Ukrainerin in Deutschland Hinter jedem Gang zum Bahnhof lauert blanker Horror

Eine rote Mohnblume vor einem zerstörten Gebäude in der ukrainischen Stadt Mariupol. Ein Symbol, dass die Zeit alle Wunden heilt?

Eine rote Mohnblume vor einem zerstörten Gebäude in der ukrainischen Stadt Mariupol. Ein Symbol, dass die Zeit alle Wunden heilt?

Unsere ukrainische Kollegin, die Journalistin Yuliia Dysa, schreibt in einer regelmäßigen Kolumne über ihre ganz persönlichen Gedanken und Gefühle während des schrecklichen Krieges in ihrer Heimat sowie über das Leben ukrainischer Geflüchteter.

Das Leben hat mich eine einfache Regel gelehrt: Die Dinge werden sich bessern. Und: Die Zeit heilt alle Wunden.

Nach Verlusten und Trennungen, gesundheitlichen Problemen, unerwarteten Karriere-Wendungen und anderen Höhen und Tiefen, die das Leben so mit sich bringt, wusste ich bislang: Mich erwartet immer etwas Besseres, wenn ich die nächste Krise überwunden habe.

Krieg in der Heimat: Heilt die Zeit alle Wunden?

Ich erinnere mich noch sehr gut an die ersten Wochen, nachdem ich Anfang März in Deutschland angekommen war. Unsere liebevollen, fürsorglichen Freunde taten ihr Bestes, um uns zu helfen, und dabei sagten sie so etwas Ähnliches wie: „Es kommen auch wieder bessere Zeiten.“

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Nun, im Moment kommen sie nicht. Zumindest noch nicht. Denn alles hat sich dramatisch an jenem Tag geändert, als wir mit der Schlagzeile aufwachten: „Russland bombardiert Kyjiw“. Seitdem herrschen irgendwo tief in unserem Innern beklemmende Verzweiflung und Angst, dass diese einfache Regel, von der ich eingangs sprach, nie wieder gelten wird. Dass dieser hoffnungsvolle Gedanke nie mehr in Erfüllung geht.

Zwei weitere Dinge, die mein Empfinden aktuell enorm stören, sind Züge und Musik. Kein Wunder, sind sie doch für alle Ukrainerinnen und Ukrainer aus so vielen verschiedenen und gleichzeitig ganz ähnlichen Gründen zum Symbol des Krieges geworden.

Es war unglaublich schwer für mich, in den ersten Monaten nach Kriegsbeginn hier in Deutschland an den Bahnhöfen zu sein. Ehrlich gesagt ist es das immer noch, und ich reise viel.

Zum einen verbergen sich hinter vielen Gesichtern und Stimmen Geschichten, von denen jede ein komplettes Horrorszenario ist, das vor Gericht gehört. Und dann ist da noch die Gewissheit, dass man selbst nicht genug tun kann, um die Situation irgendwie zum Besseren zu wenden.

Wir alle wissen, dass Musik in schwierigen Momenten immer eine gute Idee ist. Diesmal ist das allerdings nicht so. Denn jedes Lied aus meiner Playlists weckt Erinnerungen. Erinnerungen an die Zeit, als meine einfache Regel noch galt. Das hat mich eine lange Zeit so bewegt, dass ich es einfach nicht ertragen konnte.

Während ich diesen Text beende, erreiche ich den Kölner Hauptbahnhof in einem Zug, in dem ich viele ukrainische Stimmen höre. Ich bin spät am Abend unterwegs, sodass ich es sogar geschafft habe, einen Sitzplatz zu ergattern. Ja, eine seltene, aber immer noch mögliche Sache während der 9-Euro-Ticket-Monate. Ich höre Musik. Und ich realisiere: Es gibt wirklich Dinge, an die man sich gewöhnt. Aber einige davon werden einfach nicht besser. 

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