„Diesen Teil sehen Sie nicht mehr“ Unsere ukrainische Journalistin sagt, wie es für Geflüchtete wirklich ist

Ukrainische Geflüchtete stehen Anfang März an der Grenze zu Polen in Korczowa. AFP

Ukrainische Geflüchtete stehen Anfang März an der Grenze zu Polen in Korczowa.

Unsere ukrainische Kollegin, die Journalistin Yuliia Dysa, schreibt in einer regelmäßigen Kolumne ihre ganz persönlichen Gedanken und Gefühle über den schrecklichen Krieg in ihrer Heimat nieder. In ihrer ersten Folge beschreibt sie eindrücklich, wie sich viele ihrer Landsleute derzeit in Deutschland fühlen.

Liebe Leserin, lieber Leser, leider müssen wir uns unter Bedingungen begegnen, die wir uns so nie hätten vorstellen können. Aber hier sind wir nun – und senden Grüße an George Orwells „1984“.

Wie viele andere Ukrainerinnen und Ukrainer bin ich nur aus einem einzigen Grund hier: Leben retten. Wir sind nicht aus imaginären Gründen geflohen, nicht weil wir uns die Angst einbilden. Sondern weil wir tatsächlich getötet werden können, weil uns eine russische Besatzung oder die nächste russische Rakete in Wirklichkeit das Leben kosten kann.

Unser Leben, das Leben eines jeden Flüchtlings besteht zurzeit aus einer Art „War Life Balance“. Und ich verwende das Wort „Flüchtling“ hier ganz bewusst statt des Wortes „Migrant“ – nicht nur, weil es der Krieg ist, vor dem wir flüchten. Sondern auch, weil fast jeder, der flieht, von einer schnellen Rückkehr träumt.

„War Life Balance“ – das Wort „Balance“ ist dabei eigentlich weit gefehlt. Vielleicht erinnern Sie sich noch an diese Aussage, die oft von den Jüngeren getätigt worden ist: „Ich möchte ein Leben leben, nicht nur existieren.“ Ihnen ging es natürlich um die viel genannte „Work-Life-Balance“ – also der Versuch, dass das Arbeits- und Privatleben miteinander in Einklang steht.

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Doch für uns Ukrainerinnen und Ukrainer – jeden Alters – ist dieser Satz bedeutsam. Beide Aspekte – leben und existieren – kennen sie mittlerweile zu gut.

Ukraine: „Tage sind zu Fragmenten geworden, aus Leben und Krieg“

Inzwischen dauert der Krieg vier Monate lang – und die Tage sind zu Fragmenten geworden, Bruchstücken aus Leben und aus Krieg, in oft unterschiedlichen Ausmaßen, mal überwiegt das eine mehr, dann wieder das andere. Und selbst, wenn man denkt, man hat sich daran gewöhnt – eigentlich ist es unmöglich, sich daran zu gewöhnen.


Hier finden Sie weitere Kolumnen und Artikel unserer ukrainischen Kollegin Yuliia Dysa.


Der erste Teil: Sie begrüßen einen Sonnenuntergang auf einer Treppe der Rheinpromenade in Köln-Deutz – der Inbegriff von Leben und Lebendig sein. Dann der zweite Teil: Jemandem wird in Ihrer eigenen Heimatstadt genau in diesem Moment von russischen Raketen dieses Leben zerstört oder genommen. Als Nächstes folgt ein zähflüssiger Sumpf aus Hass und Verzweiflung, ein Schuldgefühl gegenüber den Überlebenden, eine „Überlebensschuld“ – das widersprüchliche Gefühl, im Vergleich zu den anderen „davongekommen“ zu sein.

Ukraine-Krieg: „Dieses Gefühl verschwindet nie“

Das ist – glauben Sie mir – der ständige Begleiter eines jeden Ukrainers und einer jeden Ukrainerin, die nicht in einem von Russland besetzten Gebiet oder unter ständigem Raketenbeschuss leben muss. Das verschwindet nie.

Ich möchte meine ersten Gedanken in diese Kolumne gießen – und ich versuche wirklich mein Bestes, nicht notorisch dramatisch zu wirken (vermutlich ist es jetzt an der Zeit, mit den Augen zu rollen). Sicherlich haben Sie schon meine Landsleute in Ihren Städten gesehen, haben gesehen, wie sie ihre Zeit mit einem Lächeln verbringen, vielleicht sogar laut lachen. Aber der Punkt ist: Viel zu oft endet dieses Lachen einfach in einem emotionalen Zusammenbruch – doch diesen Teil sehen viele von Ihnen dann nicht mehr.

Und während ukrainische Soldatinnen und Soldaten auf dem Schlachtfeld kämpfen, kämpfen die Menschen hierzulande weiter gegen ihre eigenen Dämonen. Und das ist auch ein erbitterter Kampf, da diese Dämonen erst nach dem 24. Februar stärker geworden sind – gleichzeitig ist aber auch uns Ukrainerinnen und Ukrainern klar geworden, wie stark wir selbst sind.

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