Der vergessene Krieg im Schatten der Ukraine Die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart

Ein Kind steht im März 2020 in der Nähe von Häusern, die während des anhaltenden Krieges in der Provinz Saada im Jemen durch Luftangriffe zerstört wurden.

Ein Kind steht im März 2020 in der Nähe von Häusern, die während des Krieges in der Provinz Saada im Jemen durch Luftangriffe zerstört wurden.

Der Krieg im Jemen dauert bereits sieben Jahre. Jeden Tag sterben dort Menschen. Doch in den Nachrichten hört man nicht viel vom ärmsten Land des Nahen Ostens.

Bereits im Jahr 2018 bezeichneten die Vereinten Nationen die Not im Jemen als die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart.

Die medizinische Versorgung ist weitgehend unterbrochen, heißt es in dem Bericht. Die Wirtschaft ist zusammengebrochen, wodurch viele Menschen nur noch von den Hilfsgütern von Hilfsorganisationen überleben können. Krankenhäuser sind überfüllt, auch mit unterernährten Kindern. 80 Prozent der 30 Millionen Einwohner und Einwohnerinnen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Krieg im Jemen: Wer kämpft gegen wen?

Warum im Jemen überhaupt Krieg herrscht, ist sehr kompliziert. Es kämpfen mehrere Parteien gegeneinander. Zum einen die aufständischen Rebellen, die Huthi, die große Teile des Landes, unter anderem die Hauptstadt Sanaa, kontrollieren. Die Huthi sind hauptsächlich im Nordwesten des Landes ansässig.

Die Huthis gehören einer religiösen Strömung des schiitischen Islams an. Sie warfen der sunnitischen Regierung schon in Zeiten vor dem Krieg Diskriminierung vor. Aufgrund dieser Spannungen kam es 2004 zum Aufstand der Huthi, der 2014 im Bürgerkrieg endete. Sie kämpfen für ihre Glaubensrichtung.

Huthis sind im Jemen inzwischen sehr radikal

Im Nordwesten erfahren die Huthi unter der Bevölkerung eine große Zustimmung und Unterstützung, da die Regierung diese Gebiete so lange vernachlässigte. Die Huthi sind jedoch inzwischen sehr radikal und gewalttätig. Donald Trump stufte sie 2021 als Terrororganisation ein. Diese Amtshandlung war sehr umstritten, da es negative Auswirkungen auf die zivile Bevölkerung hatte. Laut der Jemen Expertin Elisabeth Kendall sind die Huthi objektiv durchaus eine terroristische Vereinigung.

In einem Interview mit dem „Spiegel“ im Februar 2021 sagte sie: „Es gibt einige Aspekte, warum die Huthi diese Bezeichnung inzwischen durchaus verdienen. Ursprünglich waren die Huthi aber nicht gewalttätig oder terroristisch. In ihren Anfängen machten sie als schiitische Minderheit in den Neunzigerjahren zunächst auf Missstände aufmerksam, und das war legitim. Sie waren wegen ihrer Religion gesellschaftlich und wirtschaftlich benachteiligt. Inzwischen befinden sie sich mit Unterbrechungen seit 16 Jahren im Krieg und, wie man weiß, Gewalt züchtet Gewalt. Die Huthi rekrutieren Kinder, inhaftieren und foltern Andersdenkende.“

Militärkoalition angeführt von Saudi-Arabien unterstützt Regierung im Jemen

Der größte Gegner der Huthi ist die von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition. Diese unterstützt die jemenitische Regierung unter Präsident Hadi, der 2015 nach dem Angriff der Huthi nach Saudi-Arabien geflohen ist. Die Militärkoalition verübt vor allem Luftangriffe, die viele zivile Opfer mit sich bringen.

