In die Bulimie gemobbt „Big Brother”-Kandidat Pat führte als Teenie ein Doppelleben

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Big-Brother-Kandidat Pat hat in seiner Kindheit und Jugend eine schwere Phase durchgemacht. Er wurde gemobbt und litt an Bulimie. 

Hannover/Köln – Er war einer von 14 Kandidaten, die ab dem 10. Februar 2020 für mehrere Monate unter ständiger Beobachtung von „Big Brother“ standen. 

Seine Geschichte kam dabei auch zur Sprache, denn Trauredner Pat (31) hat eine bewegte und bewegende Zeit hinter sich. Von Schulkameraden gemobbt, wurde er in die Bulimie getrieben. 

EXPRESS traf den heute 31-Jährigen bereits vor seiner Teilnahme bei „Big Brother” im Rahmen einer großen Sucht-Serie. Dies ist seine Geschichte.

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Big Brother 2020: Kandidat Pat kämpfte gegen Bulimie

„Ich lag völlig entkräftet auf dem Boden neben der Kloschüssel, hab kaum noch Luft bekommen, hatte Tränen in den Augen, nicht vor Trauer, sondern vom Würgen.“

Vor mir sitzt ein attraktiver junger Mann, schlank, die Arme mit bunten Tattoos versehen, die Haare perfekt gestylt. In seinen schlimmsten Zeiten hat er sich bis zu fünfmal am Tag übergeben. Sich regelrecht die Seele aus dem Leib gekotzt.

„Ich habe in Kauf genommen, zu ersticken“, sagt er heute. Als Pat mir vom Tiefpunkt seiner Bulimie erzählt, ist er selbst geschockt.

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Pat litt in seiner Jugend und im frühen Erwachsenenalter an Bulimie. Seine Essstörung hat er jahrelang vor Freunden und Familie geheimgehalten. 

Sein größter Wunsch war doch nur, endlich abzunehmen, endlich dünn sein. Er hält inne, schaut nachdenklich auf den Holztisch, an dem wir bei ihm zu Hause sitzen, als ich ihn frage, wie es so weit kommen konnte.

„Ich bin immer dicker und dicker geworden”

Angefangen, sein Essen zu erbrechen, hat er mit 14. In dieser Zeit wiegt Pat zwischen 115 und 118 Kilogramm. Bei einer Größe von vielleicht 1,70 Metern. „Ich habe immer total viele Süßigkeiten gegessen. Meine Eltern waren überhaupt nicht streng mit mir, was das anging. Ich bin immer dicker und dicker geworden.“

In der Schule war er für viele nur die „fette Sau“, „Schwabbel“ oder der „Schwabbelarsch“. Erst waren es nur dumme Sprüche, dann schlugen sie zu. Ein Außenseiter war Pat trotzdem nie.

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Mit circa 14 Jahren hatte Pat sein Höchstgewicht erreicht. Zu diesem Zeitpunkt wiegt er zwischen 115 und 118 Kilogramm. 

Er hatte immer Freunde. Besser gesagt Freundinnen. „Das fanden die Jungs komisch. Allein das hat mich schon in eine Mobbingopfer-Rolle gedrängt. In der 7. Klasse haben dann die ersten zugeschlagen. Einfach nur, weil ich dick war.“

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Das Mobbing seiner Mitschüler trieb Pat als Jugendlicher in die Bulimie.

Vor der Schule haben sie auf ihn gewartet, an der Bushaltestelle abgefangen, auf dem Heimweg aufgelauert. Besonders ein Erlebnis wird Pat nie vergessen. „Ich saß an einer Bushaltestelle und ein paar der Jungs sind mit der Straßenbahn an mir vorbeigefahren, haben mich gesehen und sind dann extra ausgestiegen und zu mir gekommen. Dann haben sie mich so zusammengeschlagen, dass ich ins Krankenhaus kam.“

Seinen Eltern sagte Pat, es sei eine Prügelei mit anderen Jungs gewesen. Sie haben es geglaubt.

