Das Taubertal-Festival in Mittelfranken gilt als eines der schönsten MusikfestivalsDeutschlands. Anfang August findet es zum 30. Mal statt. Gründer Volker Hirsch erklärt im Interview, wie sich kleinere Festivals gegen die Giganten behaupten können und warum das Indierock-Event in Rothenburg ob der Tauber gleich mehrere Regeln der Branche erfolgreich bricht.
30 Jahre Taubertal-Festival„Wir bleiben menschlich, idyllisch und überschaubar“

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Die Atmosphäre zählt: „Den ganzen Wahnsinn multipler Bühnen und vieler paralleler 'Activities' wollten wir nie mitmachen“, sagt Taubertal-Festival-Gründer Volker Hirsch: „Wir bleiben menschlich, idyllisch und überschaubar.“ (Bild: Sebastian Goeß / Taubertal-Festival)
Von Donnerstag, 6., bis Sonntag, 9. August, findet zum 30. Mal das Taubertal-Festival im mittelfränkischen Rothenburg ob der Tauber statt. Das Indierock-nahe Event zählt auch dank seiner außergewöhnlichen Location zu den stimmungsvollsten Musikfestivals Deutschlands. Einmal mehr ist das Programm mit Acts wie Feine Sahne Fischfilet, Sportfreunde Stiller und Sido so bunt wie erlesen. „Dass die Jubiläumsausgabe bereits Wochen vor Festivalbeginn vollständig ausverkauft ist, unterstreicht eindrucksvoll den besonderen Stellenwert des Festivals“, heißt es nun stolz in einer aktuellen Mitteilung der Veranstalter. Im Interview erklärt Gründer und Organisationschef Volker Hirsch, wie sein Team und er es schafften, einen eigentlich unmöglichen Spielort mit alles andere als zeitgemäßen Methoden am Leben zu erhalten - und wie eine ganze Region von diesem Konzept profitierte.
teleschau: Wie feiern Sie das 30-Jahre-Jubiläum?
Volker Hirsch: Unser Motto lautet „Feiern mit Freunden“. Dafür haben wir bewusst Acts gebucht, zu denen wir in den letzten 30 Jahren eine besondere Beziehung aufgebaut haben. Wir hoffen darauf, dass wir damit auch ein bisschen das Publikum der letzten 30 Jahre mit ins Boot holen. Wir haben uns ohnehin schon immer als generationsübergreifendes Familienfestival gesehen. Dabei sind Donots, Feine Sahne Fischfilet, Sportfreunde Stiller, Itchy, Royal Republic, SDP oder auch Biffy Clyro, die zum Beispiel von sich aus als internationale Band erklären, dass wir zu ihren Lieblingsfestivals gehören. Genauso wie die Dropkick Murphys. Es wird auf jeden Fall sehr familiär in diesem Jahr.
„Wie ein Clubkonzert unter freiem Himmel“

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Der 1972 geborene Musifan Volker Hirsch gründete vor 30 Jahren das Taubertal-Festival. Mittlerweile gelten die sommerlichen Indierock-Tage in Mittelfranken als eines der außergewöhnlichsten Musik-Festivals Deutschlands. Wie erschafft man ein Musik-Event, das sich von anderen unterscheidet? (Bild: privat)
teleschau: Was macht das Taubertal-Festival besonders?
Hirsch: Das Festival findet in einem unfassbar idyllischen Tal statt, von dem Außenstehende den Rest des Jahres niemals annehmen würden, dass dort im August eine solche Veranstaltung stattfindet. Natürlich macht uns diese Idylle auch logistische Probleme, die wir aber wegen der besonderen Atmosphäre gern in Kauf nehmen. Viel einfacher wäre es natürlich, das Festival auf einem Messegelände zu organisieren. Durch die enge Tallage haben wir einen Soundvorteil. Das Taubertal klingt eigentlich wie ein Clubkonzert unter freiem Himmel. Nicht nach Open Air, wo sich der Sound ja gern mal in den Weiten verliert. Trotzdem ist das Draußensein ungeheuer präsent. Von der Hauptbühne blickt man hinauf in die historische Altstadt von Rothenburg ob der Tauber. In alle anderen Richtungen schaut man auf Bäume und grüne Hügel. Es ist ein sehr romantischer Ort, der fast wie eine Fototapete wirkt. Aber ich schwöre, es ist alles echt (lacht).
teleschau: Ist die Enge des Tals ein Problem?