Der UN-Menschenrechtsrat hat Saudi-Arabien im Krieg im Jemen Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen vorgeworfen, da bei den Offensiven keine Rücksicht auf zivile Opfer genommen wird. Untersuchungen wurden jedoch eingestellt, nachdem die saudische Führung durch ihren Einfluss in der UN interveniert hatte und beispielsweise mit der Einstellung von Zahlungen an UN-Organisationen gedroht hatte. Das berichtete unter anderem die Zeitschrift für die Vereinten Nationen und ihre Sonderorganisationen, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V..

Südübergangsrat wird im Jemen von VAE unterstützt

Eine weitere Gruppierung ist der Südübergangsrat, welcher von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt wird. Dieser fordert die Unabhängigkeit von Südjemen, wie es bereits vor der Wiedervereinigung in den Neunzigern war. Das Land Jemen war bis 1990 geteilt in die Jemenitische Arabische Republik im Norden und die sozialistische Volksrepublik Südjemen. Die Menschen im Südjemen fühlen sich nicht repräsentiert, da die Regierung nach der Wiedervereinigung von Nordjemeniten gestellt wurde und die Werte des konservativen islamischen Nordens die des Südens verdrängen.

Die Konfliktparteien im Jemen (04.01.2022)

Die Konfliktparteien im Jemen

Zusätzlich kämpfen noch mehrere kleinere Gruppen im Krieg für ihre Interessen, auch radikal-islamische Gruppen wie Al-Kaida und der IS sind vertreten. Vertreter von Al-Kaida werden im Jemen auch von den USA bekämpft.

Großmächte Saudi-Arabien und Iran bekriegen sich im Jemen

Die Huthi werden logistisch vom Iran unterstützt. Die Militärkoalition wird von mehreren arabischen Staaten, allen voran Saudi-Arabien, geführt. Dadurch ist der Konflikt im Jemen auch eine Art Stellvertreter-Krieg zwischen den zwei Großmächten Saudi-Arabien und Iran, die schon seit Jahren verfeindet sind und um die Vorherrschaft im Nahen und Mittleren Osten wetteifern. Ein Ende des Krieges ist lange nicht in Sicht, die Situation ist sehr verfahren und aufgrund der vielen unterschiedlichen Interessen auch sehr unübersichtlich.

Die Leidenden des Krieges sind wie immer die Bevölkerung. Durch den Krieg wurde mehreren Generationen die Perspektive genommen. Eine Generation, die Jüngsten, ist zum Teil ganz verloren. Ein großes Problem ist der Hunger. Vor allem Kinder sterben am Hungertod.

Katastrophale humanitäre Lage im Jemen: Kinder verhungern

Laut einem Bericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen sind seit Kriegsbeginn im Jahr 2014 mehr als 377.000 Menschen gestorben. 40 % davon sind durch Kriegshandlungen umgekommen, 60 % durch indirekte Folgen, wie Krankheiten und Hunger. Der Bericht zeigt auf, dass alle neun Minuten im Jemen ein Kind unter fünf Jahren an Hunger stirbt. Sollte der Krieg weiter andauern, wird sich die Lage noch weiter verschlimmern. Die UN geht davon aus, dass bis 2030 1,3 Millionen Menschen an den Folgen des Krieges gestorben sein werden.

Ein unterernährter Junge sitzt auf einem Krankenhausbett im Aslam Health Center in Hadschah im Jemen im Oktober 2018

Hungersnot im Jemen: Ein unterernährter Junge sitzt auf einem Krankenhausbett im Aslam Health Center in Hadschah im Oktober 2018.

Die Lage wird noch verheerender, da viele Hilfsorganisationen Probleme haben, die Hilfsgüter zu den Menschen zu bringen. Die Militärkoalition hatte in der Vergangenheit Schiffe aus dem Ausland blockiert, um die Regionen der Huthi zu schwächen und um Waffenlieferungen vom Iran an die Huthi zu stoppen. Dadurch konnten keine Nahrungs-, Medizin-, Öl- und Gaslieferungen in dem Land ankommen.

Heute gibt es in den von den Huthi kontrollierten Gebieten immer noch Probleme bei der Belieferung von essenziellen Gütern. Auch die Huthi blockieren Hilfsgüter für die zivile Bevölkerung, indem sie die Waren zum Teil selbst einbehalten oder für den eigenen Profit Zölle auf die Ware erheben.