Es ist eine Flucht aus dem Alltag. Ein Weglaufen vor Problemen. Aber die werden mit einer Sucht nur noch vergrößert. Oft endet sie sogar tödlich. Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 120.000 Menschen an den Folgen ihres Tabakkonsums, weitere 21.000 an den Auswirkungen schädlichen Alkoholkonsums, und etwa 1300 Todesfälle sind laut des Drogen- und Suchtberichts 2018 der Drogenbeauftragten der Bundesregierung direkt auf den Konsum illegaler Drogen zurückzuführen.

Im Zeitalter der Digitalisierung rücken zusätzlich suchtbezogene Risiken der Internetnutzung in den Fokus. Das Thema Sucht ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig – und trotzdem noch immer ein verschwiegenes. Im EXPRESS sprechen Betroffene, Ärzte und Überlebende – denn alle können mithelfen, gegen Süchte zu kämpfen.

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Letzter Ausweg: schnell abnehmen, egal wie

Irgendwann sah der heute 31-Jährige nur noch einen Ausweg: ganz schnell abnehmen, egal wie. Er dachte: „Wenn ich schnell dünn werde, dann hören sie auf, mich zu schlagen, dann haben sie ja keinen Grund mehr. Und da ich es mit Diäten schon oft probiert hatte, die aber nie angeschlagen haben, weil ich nicht diszipliniert genug war, kam ich irgendwie auf das Erbrechen.“

Das Erschreckende: Pats Plan ging auf. Je mehr er abnahm, desto weniger wurde das Mobbing. Irgendwann hörten seine Mitschüler auch auf, ihn zu schlagen. Pat: „Joa, und ich hab dann immer mehr gekotzt.“

Pat geriet in einen gefährlichen Teufelskreis

Dann kamen die ersten Komplimente: „Mensch, du hast ja richtig abgenommen“, „Oh, du wirst ja immer schlanker“. Ein Teufelskreis.

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Auf diesem Foto sieht man deutlich, dass Pat durch seine Essstörung schon viel an Gewicht verloren hatte.  

„Einmal habe ich neben anderem Zeug auch einen ganzen Sack Pommes in die Fritteuse gehauen und übergossen mit Mayo und Ketchup. Es war eine einzige Ketchup-Mayo-Pommes-Suppe. Das hab' ich alles in mich reingestopft und danach nur noch gebrochen, gebrochen, gebrochen. Bis nur noch Magensäure kam.

Am Ende war es nicht mehr ein Finger, es wurden zwei Finger, dann drei, und dann habe ich versucht, meine ganze Hand in den Hals zu stecken, damit mein Würgereflex wiederkommt.“

Seine Bulimie hat er jahrelang verheimlicht

Pat führte knapp vier Jahre ein Doppelleben. Um seine Krankheit vor den Eltern zu verbergen, wurde er immer erfinderischer.

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Pats Mutter († 2013) wusste vier Jahre nichts von der Bulimie ihres Sohnes. Als sie davon erfährt, entschied sie mit Pat, dass er sich in eine Therapie begibt.

Wenn sie zu Hause waren, ging er freiwillig mit dem Hund Gassi, um sich im Wald zu übergeben. Vorher steckte er sich eine Klorolle in die Hose. Ein Rucksack wäre zu verdächtig gewesen, sagt er.

Wenn Rausgehen keine Option war, hat er sich in seinem Zimmer übergeben. In Mülltüten. Pat hatte sein Zimmer im Keller, mit eigenem Bad, aber ohne Toilette. Die Tüten hat er im Schrank gehortet und erst weggebracht, wenn er alleine war.

„Irgendwann kam ich nicht mehr hinterher, diese Tüten wegzubringen. So kam das raus. Meine Mutter hat sie gefunden.“ Pat ist zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt. Nach dem ersten Schock haben die beiden zusammen beschlossen, dass Pat in eine Klinik für Essgestörte geht. Allerdings hielt er es später nur eine Woche dort aus.

