte früher ganz lange wegen bürokratischer Angelegenheiten nicht reisen. Wenn nach den Sommerferien alle von ihrem Familienurlaub auf irgendwelchen Nordseeinseln oder am Mittelmeer berichteten, da konnte ich nicht mitreden. Mein Reise-Highlight in der Kindheit war, dass ich meinen Onkel auf dem Bauernhof im Umkreis von Hannover besuchte. Mittlerweile hole ich das aber alles nach. Letztes Jahr war ich zum Beispiel in Japan.
„Ich war so perplex darüber, was für eine Naturgewalt dieses Land doch hat“
teleschau: Auf Ihrem Roadtrip waren Sie unter anderem beim Minigolfen und beim Hobby-Horsing. Haben Sie da neue Hobbys für sich entdeckt?

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Von Norddeutschland geht es für Tahsim Durgun und Tante Zeynep in „Deutschland, ich küss dein Herz“ in den Westen, den Süden, in den Osten, nach Mallorca und schließlich nach Berlin. (Bild: WDR/Nikita Schleicher)
Durgun: Ich gehörte zu all denjenigen, die sich über Hobby-Horsing lustig gemacht haben. Aber diese Community und diese kleinen Mädchen, die haben es faustdick hinter den Ohren und sind nicht zu unterschätzen. Ich habe schon so einige Völkerballturniere im Sportunterricht verloren, aber so geschämt wie vor den Augen dieser achtjährigen Mädchen, habe ich mich selten. Sie ließen mich deutlich spüren, dass ich noch sehr viel zu lernen habe.
teleschau: Gab es Orte, die Sie ebenso überraschten?
Durgun: Durch „Deutschland, ich küss dein Herz“ bin ich zur Erkenntnis gekommen, dass Deutschland sehr viel zu bieten hat und man auch hierzulande gut Urlaub machen kann. Ich hatte beispielsweise noch nie vom Schliersee in Bayern gehört. Als wir dort waren, kam ich zwischen See und Bergen jedoch aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich war so perplex darüber, was für eine Naturgewalt dieses Land doch hat. Meine Tante und ich sind in dem Ort - Schliersee ist zwar touristisch, aber eher klein - ziemlich aufgefallen, aber trotzdem würde ich am liebsten jedes Jahr dorthinfahren, weil es so wunderschön war.
teleschau: Und wie waren die Menschen auf Ihrem Roadtrip?
Durgun: Im Süden brauchten die Leute ziemlich lange, bis sie uns gegenüber auftauten. In Leipzig ging es hingegen grob zu, da gibt's keine Gefühlsduselei und man kommt direkt auf den Punkt. Das hat mir gefallen.
„Ich war schon als Kind gerne kreativ“
teleschau: Sie hatten Lehramt studiert und sind jetzt Content Creator. Wie kam es dazu?
Durgun: Ich war schon als Kind gerne kreativ und habe Menschen zum Lachen gebracht, aber dieser Weg war nie eine bewusste Entscheidung. Das Ganze begann etwa 2023. Aus Langeweile haben Kommilitonen und ich uns ein lustiges Video ausgedacht, das Kommasetzungsregeln TikTok-tauglich erklärte. Das war das erste Video, das ich online stellte, und es ging direkt viral. Von da an entwickelte sich eine Routine und das Lehramtsstudium rückte immer mehr in den Hintergrund. Ich lud wöchentlich neue Videos hoch, es meldeten sich die ersten Studios und Produktionsfirmen. Da verstand ich: Ich kann diese Passion von mir zu einem Standbein aufbauen. Ich durfte mein erstes Buch schreiben, darf jetzt mein erstes TV-Format entwickeln und meinen Podcast machen. Ich bin sehr, sehr glücklich, dass ich an diesem Punkt bin.

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„Ich bin auch privat eher der ruhige und zurückhaltende Typ und nicht die Rampensau, die den ganzen Laden mit Elan am Laufen hält“, erklärt Tahsim Durgun im Interview. (Bild: Lina Tesch)
teleschau: Was sagt Ihre Familie zu Ihrem doch ungewöhnlichen Beruf?
Durgun: Meine Geschwister waren schon sehr früh am Start. Meine Eltern interessierte es am Anfang, als es nur die Videos waren, gar nicht, weil es nicht deren Lebenswelt entsprach. Als dann vor einem Jahr mein erstes Buch herauskam, nahmen sie es richtig ernst, denn da wurde auch das mediale Interesse größer. Mittlerweile stehen sie alle hinter mir.
teleschau: In Ihren Videos sind Sie meistens stoisch ruhig. Sind Sie auch abseits der Kamera so?
Durgun: Ja, ich bin auch privat eher der ruhige und zurückhaltende Typ und nicht die Rampensau, die den ganzen Laden mit Elan am Laufen hält. Trotzdem bin ich jemand, mit dem man - das hört sich jetzt boomermäßig an - Pferde stehlen kann. Und ich habe den lustigsten Freundeskreis der Welt, die bekommen es hin, dass ich vor Lachen fast weine. Andersherum bringen mich vor allem Ungerechtigkeiten im Alltag und Diskriminierung aus der Fassung und machen mich wütend.
„Mittlerweile muss man dieser Entwicklung schlicht ins Auge blicken“
teleschau: Diskriminierung erfahren Sie auch in den Kommentaren unter Ihren eigenen Videos. Wie gehen Sie damit um?
Durgun: Ich habe mir schon sehr früh vorgenommen, es nicht an mich heranzulassen, weil es einfach nicht guttut. Man muss Diskriminierung nicht aushalten, egal welchen Beruf man ausübt. Diskriminierung gehört sich einfach nicht, sei es im echten Leben oder im Internet. Wenn ich darauf reagiere, dann nutze ich diese Kommentare zu meinen Gunsten und mache Videos und Comedy daraus. Aber sonst gebe ich ihnen keine Aufmerksamkeit.
teleschau: Haben solche Kommentare zugenommen?