Ukraine-Krieg verschlimmert Situation im Jemen

Der Krieg in der Ukraine könnte auch fatale Auswirkungen auf die Lage im Jemen haben. Ein Drittel der Weizenimporte im Jemen stammen aus der Ukraine. Die Hungersnot wird durch den Wegfall dieser Importe noch weiter angeheizt.

Außerdem hat sich die Position Saudi-Arabiens in der Welt durch die Invasion Russlands geändert. Europa will unabhängig von Russlands Gas und Öl werden und setzt bei den Energielieferanten nun mehr auf Saudi-Arabien. Saudi-Arabien, welches selber von der UN und verschiedenen Menschenrechtsorganisationen beschuldigt wird Menschenrechtsverletzungen im Jemen zu verüben, ist dadurch erstarkt und hat eine bessere Verhandlungsposition. Dadurch ist es für andere Staaten beinahe unmöglich, Druck auf die Saudis auszuüben, den Krieg im Jemen zu beenden. Mehrere Staaten tun es jedoch auch einfach nicht, um die profitablen wirtschaftlichen Beziehungen zu Saudi-Arabien nicht zu gefährden.

Medien berichten kaum über Krieg im Jemen

Der Konflikt im Jemen scheint tatsächlich der vergessene Krieg zu sein, denn es existieren verhältnismäßig wenige Meldungen darüber in den internationalen Medien. Zurzeit sind die Nachrichten voll mit Meldungen aus der Ukraine. In den vergangenen Jahren kam man um den Krieg in Syrien kaum herum, und auch über Libyen wurde berichtet. Dabei sind westliche Nationen durch Waffenverkäufe an Saudi-Arabien oder an die Vereinigten Arabischen Emirate indirekt in den Krieg involviert. Die USA unterstützen zusätzlich noch durch strategische Beratungen die von den Saudis angeführte Militärkoalition.

Menschen zeigen am 13.04.2017 in Sanaa ihre Dokumente, um eine Essensration durch eine lokale Wohltätigkeitsorganisation zu erhalten.

Hungersnot im Jemen – Menschen zeigen am 13.04.2017 in Sanaa ihre Dokumente, um eine Essensration durch eine lokale Wohltätigkeitsorganisation zu erhalten.

Im ersten Moment würde man vermuten, dass die geringe Berichterstattung aufgrund der großen Distanz und der unterschiedlichen Kultur und Religion erfolgt. Denn das Land Jemen ist geografisch weit weg von Deutschland und war noch nie ein großer Handelspartner. Doch auch über Syrien wurde viel berichtet.

Kaum Geflüchtete aus dem Jemen in Europa

Ein Grund für die geringe Aufmerksamkeit ist, dass der Staat politisch von Saudi-Arabien abgeschottet wird, da das nördlich angrenzende Land hier ungestört seine eigenen Interessen durchsetzen möchte. Ein anderer Umstand könnte der wesentliche Grund für die wenigen Berichte in westlichen Medien sein: Es kommen kaum Geflüchtete aus dem Jemen nach Europa. In der Lebensrealität der Menschen in Mitteleuropa spielen die Menschen aus dem Jemen dadurch kaum eine Rolle.

Saudi-Arabien schottet die Grenze zum Jemen zu sich ab. Die Menschen können ihr Land also nicht über Saudi-Arabien verlassen. Saudi-Arabien bildet für die Jemenitinnen und Jemeniten jedoch den einzig möglichen Landweg. Nach Süden und Westen könnten sie über das Meer an das Horn von Afrika gelangen. Doch in Ländern wie Somalia, Dschibuti oder Eritrea sind die Lebensumstände kaum viel besser. Und die Reise von Ostafrika nach Europa ist sehr beschwerlich und risikoreich. Also müssen die Menschen dort bleiben und auf eine bessere Zukunft hoffen. (rei)

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