„Alle zwei Minuten packt ein Deutscher seine Koffer und geht. Das ist ein Warnsignal.“ Der „Jenke. Report. Raus aus Deutschland“ sucht nach Gründen - und findet an Auswanderer-Traumzielen allzu bekannte Debatten vor.
Auf die „Warum“-Frage sagt deutsches Auswanderer-Paar„Die Stimmung im Land hat sich verändert“

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Rafael und Christina haben mit ihren Töchtern den Schritt nach Zypern gewagt. (Bild: Joyn / ProSieben)
Länger als zwei Wochen waren Rafael und Christina nie am Stück auf Zypern. Dennoch haben der Fitnesstrainer und die Kosmetikerin beschlossen, mit ihren beiden Töchtern in den Inselstaat auszuwandern. Ihr Haus mit Garten in Mülheim an der Ruhr ist schon verkauft. Restzweifel? „Ein Prozent“, kommt die selbstbewusste Ansage beim Besuch von ProSieben-Reporter Jenke von Wilmsdorff. Der befragt das Paar für die am Donnerstag ausgestrahlte Doku mit dem Titel: „Raus aus Deutschland - Warum immer mehr Deutsche auswandern“.
2025 haben 290.000 Deutsche das Land verlassen. „Die meisten von ihnen sind unter 40 Jahre alt und hoch qualifiziert“, lernt man in der Doku. Über die Frage, warum sie gehen, müssen Rafael und Christina nicht lange grübeln. „Für mich war der Hauptgrund, dass sich die Stimmung im Land sehr, sehr stark verändert hat“, sagt Rafael. Politisch wolle er nicht zu sehr ins Detail gehen. „Aber man macht sich doch schon große Sorgen, was hier passiert.“
„So viele Behörden, Bürokratie ohne Ende“
Auf Zypern wollen die beiden ohne jegliche Gastro-Erfahrung ein deutsches Grill-Restaurant eröffnen. Das sei kein Hexenwerk. „Wir wollen noch mal was aufbauen. Das ist in Deutschland schwieriger“, sagt Christina. Egal in welcher Branche, die Hürden für Selbstständige seien hoch: „Da sind so viele Behörden, Bürokratie ohne Ende.“

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Jenke von Wilmsdorff erforscht, ob ausgewanderte Deutsche im Ausland glücklicher sind, unter anderem an der Algarve in Portugal. (Bild: Joyn / ProSieben)
Ein Selbstläufer wird der Neustart am Mittelmeer zwar nicht, wie die Reportage später schildert. Aber starke Beweggründe auszuwandern haben die beiden längst nicht exklusiv. Vor allem in der jüngeren Generation sind sie verbreitet, wie der Jugendforscher Simon Schnetzer vor der Kamera erläutert: „21 Prozent der 14- bis 29-Jährigen in Deutschland haben konkrete Pläne, ins Ausland zu gehen, 41 Prozent können es sich vorstellen. Mit diesem Befund haben wir gemerkt, das ist kein Nischenthema, das ist ein echtes Problem.“
Als wichtigstes Thema konnte der Forscher die Sorge um den Wohlstand identifizieren. Krieg, Inflation, Mietkosten ... Vieles drückt die Stimmung. Schnetzer gibt den Tenor der von ihm befragten jungen Deutschen wieder: „Wir haben doch eigentlich alles gemacht, was wir tun sollten, um gute Perspektiven zu haben, aber wir haben gemerkt, es ist alles viel schwieriger geworden.“
Deutsche Physiotherapeutin verdient in der Schweiz 8.500 Euro statt 2.500 Euro
Top-Auswanderungsziel der Deutschen ist seit vielen Jahren die Schweiz. Jenke von Wilmsdorff trifft hier eine deutsche Physiotherapeutin, die 8.500 Euro statt wie früher 2.500 Euro brutto verdient. Da hält sich das Heimweh nach dem Schwarzwald in Grenzen.
Jenny und Marcel geben an, dass sie in ihren Jobs jeweils das Zweieinhalb- bis Dreifache verdienen im Vergleich zum deutschen Lohn-Niveau. Trotz höherer Lebenshaltungskosten in der Schweiz ergibt das einen deutlichen Wohlstandszuwachs. Allerdings sorgt der Zuzug von Arbeitskräften aus dem Nachbarland auch für Ressentiments bei den Einheimischen. Der Tenor sei: „Die Deutschen nehmen uns die Arbeitsplätze weg zu Gehältern, die wir nicht annehmen würden“, berichtet Marcel. Das schüre Spannungen. Jenny hat gelernt: „Man ist nicht 100-prozentig Teil der Schweizer Gesellschaft. Und wird's auch nie sein.“
Schweizer beklagt: „Vollgestopfte Straßen, weniger Wohnraum, Schulen am Limit“
Im Juni fiel die Zuwanderungs-Begrenzungs-Initiative „Keine 10-Millionen-Schweiz!“ bei der Volksabstimmung mit 45,21 Prozent zu 54,79 Prozent durch. Jenke von Wilmsdorff trifft den Landwirt Domenik Ledergerber, der die Initiative unterstützt hat. Ledergerber ist Mitglied der rechtspopulistischen SVP und bekennt sich zur Schweiz als Zuwanderungsland. Allein: Der Zustrom sei viel zu groß. „Vollgestopfte Straßen, weniger Wohnraum, Schulen am Limit“ seien die Folge. Und ein Niedergang der regionalen Kultur: „Ihr bringt diese Mentalität nicht so mit“, sagt er zum Besucher aus dem Nachbarland. „Das Dorfleben geht kaputt.“
Wilmsdorff hält dagegen: „60 Prozent eurer Angestellten im Pflegebereich sind EU-Ausländer.“ Werde deren Zuzug gebremst, „wird auch bei euch der Fachkräftemangel ein Riesen-Problem“. Die Debatte kommt einem allzu vertraut vor. Und sie schlägt den Bogen zurück nach Deutschland, wo inzwischen auch 35 Prozent der Menschen mit Einwanderungsgeschichte überlegen, wieder zu gehen - auch „in Reaktion auf das Erstarken der AfD“, wie die Soziologin Friederike Römer erklärt. (tsch)