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Am Schliersee in Oberbayern sei er aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen, erzählt Tahsim Durgun im Interview. (Bild: WDR/Daniel Nguyen)
Durgun: Ja. Nicht nur auf meinem Kanal, es hat in der Gesellschaft und im Internet allgemein zugenommen. Der Ton ist schärfer und skrupelloser geworden.
teleschau: Macht Ihnen die Entwicklung Sorgen?
Durgun: Wenn Sie mich vor vier Jahren gefragt hätten, hätte ich auf jeden Fall gesagt: „Ja, ich habe Sorgen.“ Aber mittlerweile würde ich weniger von Sorge als von einer drückenden Gewissheit sprechen. Wir müssen dieser Realität ins Auge sehen und daran arbeiten, dass es wieder besser wird.
„Wenn das nicht wäre, könnte ich auf den ganzen Zirkus verzichten“
teleschau: Sind Sie in dieser Hinsicht ein Wegweiser in die richtige Richtung oder ein Vorbild für Ihre Followerinnen und Follower?
Durgun: Es wäre völlig anmaßend, mich selbst als Vorbild oder Wegweiser zu beschreiben. Aber ich weiß natürlich, dass ich mit meinem Content viele Menschen erreichen kann. Wenn ich hier und da den Leuten in Sachen Rassismus und Diskriminierung oder aus meiner eigenen Erfahrung etwas mitgeben kann, dann mache ich das sehr gerne.
teleschau: Für viele junge Menschen sind sie jedoch genau das - ein Vorbild.
Durgun: Das ist die größte Ehre. Die Formate, die ich vorher angesprochen habe, sind natürlich toll, aber das, was mich tatsächlich vorantreibt, ist, was meine Arbeit mit den Menschen macht. Wenn das nicht wäre, wäre all das für mich deutlich weniger wert. Ich brauche es nicht, um glücklich zu sein. Die Reaktionen, die ich insbesondere von jungen Menschen und vor allem von jungen kurdischen Menschen bekomme, sind das Wichtigste. Es motiviert mich, immer weiterzumachen - auch wenn ich vielleicht beim Schreiben meines nächsten Buchs gerade kurz vorm Verzweifeln bin.
„Politik auf keinen Fall“
teleschau: Worauf kommt es Ihnen bei diesem Buch und auch bei Ihren Videos an?
Durgun: Mir ist bei den Geschichten, die ich erzähle wichtig, dass es humorvoll ist. Gleichzeitig bemühe ich mich, eine Brücke zur Tragik und zu weniger leicht verdaulichen Themen zu bauen, die sehr oft weg ignoriert werden.
teleschau: Eine dieser Geschichten, Ihr Buch „Mama, bitte lern Deutsch“, wird bald verfilmt. Wie sehr sind Sie bei diesem Projekt involviert?
Durgun: Ich habe vor allem Dingen in kulturellen Fragen und wenn es darum ging, kurdische und jesidische Identität sichtbar zu machen, mit dem Team vom Film zusammengearbeitet. Aber auch, wenn es um einzelne Figuren ging. Beim Schreiben dachte ich schließlich nie, dass „Mama, bitte lern Deutsch“ mal verfilmt wird, deswegen musste im Skript die ein oder andere Sache für das neue Medium angepasst werden. Jetzt beginnen bald die Dreharbeiten und finden unter anderem hier in Oldenburg statt. Da werde ich selbstverständlich am Set vorbeischauen. Nicht als Kontrolleur, sondern einfach, um in die Filmwelt einzutauchen.
teleschau: Geht es für Sie in Zukunft in der Filmwelt weiter? Oder doch in einem Klassenzimmer oder vielleicht in der Politik?
Durgun: Politik auf keinen Fall. Den Lehrerberuf würde ich nicht ausschließen. Ich gehe dahin, wo das Leben mich hintreibt. Diese Einstellung hat mich gut bis hierhergebracht, so möchte ich weitermachen. Ich durfte bislang schon so viel erleben und so viele tolle Dinge umsetzen, dass es auch okay wäre, wenn es jetzt damit aufhört. Trotzdem habe ich natürlich den ein oder anderen Wunsch und kleine Visionen, aber meinen Fokus lege ich auf das Hier und Jetzt. (tsch)