„Ich schaff' das auch alleine”

„Ich hatte zu diesem Zeitpunkt meinen ersten richtigen Freund, neue Freunde. Ich wollte einfach nicht sechs Wochen dort feststecken. Und ich hab diese magersüchtigen Mädchen gesehen, die im Rollstuhl saßen, sich nicht mehr bewegen konnten, abgemagert bis auf die Knochen, kaum noch Haare auf dem Kopf, weil durch die ganze Mangelernährung alles ausgefallen ist. Kaum noch Zähne im Mund, weil sie sich die Zähne nicht mehr geputzt haben aus Angst, durch die Zahnpasta Kalorien aufzunehmen.“

Eine Frau bat ihn, eine Briefmarke für sie anzulecken, weil sie Angst vor den Kalorien der Briefmarke hatte. Pat: „Das war ein Moment, wo ich dachte: Wo bin ich hier gelandet? So bin ich nicht. So schlecht geht es mir nicht. Ich schaff' das auch alleine.“

Stabiles Umfeld und Liebe waren seine Rettung

Da Pat inzwischen volljährig war, hat er sich selbst entlassen. Er war sicher: Seinen Platz könnte jemand anderes haben, der es nötiger hat. „Die haben zu mir gesagt, jeder Suchtkranker behauptet, er schafft es auch alleine, nur ich wusste ganz genau, ich kann das wirklich.“ Und er behielt Recht.

Pats großes Glück war sein stabiles Umfeld. Heute sagt er: „Es klingt total banal und simpel, aber es war wirklich mein neuer Freund, der mich da rausgeholt hat. Vor allem er hat mir gezeigt, was für ein wertvoller Mensch ich bin. Mobbing hat zum ersten Mal gar keine Rolle mehr in meinem Leben gespielt. Keine Beleidigung, nichts. Mich hat keiner mehr komisch angeguckt, meine Homosexualität war für jeden in Ordnung, es war einfach alles gut.“

„Ich bin heute noch essgestört”

Pats damaliger Freund hat ihm sein Selbstwertgefühl zurückgegeben. „Er hat mir gezeigt, dass das bisschen Speck an meinen Hüften und am Bauch, was für andere kaum sichtbar war, völlig belanglos ist.“

Obwohl er die Bulimie lange überwunden hat, weiß Pat: „Ich bin heute noch essgestört und werde es auch in 20 Jahren noch sein. Ich zähle immer Kalorien. In meinem Alltag drehen sich 50 Prozent meiner Gedanken um meine Figur.

Von 365 Tagen im Jahr gucke ich vielleicht eine Woche in den Spiegel und sage: geile Sau! Den Rest der Zeit sag’ ich vielleicht okay, ich bin nicht hässlich oder ich fühle mich wohl. Aber es gibt keinen Tag, an dem ich nicht Angst habe, dick zu werden. Das hat sich festgesetzt, auch nach über 10 Jahren.“ 

Pat leistet Aufklärungsarbeit auf Social Media:

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„Früher war der Druck schlank zu sein nur im echten Leben groß. Erst als ich dünner wurde, wurde ich in der Schule beliebter. In der heutigen Zeit geschieht all das zusätzlich in den sozialen Medien. Menschen posten bearbeitete Bilder, die jungen Leuten suggerieren, sie seien perfekt. Auch das kann eine Essstörung hervorrufen. Ich leiste auf YouTube und Instagram (@patjabbers) seit Jahren Aufklärungsarbeit zum Thema Homosexualität und Outing – und möchte nun mit meiner Geschichte auch auf Essstörungen aufmerksam machen.”

Ess-Anfälle sind meist nur ein Ventil

„Die tatsächliche Häufigkeit von Essstörungen in der allgemeinen Bevölkerung ist nicht gut untersucht“, sagt Professor Dr. med. Christian Albus, seit 2005 Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Uniklinik Köln.

