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Experte warnt vor der Ost-Wahl„Die Parteien halluzinieren!“

Ulrich Siegmund (AfD) am 2. September nach der Wahlarena mit den Spitzenkandidaten zur Landtagswahl in Halle (Saale).

Copyright: Hendrik Schmidt/dpa

Ulrich Siegmund (AfD) am 2. September nach der Wahlarena mit den Spitzenkandidaten zur Landtagswahl in Halle (Saale).

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Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt steht die AfD in Umfragen so stark da wie nie. Ein Soziologe erklärt, warum das kein reines Ost-Problem ist – und warum die etablierten Parteien irren.

Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zeigen die aktuellen Umfragen ein Bild, das es in der Bundesrepublik so noch nicht gab: Die AfD steuert auf historische Rekordwerte zu. In jüngsten Umfragen kam die Partei auf 42 Prozent, die CDU erreichte 22 Prozent. Zum ersten Mal seit 1945 könnte eine vom Verfassungsschutz als teils rechtsextrem eingestufte Partei stärkste Kraft werden.

Über die Gründe hat die „Frankfurter Rundschau“ mit dem Soziologen Oliver Nachtwey gesprochen. Der Wissenschaftler ist Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel und veröffentlichte 2025 das Buch „Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus“.

Warum der Osten anfälliger ist

Als Erstes räumt der Soziologe mit einem Missverständnis auf: Wer das Wahlverhalten für ein rein ostdeutsches Problem hält, täusche sich nach Nachtweys Analyse. Das habe sich schon bei den vergangenen Bundestagswahlen gezeigt. In Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Hessen und Bayern liege die AfD in Umfragen bei rund 20 Prozent, nur in Hamburg sei sie schwächer. „Die AfD ist schon längst ein gesamtdeutsches Phänomen, trifft aber auf unterschiedliche Gelegenheitsstrukturen.“

Ein großer Unterschied liege für Nachtwey in den gewachsenen Strukturen. Im Westen gebe es noch deutlich stärkere alte Parteibindungen, die zwar ebenfalls erodierten, im Osten aber nie so gefestigt gewesen seien. Die Linkspartei wiederum habe dort lange eine Doppelrolle gespielt: Regierungspartei und regionale Anti-Establishment-Partei zugleich. Weil ihr viele ältere Wähler wegsterben, könne die AfD diese Rolle nun übernehmen. Ein Warnsignal für den Westen sieht der Forscher etwa im Ruhrgebiet: In Gelsenkirchen kam die AfD bei der jüngsten Kommunalwahl auf knapp 30 Prozent.

„Man ist im Osten viel stärker auf sich allein gestellt“

Wirtschaftlich hat der Osten zwar aufgeholt – der Frust bleibt trotzdem. Wie kann das sein? Nachtwey erklärt das mit fehlenden Puffern. Es gebe dort viel weniger privates Vermögen, eine schwächere Tarifbindung und weniger Betriebsräte. Der erreichte Wohlstand werde deshalb „als wahnsinnig prekär wahrgenommen“. Sein Fazit: „Man ist im Osten viel stärker auf sich allein gestellt.“

Entscheidend sei nicht der tatsächlich erlebte Abstieg, sondern die Sorge davor. Wer einen Aufstieg geschafft habe, ihn aber als unsicher empfinde, projiziere das häufig auf Migration – unabhängig davon, wie viele Zugewanderte vor Ort überhaupt leben. Dazu komme ein Denken in Nullsummen: Der Aufstieg anderer werde als eigener Verlust empfunden.

Dass diese Wahrnehmung völlig irrational sei, will Nachtwey allerdings nicht sagen. Die Menschen spürten sehr wohl, dass die Weltwirtschaft durch massive Umbrüche volatiler geworden ist und viele Industriejobs unsicher sind. Nur seien dafür nicht Migranten verantwortlich, sondern globale Verschiebungen „und die deutschen Manager, die sich recht überheblich gegenüber der internationalen Konkurrenz gezeigt haben“.

„Im Osten ist man die Peripherie im eigenen Land“

Ganz schutzlos sei der Westen nicht: Er verfüge über strukturelle Stabilisatoren, über Vereins- und Gewerkschaftsstrukturen, in denen die AfD bislang schwerer Fuß fasse. Der Osten dagegen sei oft nur Standort für Vorposten westlicher Konzerne.

Nachtwey formuliert es drastisch: „Wenn VW einige seiner Werke schließen muss, wird im Zweifel Zwickau dichtgemacht – und nicht Wolfsburg. Im Osten ist man die Peripherie im eigenen Land.“

„Die etablierten Parteien halluzinieren“

Hart geht der Wissenschaftler mit dem Umgang der demokratischen Parteien ins Gericht. „Aus meiner Sicht halluzinieren die etablierten Parteien über die Problematik“, sagt er. Sie glaubten, der AfD das Wasser abzugraben, wenn sie beim Thema Migration rhetorisch nachziehen.

Politikwissenschaftliche Untersuchungen zeigten das Gegenteil: Man stärke die Partei, legitimiere sie und mache es Wählern leichter, sich zu ihr zu bekennen – nach dem Motto: „Seht her, das sagt die CDU doch jetzt auch.“

Kanzler Friedrich Merz hat sich vorgenommen, die AfD-Ergebnisse zu halbieren. In Teilen der Union gebe es weiter die Illusion, man könne die Partei spalten und den bürgerlichen vom rechtsextremen Teil trennen, so Nachtwey. Diesen Leuten rät er, „noch einmal die Geschichtsbücher über die Machtergreifung der Nationalsozialisten zu studieren“. Damals habe es im Bürgertum exakt dieselbe Illusion gegeben, man könne solche Kräfte einhegen oder entzaubern. (mg)

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