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Gern gesehener Gast beim Taubertal-Festival: Ingo Knollmann, Sänger der Donots (2015 beim WIR Open Air in München). (Bild: 2015 Getty Images/Hannes Magerstaedt)
Hirsch: Es führt nur eine schmale Straße dorthin, über die alles transportiert werden muss. Und natürlich ist der Platz fürs Publikum begrenzt. Seit 1998 waren wir immer ausverkauft. Längst sind wir bei der Maximalkapazität von 15.000 Festival-Gästen pro Tag angekommen. Übers Wochenende kommen etwa 30.000 Menschen. Wir können und wollen das nicht weiter hochfahren. Und natürlich müssen auch Campingplätze wegen unserer besonderen Lage ein Stück weiter weg aufgesucht werden. Die Leute nehmen all das aber super an. Es war ja auch nie anders bei uns.
„Es bewahrt einen davor, immer größer und vielleicht auch größenwahnsinnig zu werden“
teleschau: Ist es frustrierend, wenn man nicht weiter wachsen kann?
Hirsch: Ich finde es in Ordnung so. Das ist eben der Preis für einen besonderen Ort und den besonderen Ansatz. Es bewahrt einen davor, immer größer und vielleicht auch größenwahnsinnig zu werden. Wir arbeiten stattdessen an einer anderen Form des Wachstums, indem wir die Qualität für die Besucher immer weiter steigern wollen. Durch bessere An- und Abreiselogistik, besseres Catering und natürlich gute Musik.

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Ein Idyll: Der Campground in Rothenburg ob der Tauber. (Bild: Florian Trykowski / Taubertal-Festival)
teleschau: Wie hat sich die Festival-Kultur in den letzten 30 Jahren verändert?
Hirsch: Natürlich gibt es neue Acts und Stile. Das Konzerterlebnis an sich ist dem von vor 30 Jahren aber nicht unähnlich. Mal abgesehen davon, dass wir heute etwas größer sind als in den ersten Jahren. Hinter den Kulissen ist es heute jedoch ein anderes Geschäft. Es existieren mittlerweile sehr viel mehr Festivals als früher. Als unabhängiger Veranstalter hätten wir mittlerweile als Anfänger keine Chance mehr, an die größeren Acts heranzukommen. Viele Festivals sind heute mit Booking-Agenturen und Ticket-Sale-Portalen konzernartig verbandelt. Dies führt dazu, dass dort Pakete geschnürt werden, die man als unabhängiger Veranstalter gar nicht so oder so ähnlich präsentieren könnte. Wir schaffen unser gutes Programm nur, weil wir über 30 Jahren viele persönliche Beziehungen zu Künstlern und deren Umfeld aufgebaut haben.
„Wir sehen auch einen Kulturauftrag“
teleschau: Das Taubertal gilt als eines der eher bezahlbaren Festivals in Süddeutschland. Wie schaffen Sie es, die Ticketpreise im Rahmen zu halten?
Hirsch: Indem wir nur so viel nehmen, wie wir wirklich brauchen, um die Künstler und jene Leute zu bezahlen, die für uns arbeiten. Es war uns auch schon immer ein Anliegen, günstige Jugendtickets anzubieten. Bei uns zahlt man im Alter von 12 bis 16 Jahren nur die Hälfte, also knapp 100 Euro, für alle vier Festivaltage. So etwas ist eher ungewöhnlich in unserem Metier. Außerdem wollen wir die Region einbinden - und wir sehen auch einen Kulturauftrag: Rothenburg und Umgebung leiden unter Landflucht und Strukturschwäche. Da ist das Taubertal schon ein Highlight, auf das sich alle übers Jahr freuen. Wir versuchen, möglichst viele Helfer aus jungen Leuten hier aus der Region zu rekrutieren, zumeist sind es Ferien-Jobler. Die jungen Leute bekommen so einen Bezug zu ihrer Heimat und werden meist auch zu Fans des Festivals.
teleschau: Versuchen Sie auch, lokale Künstler zu fördern?
Hirsch: Wir bauen immer einige Slots für regionale Newcomer ein, vor allem sehen wir uns aber als Förderer des Nachwuchses allgemein. Mit dem Emergenza-Festival, dem größten Newcomer-Wettbewerb der Welt, haben wir seit langem eine enge Kooperation. Jedes Jahr findet bei uns das Welt-Finale statt. Es gibt dafür eine eigene Bühne. Wir bringen die Nachwuchs-Acts aber auch auf die Hauptbühne. Unser ganzes Konzept besteht darin, dass man sich nicht oft zwischen zwei Bühnen entscheiden muss. Alle Bands, die auf dem Plakat stehen, sollen exklusiv anschaubar sein. Den ganzen Wahnsinn multipler Bühnen und vieler paralleler „Activities“ wollten wir nie mitmachen. Wir bleiben menschlich, idyllisch und überschaubar. (tsch)