„Typische Erkrankung im jungen Erwachsenenalter”

„Wir wissen auch nicht, wie viele Leute Essstörungen alleine überwinden.“ Was wir aber wissen: An Bulimie erkranken am häufigsten Menschen zwischen dem 17. und 24. Lebensjahr. Vor allem Frauen. Bulimie ist also eine typische Erkrankung im jungen Erwachsenenalter.

Albus: „Da steht an: Das Lösen von der Familie, das Eingehen von intimen Beziehungen, das Zurechtfinden in einer Welt, die durchaus herausfordernd ist.“

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Prof. Dr. Christian Albus arbeitet seit über 25 Jahren mit essgestörten Menschen. Seit 2005 ist er Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Uniklinik Köln. 

Die Bulimie geht häufig mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen einher. Bei der Krankheitsentstehung kommen verschiedene Faktoren zusammen.

Laut der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, kurz AWMF, „scheinen genetische Faktoren, aber auch familiäre Einflüsse und die psychische Entwicklung in Kindheit und Jugend bedeutsam zu sein“.

Auswahl an Beratungsstellen für Betroffene und Angehörige

Diakonie Michaelshoven: Pfarrer-te-Reh Str. 7, 50999 Köln, Tel.: 0221 - 29 45 108
Lobby für Mädchen e. V.: Fridolinstraße 14, 50823 Köln, Tel.: 0221 - 45 35 56 50
s.t.a.r.k. Suchtvorbeugung: Paul-Humburg-Str. 7, 50737 Köln, Tel.: 0221 - 74 16 43
Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie (Uniklinik Köln): Kerpener Str. 62, 50931, Tel.: 0221 - 478 4103 

Selbstwertkrisen spielen besondere Rolle

Albus: „Die Frage ist also: Was ist das Problem des Patienten, wofür die Essstörung eine Lösung sein soll?“

Selbstwertkrisen spielen dabei eine besondere Rolle. Ein Essanfall sei laut Albus nur ein Ventil, „innere Spannung zu reduzieren“. Eine Mischung von Heißhunger, zum Beispiel nach dem Hungern, und „Ich fühl mich grausam schlecht“.

Ist Bulimie eine Sucht?

Bulimie (Bulimia nervosa) wurde erst im Jahr 1980 von der American Psychiatric Association als eigenständige Erkrankung anerkannt. Vorher galt die Essstörung, im Volksmund auch als Ess-Brechsucht bekannt, als Variante der Magersucht.  Auch wenn Bulimiker nicht von einer Substanz abhängig sind, weisen sie suchtähnliche Verhaltensweisen auf, erklärt Professor Dr. Christian Albus von der Uniklinik Köln. Bei den substanzgebundenen Abhängigkeiten wie etwa Alkohol finden Regulierungsprozesse des Belohnungssystems im zentralen Nervensystem statt. Wenn man schaut, wie sich bei Bulimikern Anspannung und Zufriedenheit regulieren, also was belohnend für deren zentrales Nervensystem ist, könne auch ein Essanfall oder etwa exzessives Fasten eine starke „Belohnung” oder zumindest „eine Neutralisierung stark-belastender Gefühle” darstellen, sagt Albus.


Bei einer Fressattacke werde Nahrung regelrecht „vernichtet“: „Ein echter Kontrollverlust. Teilweise 6000, 8000 Kilokalorien auf einen Rutsch.“ Und schon beginnt der Teufelskreis.

Meist haben Bulimiker Normalgewicht

Hinterher verspüre der Betroffene große Scham und Angst, dick zu werden. Also tut er etwas, um die Kalorien wieder loszuwerden. Neben Erbrechen kann das exzessiver Sport sein, das Einnehmen von Abführtabletten etc.

Ein aufmerksames Umfeld sei daher wichtig. „Manchmal ist es auch der Zahnarzt, der eine Verdachtsdiagnose stellt, weil die Zähne durch das Erbrechen geschädigt sind.“ In der Regel sehe man Bulimikern die Krankheit nicht an, weil sie meist „ein schlankes Normalgewicht“ haben.

Einige Warnzeichen und Tipps für Angehörige gibt es trotzdem, wie Christian Albus im Video erklärt. 

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